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Cover Vom Ende der Einsamkeit

Vom Ende der Einsamkeit

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
368 Seiten
ISBN 978-3-257-60930-1

Kurztext / Annotation

Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine große Liebesgeschichte.

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur zog er nach Berlin und widmete sich dem Schreiben, seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman Vom Ende der Einsamkeit

Textauszug

{13} Strömungen

( 1980 )

{15} A ls ich sieben war, machte meine Familie Urlaub in Südfrankreich. Mein Vater, Stéphane Moreau, stammte aus Berdillac, einem Dorf bei Montpellier. Tausendachthundert Einwohner, eine Boulangerie, eine Brasserie, zwei Weingüter, eine Schreinerei und eine Fußballmannschaft. Wir besuchten unsere Oma, die den Ort in den letzten Jahren nicht mehr verlassen hatte.

Wie auf allen längeren Autofahrten trug unser Vater eine alte, hellbraune Lederjacke, im Mundwinkel seine Pfeife. Unsere Mutter, die den Großteil der Fahrt über gedöst hatte, legte eine Kassette mit Beatles-Songs ein. Sie drehte sich zu mir um.

"Für dich, Jules."

Paperback Writer, damals mein Lieblingslied. Ich saß hinter ihr und summte mit. Die Musik wurde von meinen Geschwistern übertönt. Meine Schwester hatte meinen Bruder ins Ohr gekniffen. Martin, von uns nur "Marty" genannt, schrie auf und beschwerte sich bei unseren Eltern.

"Du blöde Petze." Liz zwickte ihn wieder ins Ohr.

Sie stritten heftiger, bis unsere Mutter sich umdrehte und beide ansah. Ihr Blick war ein Meisterwerk. Er zeigte sowohl Verständnis für Marty angesichts seiner gemeinen Schwester wie auch für Liz angesichts ihres nervigen {16} Bruders, vor allem aber zeigte er, dass jeglicher Streit total sinnlos war, und darüber hinaus deutete er sogar noch an, dass es für brave Kinder an der nächsten Tankstelle ein Eis geben könnte. Meine Geschwister ließen sofort voneinander ab.

"Wieso müssen wir eigentlich jedes Jahr zu Oma fahren?", fragte Marty. "Wieso können wir nicht mal nach Italien?"

"Weil es sich so gehört. Und weil eure mamie sich über euren Besuch freut", sagte Vater auf Französisch, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.

"Stimmt nicht. Sie mag uns gar nicht."

"Außerdem riecht sie so komisch", sagte Liz. "Nach alten Polstermöbeln."

"Nein, sie riecht nach einem modrigen Keller", sagte mein Bruder.

"Sagt nicht immer solche Sachen über eure mamie !" Unser Vater lotste den Wagen durch einen Kreisverkehr.

Ich sah aus dem Fenster. In der Ferne erstreckten sich Thymiansträucher, Garigue und Krüppeleichen. Die Luft roch würziger in Südfrankreich, die Farben waren intensiver als zu Hause. Ich griff in meine Tasche und spielte mit den silbernen Franc-Münzen, die vom vorigen Jahr übriggeblieben waren.

Gegen Abend erreichten wir Berdillac. Der Ort kam mir im Rückblick immer wie ein mürrischer, aber im Grunde liebenswerter Greis vor, der den ganzen Tag vor sich hin döst. Wie in vielen Gegenden im Languedoc waren die Häuser aus Sandstein gebaut, sie hatten schlichte Fensterläden und rötliche, verwitterte Ziegeldächer, von der tiefstehenden Sonne in weiches Licht getaucht.

{17} Der Kies knirschte unter den Rädern, als der Kombi vor dem Haus am Ende der Rue Le Goff zum Halten kam. Etwas Unheimliches ging von dem Gebäude aus, die Außenfassade war von Efeu überwachsen, das Dach marode. Es roch nach Vergangenheit.

Unser Vater stieg zuerst aus und eilte mit federnden Schritten zur Tür. Es müssen damals "seine" Jahre gewesen sein, wie man so sagt. Mit Mitte dreißig hatte er noch sein dichtes, schwarzes Haar und begegnete jedem mit liebenswürdiger Höflichkeit. Oft sah ich, wie Nachbarn und Kollegen um ihn standen und gebannt zuhörten, wenn er sprach. Das Geheimnis war seine Stimme: sanft, nicht zu tief, nicht zu hoch, sein Akzent nur angedeutet, wie ein unsichtbares Lasso legte sie sich um seine Zuhörer und zog sie näher zu sich heran. In seinem Job als Wirtschaftsprüfer war er sehr geschätzt, doch für ihn zählte nur seine Familie. Jeden Sonntag kochte er für uns alle, er hatte immer Zeit für uns Kinder, und mit seinem jungenhaften Lächeln wirkte er optimistisch. Wenn ich später Bilder von ihm ansah, erkannte ich allerdings, da

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