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Cover Die Liebe im Ernstfall

Die Liebe im Ernstfall

Erschienen 2019 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
288 Seiten
ISBN 978-3-257-60949-3

Kurztext / Annotation

Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie kennen sich, weil das Schicksal ihre Lebenslinien überkreuzte. Als Kinder und Jugendliche erlebten sie den Fall der Mauer, und wo vorher Grenzen und Beschränkungen waren, ist nun die Freiheit. Doch Freiheit, müssen sie erkennen, ist nur eine andere Form von Zwang: der Zwang zu wählen. Fünf Frauen, die das Leben aus dem Vollen schöpfen. Fünf Frauen, die das Leben beugt, aber keinesfalls bricht.

Daniela Krien, geboren 1975 in Neu-Kaliß, studierte Kulturwissenschaften und Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig. Seit 2010 ist sie freie Autorin, 2011 erschien ihr Roman Irgendwann werden wir uns alles erzählen Muldental

Textauszug

{5} Paula

D er Tag, an dem Paula feststellt, glücklich zu sein, ist ein Sonntag im März.

Es regnet. Bereits in der Nacht hatte es angefangen und seither nicht mehr aufgehört. Als Paula gegen halb neun erwacht, prasselt es auf das schräge Schlafzimmerfenster. Sie dreht sich zur Seite und zieht die Decke bis ans Kinn. In der Nacht ist sie nicht ein einziges Mal aufgewacht. Auch an Träume kann sie sich nicht erinnern.

Ihr Mund ist trocken, und ein leichter Druck im Kopf erinnert sie an den vorangegangenen Abend. Wenzel hatte gekocht und einen französischen Rotwein dazu aufgemacht. Später hatten sie nebeneinander auf dem Sofa gesessen und Musik gehört - Mahlers Lied von der Erde, Beethovens letzte Klaviersonate, Lieder von Schubert, Brahms und Mendelssohn. Auf Youtube hatten sie nach diversen Interpreten gesucht, die sie miteinander verglichen, und sie freuten sich wie Kinder, wenn sie einer Meinung waren.

Paula hätte bei ihm bleiben können, die Nacht mit ihm verbringen können, aber sie behauptete, ihr Medikament zu Hause vergessen zu haben. Das Hydrocortison befand sich in ihrer Handtasche. Was fehlte, waren Zahnbürste und Gesichtsreinigung. Wenzel hätte diese Dinge unwichtig gefunden und sie zum Bleiben überredet.

{6} Gegen zwei Uhr nachts war sie in ein Taxi gestiegen. Wenzel hatte vor dem Haus gestanden, bis das Auto um die Ecke bog.

Sie greift nach der Wasserflasche neben dem Bett und trinkt, dann schaltet sie das Telefon ein und liest seine Nachricht. Guten Morgen, Liebste. Mein erster Gedanke gilt wie immer Dir. Jeden Morgen und jeden Abend ein Gruß. Seit zehn Monaten schon, ohne Ausnahme.

Auch Leni mag Wenzel, und Wenzel mag Leni.

Bei ihrer ersten Begegnung hatte er sie mit einer sekundenschnellen Zeichnung ihres Gesichts beeindruckt. Die Ähnlichkeit war frappierend, und Leni wollte mehr, um in der Schule damit angeben zu können.

Paula sieht auf die Uhr. Noch neun Stunden, bis Leni zurückkommt. Sie wird ihre Sachen abwerfen, ein Hallo murmeln und sich in ihr Zimmer zurückziehen oder aber einen ohne Punkt und Komma vorgetragenen Wochenendbericht abliefern, inklusive Fotos ihrer Halbgeschwister und Schwärmereien über Filippas Kochkünste.

Während Paula seinen Morgengruß beantwortet, sehnt sie sich nach Wenzel.

Früh ist ihre Lust auf ihn am größten. Als sie in der Küche den Kaffee aufsetzt, schreibt sie ihm eine eindeutige Nachricht.

Seit es Wenzel gibt, vermisst sie Leni an den Wochenenden weniger. Und was kann sie schon tun? Leni ist kein kleines Kind mehr. Morgens vor dem Spiegel übt sie auf unterschiedliche Weise zu lächeln, sie schneidet Löcher in {7} Hosen, trägt Shirts, die ihr scheinbar beiläufig von der Schulter rutschen, benutzt Lipgloss und verschickt rätselhafte Nachrichten an den Klassenchat der 7 b, meist bestehend aus Emojis und Abkürzungen. Sie redet manchmal ohne Unterlass, nur um kurz darauf in aggressives Schweigen zu verfallen. Mit nächtlichen Alpträumen kommt sie allein zurecht, und nackt hat Paula ihre Tochter schon lange nicht mehr gesehen. Nicht einmal, als Leni eines Morgens fragte, ob man mit dreizehn schon Hängebusen haben könne. Sie habe sich ihre Brüste angeschaut und festgestellt, dass sie so eine Form hätten. Und dann zeichnete sie mit der rechten Hand eine lächerlich übertriebene Form in die Luft, den linken Arm hielt sie vor ihren Oberkörper gepresst. Und noch bevor Paula etwas erwidern konnte, beschuldigte Leni sie, ihr überhaupt nur das Schlechteste vererbt zu haben, die Sommersprossen und die helle Haut, die roten Haare, die knochigen Knie, die Kurzsichtigkeit und die Begriffsstutzigkeit in den Fächern Physik und Chemie.

Vererbung sei Zufall und keine Entscheidung, hatte Paula bemerkt und wollte ihrer Tochter übers Haar streichen. Doch Leni entzog

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