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Cover Am Seil

Am Seil

Eine Heldengeschichte

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
128 Seiten
ISBN 978-3-257-60913-4

Kurztext / Annotation

Wie es dazu kam, dass der stille, wortkarge Kunsthandwerker Reinhold Duschka in der Zeit des Naziterrors in Wien zwei Menschenleben rettete. Wie es ihm gelang, die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in seiner Werkstatt zu verstecken. Wie sie zu dritt, an ein unsichtbares Seil gebunden, mit Glück und dank gegenseitigem Vertrauen überlebten. Was nachher geschah. Und warum uns diese Geschichte so nahegeht.

Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. Auroras Anlaß Abschied von Sidonie

Textauszug

{7} Er war der beste Freund ihres Vaters, zu einer Zeit, in der Männer noch beste Freunde und Frauen beste Freundinnen hatten, vor einer halben Ewigkeit also. Damals, Mitte der zwanziger Jahre, müssen sie sich kennengelernt haben, Rudolf Kraus und Reinhold Duschka, zufällig nach einer Vorlesung im Palais Eschenbach oder auf einer Lagerwiese in der Lobau oder schon bei Duschkas erster Kletterpartie mit dem Alpenverein, Peilstein im südlichen Wienerwald, stelle ich mir vor, und auf der Hütte oder während der Rückfahrt im holpernden Abteilwagen könnte er, zerschunden, todmüde, aber glücklich über eine neue Erfahrung, für die er keine Worte fand, neben Kraus zu sitzen gekommen sein, der die Gruppe geführt oder begleitet hatte. Es war die nüchterne Fürsorge, die ihn für den anderen einnahm, weil sie seiner eigenen Wesensart entsprach.

Duschka, dem Flachländer aus Berlin, war der Drang nach oben, ins Gebirge, die längste Zeit {8} fremd gewesen. Genaugenommen hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, bis er auf seiner langen Gesellenwanderung, schon mehr als sechshundert Kilometer von zu Hause entfernt, durch den Schwarzwald getippelt war. In Freiburg hatte er Station gemacht und war aus purer Sonntagslangeweile, oder weil der Name vielversprechend klang, auf den Hausberg Schauinsland gestiegen, von wo er bei Sonnenuntergang das Alpenpanorama erblickt hatte. Im Süden, am Horizont, lichtblaue Zacken unter einem rosagrauen Himmel. Damit war seine Sehnsucht geweckt.

In Wien, ein halbes Jahr später, wird ihn Rudolf Kraus in die Freundesgruppe eingeführt haben, die sich regelmäßig traf, um über Gott und die Welt zu diskutieren. Die letzten Tage der Menschheit und die Russische Revolution, der deutsche Expressionismus und das Rote Wien, die gesunde Ernährung und der gläserne Mensch, die freie Liebe und der technische Fortschritt, es ging wild durcheinander. Gut möglich, daß man sich bei Schlechtwetter oder in der kalten Jahreszeit bald schon in der Brigittenau traf, in einer engen ärmlichen Wohnung in der Pappenheimgasse 6 , die sich die schwarzhaarige, etwas füllige Regina Steinig mit ihrem Vater Josef Treister teilte, einem ehemaligen Gutsbesitzer aus einem Dorf nahe Trembowla, rund hundertsechzig {9} Kilometer südöstlich von Lemberg. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs war das Ehepaar Treister mit Regina und den Söhnen Arnold und Julian nach Wien geflüchtet, wo das Familienoberhaupt nur fallweise Arbeit fand, vielleicht auch nicht mehr die Kraft aufbrachte, sich und den Seinen eine neue Existenz aufzubauen, aber alles daransetzte, den Kindern eine akademische Ausbildung zu ermöglichen.

Je älter er wurde, um so häufiger suchte Josef Treister in der Religion Trost für die Widrigkeiten des Daseins. Seine Frau Anna war schon 1921 verstorben, an einer durch Myome verursachten Gebärmutterblutung, Arnold führte mit einem Kompagnon eine gutgehende Apotheke in der Innenstadt, und von Julian ist kaum mehr bekannt, als daß er wegen betrügerischen Kartenspiels zur Fahndung ausgeschrieben wurde und deshalb Hals über Kopf ins Ausland floh. Regina erfuhr als einzige der Familie, und auf Umwegen, daß ihr jüngerer Bruder nach mehreren Zwischenstationen in Lille ansässig geworden war, wo er zu Geld, Ansehen und offenbar auch einer Familie kam. Seine Freundin, die er in Wien zurückgelassen hatte, brachte bald nach Julians überstürzter Abreise ein Mädchen zur Welt, und Regina übernahm es, sich um die junge Frau und deren Kind zu kümmern, so wie sie auch nicht {10} gezögert hatte, den mittellosen Vater bei sich aufzunehmen. Arnold, ihr wohlhabender Bruder, war dazu nicht bereit gewesen, obwohl in der herrschaftlichen Wohnung in der Bäckerstraße, in der er sich mit seiner Frau Cecylia eingerichtet hatte, ausreichend Platz gewesen wäre. Nur widerwillig gab er seiner Schwester hin und wieder Geld, von dem sie die ohnehin bescheidenen Aufwendungen ihre

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