Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Bella Ciao

Bella Ciao

von Raffaella Romagnolo; Übersetzt von: Maja Pflug

Erschienen 2019 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
528 Seiten
ISBN 978-3-257-60955-4

Kurztext / Annotation

Piemont, 1946. Giulia Masca kommt als gemachte Frau zurück in das Städtchen ihrer Kindheit, wo sie noch eine Rechnung offen hat. Vor fast fünfzig Jahren wurde sie hier von ihrer besten Freundin Anita und ihrem Verlobten hintergangen, weshalb Giulia die Flucht ergriff und sich in New York eine neue Existenz aufbaute. Nach einem halben Jahrhundert will sie Anita wieder treffen - wie werden sie sich gegenübertreten?

Raffaella Romagnolo, geboren 1971 in Casale Monferrato. Sie unterrichtet Geschichte und Italienisch an einem Gymnasium. Seit 2007 schreibt sie auch Romane - mit Erfolg. Ihr vierter Roman La figlia sbagliata Bella Ciao

Textauszug

BORGO DI DENTRO
6 . MÄRZ 1946

Erstes Kapitel

D ie Vergangenheit gibt es nicht, denkt Mrs. Giulia Masca vor dem verrammelten Palazzo Reale. Dasselbe hatte sie gedacht, als sie sich nach dem Verlassen ihrer Kabine auf dem Erste-Klasse-Deck unvermittelt in der Umarmung des weitläufigen, unübersichtlichen Hafens von Genua wiederfand, weiß von Licht und schwarz von Ruß.

Lieber nicht auf das Gedächtnis bauen, es hatte schon den Weg von der Stadt ins Dorf ganz falsch in Erinnerung: die Mole, die Gebäude, die Straße, die die Hügel hinaufführt, die Höhenlinie, das schwammige Grün der Kastanien, die schiefen Rebenreihen, dann die düstere Silhouette von Borgo di Dentro, die Gasse, den Geruch und nun auch das Tor.

Zwar sind die Dinge dieselben, als hätte die Zeit sich nicht die Mühe gemacht, in dieser Gegend hier vorbeizu-kommen. Neu und überraschend ist eher die Beschaffenheit der Wirklichkeit. Leichter? Und auch die Dimensionen: Mrs. Giulia Mascas Meinung nach müsste das Tor des Palazzo Reale größer sein. Viel größer. Das könnte sie schwören bei ihrem Sohn Michael, der am Ende der Straße wartet, zusammen mit dem Chauffeur, der sie am Schiff abgeholt hat und ein Schild hochhielt, auf dem stand: LIBEROS GOCERI . Banausen. Ungebildete italienische Analphabeten. Libero's Grocery! heißt es richtig! Nicht einmal vom Briefkopf abschreiben können sie!

Sie ballt die behandschuhten Hände zur Faust und blickt hinauf, über die Hutkrempe hinaus. Sie sucht nach einem Zeichen. Wohnt da noch jemand? Winzige, tiefliegende Fensterchen, ärmlich, bau-fällig sieht es aus. Mit den Jahren ist sie leicht ge-schrumpft, daher müsste ihr alles riesig vorkommen. Schon seit fünfundvierzig Jahren bereitet sie sich auf diesen Mo-ment vor. Da: die abgebröckelten Stellen rund um die Tor-angeln, die Diamantquader, die Kratzspuren von Hunden, die Nagespuren von Holzwurm und Mäusen - sie erinnert sich daran und erkennt sie doch nicht. Sind es noch dieselben?

Eigentlich darf sie nicht trödeln, Michael muss zur Abendessenszeit in Mailand sein: Das sind von hier aus noch über zweihundert Kilometer auf schlimm zugerichteten Straßen. Sie haben den Krieg ja nur in der Zeitung verfolgt, aber durch die Scheiben des Aprilia hat sie sich schon ei-nen Eindruck verschaffen können und weiß deshalb, dass die Reise ihres Sohnes kein Honigschlecken sein wird.

Sie selbst wird sich hier ein Hotel für die Nacht suchen - es gab damals eins, da ist sie sicher -, doch davor wollte sie noch mit Michael am Palazzo Reale vorbeischauen. Aus Nostalgie. So ist das im Alter. Und dann wunderte sie sich über dieses ... Nichts. Was hatte sie erwartet? Dass sie ein Willkommenstransparent vorfinden würde? Eine Kapelle und Majoretten? Oder sollte sie vielleicht hineingehen und die neuen Mieter ansprechen: Entschuldigen Sie, ich habe mal hier gewohnt, bin sogar hier geboren, im ersten Stock, auf dem alten Holztisch, darf ich hereinkommen? Ist die Maisstrohmatratze noch da?

Würde sie, Mrs. Giulia Masca aus der Mulberry Street, überhaupt noch darauf schlafen können?

In der ersten Grundschulklasse ließ sie der Lehrer im Chor wiederholen: Borgo di Dentro erhebt sich / auf einem Felsensporn / der liegt im Zusammenfluss / der Wildbäche Orba und Stura / auf hundertsiebenundneunzig Meter / über dem Meeresspiegel . Das Kind Giulia hatte keine Ahnung, was ein Sporn oder ein Zusammenfluss waren, jedenfalls hat sie nie mehr einen solchen Ort gesehen. Eine Handvoll Häuser, und darunter Wasser. Grünliche, übelriechende Pfützen im Sommer, Strudel im Herbst und Frühling, Eis im Winter, Wasser überall. Nicht genug, um ein Boot zu nehmen und zu verschwinden, ausreichend, um die Dämme und Fundamente zu zerfressen. Warum sollte man an s

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Drucken

Kundenbewertungen

20,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!