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Cover Die Winterkreuzfahrt

Die Winterkreuzfahrt

und andere Erzählungen

von William Somerset Maugham; Übersetzt von: Marta Hackel; Monique Humbert; Helene Mayer; Wolfgang Mertz; Mimi Zoff; Claudia Mertz; T

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
384 Seiten
ISBN 978-3-257-60940-0

Kurztext / Annotation

Jedes Jahr schließt Miss Reid im Winter ihre Teestube in einem berühmten englischen Erholungsort und geht auf Winterkreuzfahrt. Diesmal reist sie auf der Friedrich Weber

Textauszug

{7} Schein und Wirklichkeit

I ch möchte mich nicht für die Wahrheit dieser Geschichte verbürgen, aber ein Professor für französische Literatur an einer englischen Universität hat sie mir erzählt, und er war, glaube ich, ein Mann von zu lauterer Gesinnung, als daß er sie mir erzählt hätte, wenn sie nicht wahr gewesen wäre. Er hatte die Gewohnheit, die Aufmerksamkeit seiner Studenten auf drei französische Schriftsteller zu lenken, die seiner Meinung nach alle Eigenschaften vereinigten, die als Hauptzüge des französischen Charakters gelten können. Er sagte, durch ihre Lektüre könne man so viel über das französische Volk erfahren, daß er, wenn er die Macht dazu hätte, den Mitgliedern unserer Regierung, die mit der französischen Nation zu tun haben, nicht gestatten würde, ihre Ämter anzutreten, bevor sie nicht eine recht strenge Prüfung über die Werke dieser Schriftsteller bestanden hätten. Er meinte Rabelais mit seiner gauloiserie, eine Art von Derbheit, die die Dinge gern beim rechten Namen nennt; La Fontaine mit seinem bon sens, der einfach gesunder Menschenverstand ist; und schließlich Corneille mit seinem panache. Dies wird in den Wörterbüchern mit Federbusch übersetzt - der Federbusch, den der gewappnete Ritter auf dem Helm trug; bildlich gesprochen bedeutet es anscheinend Würde und Prahlerei, Pomp und Heldentum, Hoffart und Stolz. Es war panache, der die französischen Herren in {8} Fontenoy zu den Offizieren von König George II . sagen ließ: "Schießen Sie zuerst, meine Herren"; es war panache, der den zynischen Lippen Cambronnes bei Waterloo den Ausspruch entlockte: "Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht", und es ist panache, der einen bedürftigen französischen Dichter dazu treibt, den ihm zuerkannten Nobelpreis mit einer großartigen Geste zu verschenken. Der Professor, von dem ich sprach, war kein frivoler Mensch, und seiner Meinung nach zeigte die Geschichte, die ich jetzt erzählen will, so deutlich die drei Haupteigenschaften der Franzosen, daß sie einen hohen Bildungswert besitzt.

Ich habe ihr den Titel 'Schein und Wirklichkeit' gegeben. Das ist der Titel des, wie ich wohl annehmen darf, bedeutendsten philosophischen Werkes, das mein Land (mit Recht oder Unrecht) im neunzehnten Jahrhundert hervorgebracht hat. Es ist schwer, aber anregend zu lesen. Es ist in ausgezeichnetem Englisch geschrieben, mit einem beträchtlichen Maß an Humor, und wenn der Laie auch vielen seiner sehr spitzfindigen Behauptungen kaum mit Verständnis folgen kann, hat er immerhin das erregende Gefühl, auf einem geistigen Seil über einem metaphysischen Abgrund zu balancieren, und er beendet die Lektüre des Buches mit dem beruhigenden Eindruck, daß im Grunde alles gleichgültig ist. Es gibt keine andere Entschuldigung dafür, daß ich von dem Titel eines so berühmten Buches Gebrauch mache, als daß er so hervorragend zu meiner Geschichte paßt. Obwohl Lisette nur eine Philosophin in dem Sinn war, wie wir alle Philosophen sind, und sie ihren Verstand dazu benützte, mit den Problemen des Daseins fertig zu werden, so war ihr Sinn für die Wirklichkeit doch so stark und ihre Sympathie für {9} den Schein so ursprünglich, daß sie beinahe beanspruchen konnte, den Ausgleich von Unvereinbarkeiten erreicht zu haben, den die Philosophen so viele Jahrhunderte hindurch angestrebt haben. Lisette war Französin, und sie verbrachte mehrere Stunden jedes Arbeitstages damit, sich in einem der teuersten und feinsten Modehäuser von Paris an- und auszukleiden. Eine angenehme Beschäftigung für eine junge Frau, die sich ihrer entzückenden Figur wohl bewußt ist. Sie war, kurz gesagt, ein Mannequin. Sie war hochgewachsen genug, um eine Schleppe mit Eleganz vorzuführen, und ihre Hüften waren so schmal, daß sie in Sportkleidung den Duft von Heidekraut hervorzuzaubern vermochte. Ihre langen Beine gestatteten ihr, Pyja

Beschreibung für Leser

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