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Cover Der Sänger

Der Sänger

Erschienen 2019 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
288 Seiten
ISBN 978-3-257-60948-6

Kurztext / Annotation

Seine Stimme füllte Konzertsäle, betörte die Damenwelt, eroberte in Deutschland, Europa, Amerika ein Millionenpublikum. Joseph Schmidt, Sohn orthodoxer Juden aus Czernowitz, hat es weit gebracht. 1942 aber gelten Kunst und Ruhm nichts mehr. Auf der Flucht vor den Nazis strandet der berühmte Tenor, krank, erschöpft, als einer unter Tausenden an der Schweizer Grenze. Wird er es sicher auf die andere Seite schaffen?

Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen, zuletzt Ein Bild von Lydia

Textauszug

1

G egen Ende September konnten im Süden die Abende, auch auf achthundertfünfzig Meter über Meer, noch angenehm warm sein. Darum hatte sich die Gruppe bis zum Dunkelwerden draußen im Garten unterhalten, ein wenig Schafkäse und Brot vom Vortag gegessen, sich gegenseitig vom Landwein eingeschenkt. Ein paar Flaschen waren schon leer. Aus einem Keller in der Nähe roch es nach Trester, der Duft der letzten Rosen lag in der Luft, irgendwo raschelte etwas im Herbstlaub. Eine Eidechse, dachte der Sänger. Er hatte zu den Fluchtrouten, die am Tisch erwogen wurden, kaum etwas gesagt, sein geographisches Vorstellungsvermögen war gering, er hatte sich bloß ab und zu geräuspert, er wusste ja, wie heiser seine Stimme inzwischen war, und schämte sich deswegen. In Clermont-Ferrand würden Helfer auf sie warten, anderswo auch, das Netz der Résistance war mittlerweile erprobt. Er wehrte die Mücken ab, die um seine Ohren sirrten, diesen Ton ertrug er schlecht, zudem brachte die Nacht einen kühleren Hauch auf die Haut.

"Du singst uns doch etwas zum Abschied, Jossele", sagte Lucie, die Hausherrin. Sie bat die Gäste ins Innere des Hauses, in den Salon, wo das Klavier stand.

Schmidt spürte, wie abgekämpft er war, doch er folgte Lucies Wunsch und ging mit Mühe über die drei Steinstufen hinein, aber stützen ließ er sich nicht. Drinnen hatte Lucie, zusammen mit Selma, die ihn auf der Flucht begleiten würde, ein paar Kerzen angezündet, die Gäste hatten sich im Halbkreis gesetzt, um ihm ein letztes Mal zuzuhören. Lucie mit dem dunklen Lockenhaar, Selma die Sanftmütig-Helle, und doch hätten es Schwestern sein können. Er schraubte den Stuhl herunter, so dass seine Füße die Pedale erreichen konnten. Ob die Stimme ihm gehorchen würde, wusste er nicht, aber er wollte es versuchen, und schon lange war ihm klar gewesen, dass er als Letztes in der Villa Phoebus, die nun ein paar Wochen seine Zuflucht gewesen war, die Elegie von Massenet vortragen würde. Etwas Passenderes gab es nicht für diese Stunde. Er spielte, ohne in die Runde zu blicken, die Einleitung. Das Klavier war leicht verstimmt, das obere G zu hoch, das durf te ihn jetzt nicht stören. Die ersten Akkorde, dieser Abstieg in Halbtönen, erklangen, eigentlich hätte ein Cello sie spielen müssen, aber die Töne unter seinen Fingern klangen sanft, so wie es sein musste. Dann setzte er mit seiner Tenorstimme ein und staunte, wie gut sie trotz aller Beschwerden klang, wie die Trauer gleichsam durch sie schimmerte. Er sang die französische Version wie bei seinem letzten Konzert in Avignon, vor einem knappen halben Jahr, es war ihm untersagt gewesen, auf Deutsch zu singen.

Rêve d'un bonheur effacé,/mon coeur lassé/T'appelle en vain dans la nuit.

Geliebte hatte er, der Sänger, viele gehabt und sie immer wieder verlassen, wie er nun auch diesen Ort verlassen würde. Nicht um der Einen die Treue zu halten, der Mutter, die starrsinnig in Czernowitz bleiben wollte, sondern dieses Mal, um der Deportation zu entgehen und sein Leben zu retten. Die Deutschen waren unterwegs in Pétains Rumpf-Frankreich und durchsuchten es nach versteckten Juden, sie würden auch nach La Bourboule kommen.

La paix du soir vient adoucir nos douleurs,/Tout nous trahit, tout nous fuit sans retour, sang er. Tout nous trahit sans retour . Ohne Wiederkehr, das waren die letzten Worte, er ließ sie verschweben, die Klaviertöne verklingen. Es blieb lange still im Salon, draußen meldeten sich einzelne Vögel, als würden sie das Konzert auf ihre Weise fortsetzen. Er blieb sitzen, aufgewühlt und doch, wie fast immer, getröstet von der Musik, dann sagte Mary Solnik: "Wie wahr, wie traurig!" Sie war die dritte der Schönen, neben Lucie und Selma, er mochte, nein, er liebte jede auf ihre Weise; er hatte nie aufgehört, Schönheit zu lieben und um sie zu werben.

Erstickte Geräusche, jemand weinte in ein Taschentuch, vielleicht no

Beschreibung für Leser

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