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Cover Die Farbe des Blutes

Die Farbe des Blutes

von Brian Moore; Übersetzt von: Otto Bayer

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
208 Seiten
ISBN 978-3-257-60886-1

Kurztext / Annotation

In einem Ostblockland unternimmt Kardinal Stephan Bem seit Jahren den schwierigen Versuch einer Koexistenz mit der totalitären, atheistischen Regierung. An einem Sommerabend wird ein Attentat auf ihn verübt, das jedoch scheitert, und wenig später wird er von der Staatspolizei gegen seinen Willen in Schutzhaft

Textauszug

{5} 1

Es war zwischen neun und Viertel nach neun, als das Auto, das ihn in die Residenz zurückbrachte, auf den Platz der Proklamation einbog. Seit er aus der Sitzung gekommen war, hatte er nicht mehr auf die Uhr gesehen. Es regnete. Naß glänzten unter dem Sommerschauer die Statuen, die Dächer und Monumentalbauten am Platz; das Straßenpflaster glitzerte. Er knipste das Lämpchen über seiner Schreibunterlage an und begann zu lesen, nicht seine Notizen, sondern in einem Büchlein von Bernard de Clairvaux.

Denket ihr nicht, daß ein Mensch, der mit Vernunft geboren, nach dieser Vernunft jedoch nicht handelt, auf eine Weise nicht besser ist als die Tiere selbst? Das Tier nämlich, das sich von Vernunft nicht leiten läßt, sei damit entschuldigt, daß die Natur ihm diese Gabe vorenthält. Der Mensch indessen kann sich nicht entschuldigen.

Bei Bernard de Clairvaux konnte er manchmal die Welt seiner Pflichten vergessen und sich diesem Schweigen hingeben, in dem Gott wartete und richtete. Doch soeben sah er aus dem Augenwinkel einen schwarzen Wagen heranrasen und ganz dicht neben dem seinen herfahren. Er wandte den Kopf. Am Steuer dieses Wagens saß eine Frau mit grünem Kopftuch. Auf dem Beifahrersitz hob ein bärtiger Mann beidhändig einen Revolver und zielte auf ihn. In dem {6} Moment riß Joseph, sein Chauffeur, das Steuer herum und fuhr dem schwarzen Wagen voll in die Seite. Er fühlte sich umhergeschleudert wie in einer Zentrifuge, dann flog er aus dem Wagen und schlug hart aufs nasse Pflaster. Ein paar lange Sekunden lag er von Schmerz betäubt da und starrte in die unentrinnbare Dunkelheit des Nachthimmels.

Autos hupten; er hörte schnelle Schritte. Eine junge Frau mit grünem Seidentuch um den Kopf sah auf ihn herab; ihr Gesicht blutete, gespickt mit winzigen Glassplittern. Er setzte sich auf und sah einen großen dunklen Fleck an ihrem Oberschenkel, wo das Blut ihr durchs Kleid sickerte. "Alles in Ordnung?" fragte er ohne Sinn und Verstand. "Sind Sie verletzt?"

Sie antwortete nicht. Sie machte kehrt und ging schnell, wenn auch humpelnd, in Richtung Marktstraße davon. Autos, die auf den Platz kamen, bremsten und hielten, wie hypnotisiert von dem Unglück. Als er sich aufrichtete, wurde ihm schwindlig. Dann wurde sein Kopf wieder klar, und er sah aus einem Wagen einen Mann mittleren Alters zu ihm herüberstarren. "Sie ...", sagte der Mann, als wisse er nicht recht, wie er ihn anreden solle. "Alles in Ordnung ... Ehrwürden?"

Er nickte. Er ging zu den Autowracks, wo ein paar Männer versuchten den schwarzen Wagen von seinem alten Mercedes wegzuziehen. Einer, ein Polizist, rief laut: "Alle zusammen! Eins ... zwei ... los!" Die beiden Wagen trennten sich mit einem häßlichen Knirschen.

Er betrachtete die Verwüstung darunter. Der Tod war ihm vertraut. Er gehörte zu seinem Alltag. Er wußte genau, wann er eintrat, wann die Seele den Körper verließ. Joseph war übel zugerichtet, ein Arm hing lose in seiner Chauffeursjacke, ein Bein war so verdreht, daß der Fuß nach {7} hinten zeigte. Nur sein Gesicht war unversehrt. Es war bleich und so teilnahmslos, als hätte ein geschickter Chirurg den Verstand dahinter wegoperiert. Noch während sein Mund Worte des Gebetes formte, wußte er schon, daß Joseph nicht mehr bekam, wonach er am meisten verlangt hätte: den Trost der Sterbesakramente.

Blaulichter blitzten in gestaffelter Reihe über den Platz und spendeten gespenstisches Licht, als er sich von Josephs Leiche abwandte und zu dem anderen Mann ging. Man hatte ihn aus dem schwarzen Autowrack gezogen und in den Lichtkegel eines Scheinwerfers gelegt. Glassplitter glitzerten wie Edelsteine in dem bärtigen Gesicht und auf seiner blutenden Nase. Als er sich zu ihm hinunterbückte, stieg ihm starker Wodkageruch entgegen. "Hören Sie mich?" fragte er, und das entstellte Gesicht drehte sich zu ihm nach oben. Die Augen weiteten

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