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Cover Die Lieben der Melody Shee

Die Lieben der Melody Shee

von Donal Ryan; Übersetzt von: Anna-Nina Kroll

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
304 Seiten
ISBN 978-3-257-60875-5

Kurztext / Annotation

Als Melodys Mann sich nach zwei Fehlgeburten heimlich sterilisieren lässt, beantwortet sie diesen Vertrauensbruch mit einer Affäre und wird schwanger - von einem ihrer Schüler. Das hat Konsequenzen im erzkatholischen Irland. Melody schwankt zwischen dem stillen Glück, das das werdende Leben in ihr auslöst, und der Schuld, die sie mit seiner Entstehung auf sich geladen hat. Doch die Entscheidung, die sie letztlich trifft, ist so unkonventionell wie mutig.

Donal Ryan, geboren 1976 in Nenagh, Tipperary, studierte Bauingenieurwesen und Jura; er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Castletroy, Limerick. Für Die Gesichter der Wahrheit

Textauszug

{15} Dreizehnte Woche

M eine Tage sind jetzt in Quadranten eingeteilt. Ich wache pünktlich um acht Uhr auf wie schon mein ganzes Leben. Die erste Stunde jedes Tages bin ich überzeugt, dass ich mich tatsächlich umbringen werde. Erleichterung macht sich breit. In der Stunde danach male ich mir aus, was es für Konsequenzen hat, wenn ich mich umbringe. Die Erleichterung verfliegt. Die nächste Stunde bin ich mir sicher, dass ich mich nicht umbringen werde. Erleichterung. In der Stunde danach male ich mir aus, was es für Konsequenzen hat, wenn ich mich nicht umbringe. Die Erleichterung verfliegt. Dieser Kreislauf wiederholt sich noch dreimal, und dann gehe ich ins Bett. Ich schlafe acht Stunden.

Was hält mich auf dieser Erde? Die Angst vor den Schmerzen. Und die Panik, die ich mir im Blick meines Vaters vorstelle, wenn er den Streifenwagen mit Pfarrer Cotter auf dem Beifahrersitz vorfahren sieht. Seine Hände zittern, während er am Schloss herumfuhrwerkt, er muss sich am Türpfosten {16} festhalten, um überhaupt aufrecht stehen zu können. Seine Knie geben plötzlich nach, und der dicke Jim Gildea kommt ihm zur Hilfe, freundlich, stark, beschämt, oder ein junger Polizist, rotgesichtig und unbeholfen, der verzweifelt hofft, dass diese Tortur bald ein Ende hat. Er fängt meinen Vater auf und bringt ihn ins Haus und setzt ihn in einen Sessel. Ich sehe ihn allein an meinem Grab stehen, einen kalten Wind im Gesicht, Unverständnis im Blick, ich sehe die Scham, mit der er die Beileidsbekundungen von Freunden und kaum noch erinnerten Bekannten entgegennimmt, wie er Worte sagt, die in seinen Ohren nicht richtig klingen. Danke; sehr nett, dass du gekommen bist; wenigstens hat es nicht geregnet; sie ist jetzt an einem besseren Ort; jetzt ist sie bei ihrer Mutter. Der Gedanke an seine Einsamkeit, die Vollkommenheit seines Leids, die Vorstellung, dass seine Welt dann nur noch aus Kummer besteht.

Letzte Nacht habe ich geträumt. Einen dieser Träume, die so lebhaft sind, dass man nach dem Aufwachen eine Weile im Bett liegt und sich fragt, was wirklich ist. Ich war auf einem Treffen des Kurt-Cobain-Klubs. Breedie Flynn saß barfuß und in Shorts im Schneidersitz, und ich saß ihr im Schneidersitz gegenüber und sah sie an. Tränen strömten {17} über ihre Wangen, wurden kurz aufgehalten in den von Akne gegrabenen Vertiefungen, bevor sie zu Boden fielen. Ihr ganzes Gesicht war rot und von diesen Narben übersät, aber so schön, dass ich sie manchmal hasste. In meinem Traum waren wir in Breedies Zimmer, und über unseren Köpfen hatten wir ein Laken zwischen Sessellehne und Breedies Bett gespannt, mit Kissen und den Stofftieren aus Breedies Kindheit hatten wir uns gegen die Welt abgeschottet.

Breedie Flynn und ich gründeten den Kurt-Cobain-Klub im April 1994 . Breedie hielt ihn für einen Gott; ich nur für supersüß. Kurt Cobain litt sein ganzes kurzes Leben unter chronischen Magenschmerzen. So auch meine schöne Freundin. Sie sprach mit seinem Poster, als wäre er selbst im Raum; ich hörte verschämt zu und sah sie nicht an, wenn sie wie geistesabwesend meine Hand hielt. Dabei mochte ich es, wenn sie das tat. Der Kurt-Cobain-Klub war im Besitz folgender Dinge: ein Ouija-Brett, mit dem wir den Geist von Kurt Cobain heraufbeschwören wollten; eine Literflasche Wodka, aus der wir mit angstverzerrtem Gesicht kleine Schlucke tranken; ein Kassettenrekorder mit Mikrophon, auf dem wir Breedie Flynns wilde Geschichten aufnahmen und ihre imaginären Gespräche mit den coolen Mädchen, den Jungs, den {18} Lehrern und unseren Eltern, dabei imitierte sie ihre Stimmen so perfekt, dass man im Hintergrund immerzu mein schallendes Gelächter hörte.

Breedie sah mich im Traum an und fragte, Melody, warum hast du mich im Stich gelassen? Und sie nahm meine Hand und drückte sie, und sie trug einen Heiligenschein aus gleißendem Licht, und ihre Hand wa

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Donal Ryan, geboren 1976 in Nenagh, im Süden Irlands, studierte Bauingenieurwesen und Jura in Limerick, wo er bei der Staatlichen Behörde für Arbeitnehmerrechte beschäftigt ist. Für seine Romane wurde er bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Donal Ryan lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Castletroy, Limerick.

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