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Cover Kind ohne Namen

Kind ohne Namen

Erschienen 2017 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
288 Seiten
ISBN 978-3-257-60817-5

Kurztext / Annotation

Nach einem Jahr an der Universität kommt Xenia in ihr Heimatdorf zurück. Sie ist schwanger, doch niemand soll das wissen. Als ein Dutzend Fremde in der Schule einquartiert wird, gerät das Dorf in Aufruhr. Um den Frieden wiederherzustellen, lässt sich Xenias Mutter auf einen verhängnisvollen Handel mit dem Burgherrn ein. Das Pfand: ein ungeborenes Kind.

Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, studierte Philosophie in München und Journalismus in New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben. Sein Debüt Die Welt ist im Kopf Das Sandkorn

Textauszug

{52} Luft

F rühlingsmorgen auf dem Land, wo die Welt bekanntlich noch in Ordnung ist. Eine junge Frau in einem weißen Kleid rollt auf einem lila Fahrrad eine Straße hinab. Die Haare wehen im Fahrtwind und leuchten golden in der tiefstehenden Morgensonne. Aus dem Korb, der an der Lenkstange befestigt ist, ragen drei Baguettes, mindestens so goldgelb wie die fliegenden Haare. Als die junge Frau schwungvoll auf den Hof des alten Schulhauses einbiegt, klingelt sie übermütig.

Wie in der Werbung. Die junge Frau, also ich, hat auch ein Paket Butter dabei, selbstgemachte Marmelade, aber die Baguettes kommen aus der Tiefkühltruhe. Mutter hat sie aufgebacken und mich mit allem losgeschickt. Es ist übrigens der Morgen nach dem Fest, die Biertische stehen noch, der Grill riecht nach erkaltetem Fett. Onkel Hermann ist nicht mehr da, Gott sei Dank, eine schnarchende Bierleiche, das fehlte noch.

Die junge Frau holt ein rotweißkariertes Tischtuch aus dem Korb und streicht es über einem Biertisch glatt. Das Sägemesser blitzt im Sonnenlicht auf. Sie öffnet die Schnappverschlüsse der altmodischen Marmeladegläser, die von Hand beschriftete Etiketten tragen. Ein paar Holzbrettchen noch, die Butterschale an ein schattiges {53} Plätzchen gerückt - jetzt lächelt sie zufrieden und einladend, als ein junger Mann aus dem Schulhaus tritt, näher schlendert, einen Finger in die Erdbeermarmelade steckt und abschleckt. Schmeckt, man sieht's. Dann deutet er auf die Baguettes und sagt: White f lour, much gluten. Er legt die Hand auf den Bauch: Sorry, gives me belly-ache.

Das Licht ist auf einmal nicht mehr so golden. Ich denke: Ach, die auch schon.

In meinem beschränkten Horizont gehört Weißmehlunverträglichkeit in die hippen Viertel der großen Städte, dahin, wo die Veganerläden sind. Als ich an der Uni war, gab es kaum eine Kommilitonin, die ohne Ess-Macke auskam. In der Mensa zeigten sie entgeistert auf mein Tablett: Das isst du? Sie dachten wohl, weil ich vom Land komme, hab ich den Magen eines Schweins.

Ich schaue Ahmed an, der schaut mal wieder auf sein Telefon. Das hängt nicht vom Wetter ab, mein orientalischer Freund. Aber schön, wenn du kein Weißbrot isst, fällt das Frühstück flach. Dann können wir auch gehen.

Er wird mich dafür lieben.

Okay, come with me, sage ich, let's go.

Die anderen werden das Frühstück schon finden.

Zwei Dorfstraßen sind nicht zu vermeiden. Ich sehe niemanden, aber man sieht uns. Gardinen schwanken hinter Fensterscheiben. Und später wird man im Dorf erzählen, er habe mich in den Wald gezerrt. Die Polizei hat trotzdem keiner gerufen. Ahmed fragt, wohin wir gehen.

Up, sage ich, to telephone waves.

Wir erreichen den Waldrand. Im Gehen binde ich meine Haare zusammen, Ahmed ist hinter mir, Telefon in der {54} Hand wie einen Kompass. Vielleicht zeichnet er den Weg mit einer App auf. Man kann sich hier leicht verlaufen.

Im Waldschatten ist es kühl und feucht, und ein weißes, leichtes Frühlingskleid eine schlechte Idee. Espadrilles auch, aber egal. Ich gehe rasch bergan. Mein Begleiter ist wohl nicht in Form, ich hör ihn keuchen. Ab und zu schnellt ihm ein Ast entgegen, den ich weggebogen habe. Das scheint er nicht zu kennen - Stadtkind, denke ich, etwas mitleidig. Oder wo guckt der hin? Auf die Äste müsste er achten, dann könnte er sie abfangen, bevor sie ihm ins Gesicht klatschen. Ich hör ihn etwas murmeln, in seiner Sprache, es klingt genervt. Einmal muss ich mich orientieren; schon eine Weile her, dass ich den Weg gegangen bin. Ahmed ist für die Pause dankbar, steht da, Arme in die Hüften gestemmt. Vielleicht hat er Seitenstechen.

Muss ich jetzt Angst haben? Mit einem fremden Mann von weiß Gott woher im Wald, unpassend gekleidet, keine Hilfe weit und breit?

Aber ich glaube, dass ich die Situation unter Kontrolle habe. S

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Christoph Poschenrieder, 1964 bei Boston geboren, wohnt in München. Er studierte an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München und setzte sich schon mit Schopenhauer auseinander, lange bevor er seinen ersten Roman schrieb. Außerdem besuchte er die Journalistenschule an der Columbia University, New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben.

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