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Cover Stürmischer als das Meer

Stürmischer als das Meer

Briefe aus England

von Voltaire; Übersetzt von: Rudolf von Bitter

Erschienen 2017 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
224 Seiten
ISBN 978-3-257-60822-9

Kurztext / Annotation

Unsere zivilisatorischen Werte wie Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit verdanken wir dem Zeitalter der Aufklärung. Voltaires Briefe aus England Candide

Textauszug

{9} Erster Brief

Von den Quäkern

I ch fand, dass die Auffassungen und die Geschichte eines so außergewöhnlichen Volkes die Neugierde eines vernünftigen Menschen wert seien. Um es kennenzulernen, habe ich einen der bekanntesten Quäker 1 Englands aufgesucht, der, nachdem er dreißig Jahre lang im Handel tätig gewesen war, seinem Vermögen und seinen Wünschen hatte Grenzen setzen können und sich auf ein Landgut bei London zurückgezogen hatte. Ich suchte ihn in seiner Abgeschiedenheit auf; es war ein kleines, mit Sorgfalt, aber ohne Zierrat solid gebautes Haus. Der Quäker war ein rüstiger alter Herr, der noch nie krank gewesen war, denn {10} er kannte weder Leidenschaften noch Unmaß; noch nie in meinem Leben habe ich jemanden so Vornehmes und Sympathisches gesehen wie ihn. Er trug wie alle Leute seines Glaubens eine Tracht ohne seitliche Falten und ohne Knöpfe an Taschen und Ärmeln sowie einen großen Hut mit breiter Krempe wie bei uns die Geistlichen. Er empfing mich mit dem Hut auf dem Kopf und kam auf mich zu, ohne seinen Körper auch nur im Geringsten zu verneigen, aber in seinem offenen und freundlichen Gesichtsausdruck lag mehr Höf lichkeit als in der Gewohnheit, einen Kratzfuß zu machen und in der Hand zu halten, was auf den Kopf gehört. "Freund", sagte er zu mir, "ich sehe, dass du fremd bist. Falls ich dir von irgendeinem Nutzen sein kann, sage es mir nur."

"Sir", gab ich zurück, wobei ich mich verbeugte und nach unserer Gewohnheit einen Fuß vorschob, "ich schmeichle mir mit dem Gedanken, dass Ihnen meine schlichte Neugierde nicht missfallen wird und dass Sie mir die Ehre machen, mich in Ihren Glauben einzuweihen."

"Die Leute deines Landes", antwortete er mir, "machen zu viele Komplimente und Verbeugungen. Aber bisher habe ich von denen noch keinen {11} gesehen, der so viel wissen wollte wie du. Tritt ein und lass uns zunächst gemeinsam essen."

Ich machte noch ein paar unpassende Komplimente, weil man seine alten Gewohnheiten nicht mit einem Schlag loswird. Nach einem gesunden und einfachen Mahl, das mit einem Gebet begann und endete, schickte ich mich an, meinen höf lichen Wirt zu befragen. Ich begann mit der Frage, die gute Katholiken den Hugenotten 2 mehr als einmal gestellt haben: "Monsieur", fragte ich ihn, "sind Sie getauf t?"

"Nein", antwortete der Quäker, "und meine Glaubensbrüder sind es auch nicht."

"Ach herrje, verdammt", gab ich zurück, "Sie sind also gar keine Christen?"

"Mein Sohn", erwiderte er sanft, "fluche nicht. Wir sind Christen und bemühen uns, gute Christen zu sein, aber wir glauben nicht, dass das Christentum darin besteht, sich kaltes Wasser, das mit etwas Salz versetzt ist, auf den Kopf zu gießen."

{12} "Himmelherrgott!", rief ich, ganz ungehalten bei dieser Gottvergessenheit. "haben Sie vergessen, dass Jesus Christ von Johannes getauf t worden ist?"

"Freund, noch einmal: Lass die Flüche", sagte der sanf te Quäker. "Christus wurde von Johannes getauf t, er selbst hat aber nie irgendjemanden getauf t. Wir sind nicht Schüler des Johannes, sondern Christi."

"Oje", meinte ich, "wie Sie verbrannt würden in den Ländern der Inquisition, armer Mann! ... Also wirklich! Im Namen Gottes, ich muss Sie taufen und zum Christen machen!"

"Wenn es bloß darum ginge, sich deiner Schwäche wegen dazu herbeizulassen, täten wir es gerne", erwiderte er gewichtig. "Wir verurteilen niemanden wegen des Gebrauchs der Taufzeremonie, aber wir glauben, dass diejenigen, die sich zu einem so heiligen und so geistlichen Glauben wie dem christlichen bekennen, sich der jüdischen Zeremonien enthalten sollten, soweit sie können."

"Wie können Sie das nur sagen?!", rief ich. "Die Taufe eine jüdische Zeremonie!"

"Ja, mein Sohn", fuhr er fort, "und zwar so {13} jüdisch, dass manche

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