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Cover Eine flüchtige Beziehung

Eine flüchtige Beziehung

und andere Erzählungen

von William Somerset Maugham; Übersetzt von: Wulf Teichmann; Raymond G. May; Helene Mayer; Wolfgang Mertz; Mimi Zoff; Claudia Mertz

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
336 Seiten
ISBN 978-3-257-60938-7

Kurztext / Annotation

Ein toter Engländer in einer Kleinstadt in Borneo, hingerafft von Tuberkulose und Opium. Ein goldenes Zigarettenetui. Und ein Packen Briefe, adressiert an eine schöne Frau: die ehrgeizige Lady Kastellan, ein Mittelpunkt der guten Londoner Gesellschaft. Was für Lady Kastellan vielleicht nur Eine flüchtige Beziehung

Textauszug

{7} Eine Frau von fünfzig Jahren

M ein Freund Wyman Holt ist Professor für englische Literatur an einer der kleineren Universitäten im Mittleren Westen, und als er hörte, daß ich in einer nahe gelegenen Stadt - nahe gelegen nach amerikanischen, weiträumigen Begriffen - reden würde, fragte er bei mir an, ob ich nicht seinen Schülern einen Vortrag halten wolle. Er schlug mir vor, einige Tage bei ihm zu wohnen, damit er mir etwas von der Umgebung zeigen könne. Ich nahm die Einladung an, teilte ihm aber mit, daß meine Verpflichtungen mir nicht gestatteten, mehr als zwei Nächte bei ihm zu verbringen. Er holte mich am Bahnhof ab, fuhr mit mir zu seinem Haus, und nachdem wir etwas getrunken hatten, gingen wir zum Campus hinüber. Ich war ein wenig bestürzt, so viele Menschen in der Aula vorzufinden, denn ich hatte höchstens zwanzig erwartet und war nicht darauf vorbereitet, eine feierliche Vorlesung zu halten, sondern nur eine zwanglose kleine Plauderei. Ich fühlte mich beträchtlich eingeschüchtert beim Anblick einer Reihe von Leuten in mittlerem und höherem Alter. Ich vermutete, daß einige von ihnen der Fakultät angehörten, und befürchtete, daß sie das, was ich vorzubringen hatte, sehr oberflächlich finden würden. Es blieb jedoch nichts anderes übrig als anzufangen, und das tat ich, nachdem Wyman mich dem Publikum auf eine Weise vorgestellt hatte, die mich vollends überzeugte, daß ich den {8} dadurch erweckten Erwartungen nicht entsprechen könnte. Ich sagte mein Sprüchlein her, beantwortete, so gut ich konnte, einige Fragen und zog mich dann mit Wyman in ein kleines Zimmer hinter dem Podium zurück.

Mehrere Leute kamen herein. Sie sagten die bei solchen Gelegenheiten üblichen freundlichen Worte zu mir, und ich gab die üblichen höf lichen Antworten darauf. Ich hatte großes Verlangen nach etwas zu trinken. Dann kam eine Frau herein und streckte mir die Hand hin.

"Wie nett, Sie wiederzusehen", sagte sie. "Es sind Jahre vergangen, seit wir uns zuletzt getroffen haben."

Ich war ehrlich davon überzeugt, sie noch nie gesehen zu haben. Ich zwang mir ein verbindliches Lächeln auf die müden, trockenen Lippen, schüttelte ihr eifrig die dargebotene Hand und fragte mich, wer zum Teufel sie sein mochte. Der Professor mußte mir am Gesicht abgelesen haben, daß ich mich bemühte, sie unterzubringen, denn er sagte:

"Mrs. Greene ist mit einem Mitglied unserer Fakultät verheiratet, und sie gibt einen Kurs über die Renaissance und die italienische Literatur."

"Ach", sagte ich. "Das ist interessant."

Ich war nicht klüger als zuvor.

"Hat Wyman Ihnen gesagt, daß Sie morgen abend zu uns zum Essen kommen?"

"Das freut mich sehr", sagte ich.

"Es ist keine Gesellschaft. Nur mein Mann, sein Bruder und die Schwägerin. Florenz hat sich seit damals wohl sehr verändert, nicht wahr?"

'Florenz?' fragte ich mich. 'Florenz?'

Offenbar hatte ich sie dort kennengelernt. Sie war eine {9} Frau von etwa fünfzig Jahren, mit grauen Haaren, schlicht frisiert und nicht zu auf fallend onduliert. Sie war ein wenig zu dick, aber recht gut angezogen, wenn auch nicht distinguiert; ihr Kleid stammte vermutlich aus der Konfektionsabteilung eines Warenhauses. Ihre ziemlich großen Augen waren blaßblau, ihre Haut eher bleich; sie hatte kein Rouge und nur sparsam Lippenstift aufgelegt. Sie schien eine nette Person zu sein. Es lag etwas Mütterliches in ihrem Wesen, etwas Gelassenes und Erfülltes, das mich ansprach. Ich nahm an, daß ich sie bei einer meiner zahlreichen Reisen nach Florenz kennengelernt hatte, und da es vielleicht ihr einziger Aufenthalt dort gewesen war, hatte unsere Begegnung wohl auf sie mehr Eindruck gemacht als auf mich. Ich muß gestehen, daß ich nicht viele Frauen von Fakultätsmitgliedern kenne, aber sie entsprach genau der Vorstellung, die ich mir von der Gattin eines Professors machte. Und als ich mi

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