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Cover Wintergeschichten

Wintergeschichten

von Anton Pawlowitsch Tschechow; Übersetzt von: Peter Urban

Erschienen 2019 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
272 Seiten
ISBN 978-3-257-60973-8

Kurztext / Annotation

Ein Tannenbaum des Schicksals, der die Gaben verteilt, eine Schlittenfahrt, feiertägliche Erregung, Könige-Spiel, Wodka, Kaviar und Lachs: Tiefer Winter herrscht in diesen einzigartigen Geschichten, die gerade durch ihre klare Sprache besonders ergreifend sind: "Wenn der erste Schnee fällt, am Tag der ersten Schlittenfahrt, ist es angenehm, die weiße Erde, die weißen Dächer zu sehen, es atmet sich weich und wunderbar, und dann erinnert man sich an die Jugendjahre."

Anton Cechov wurde 1860 in Taganrog (Südrussland) geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und studierte dank eines Stipendiums in Moskau Medizin. Den Arztberuf übte Cechov nur kurze Zeit aus. Der Erfolg seiner Theaterstücke und Erzählungen machte ihn finanziell unabhängig. Seine Lungentuberkulose jedoch erzwang immer häufigere Aufenthalte in südlichem Klima, so dass Cechov auf die Krim übersiedelte. 1901 heiratete er die Schauspielerin Olga Knipper. Er starb 1904 in Badenweiler.

Textauszug

Knaben

V olodja ist da! - rief jemand auf dem Hof.

- Volodicka ist da! - jammerte Natalja und kam ins Esszimmer gelaufen. - Ach, mein Gott!

Die gesamte Familie Korolev, die Stunde um Stunde auf ihren Volodja gewartet hatte, stürzte an die Fenster. An der Auffahrt stand ein großer Schlitten, und von den drei Schimmeln stieg Nebel auf. Der Schlitten war leer, denn Volodja stand schon im Flur und knüpfte sich mit roten, verfrorenen Fingern die Kapuze auf. Sein Gymnasiastenmantel, die Uniformmütze, Galoschen und Haare waren reifbedeckt, und er verströmte von Kopf bis Fuß einen so appetitlichen Frostgeruch, dass man bei seinem Anblick am liebsten nach draußen gelaufen wäre und gesagt hätte: "Brrr!" Mutter und Tante stürzten ihm in die Arme, Natalja fiel ihm zu Füßen auf die Knie und begann, ihm die Filzstiefel auszuziehen, die Schwestern erhoben ein Gezeter, Türen quietschten, schlugen, und Volodjas Vater kam, nur in der Weste, eine Schere in der Hand, in den Flur gelaufen und rief erschrocken:

- Aber wir haben dich schon gestern erwartet! Bist du gut hergekommen? Wohlbehalten? Herrgott, lass ihn doch auch seinen Vater begrüßen! Bin ich etwa nicht sein Vater, wie?

- Haw! Haw! - heulte mit Bassstimme Mylord, der riesige schwarze Hund, der mit dem Schwanz gegen Wände und Möbel klopfte.

All das vermengte sich zu einem einzigen freudigen Geschrei, das ein, zwei Minuten anhielt. Als der erste Freudensturm sich gelegt hatte, bemerkten die Korolevs, dass außer Volodja sich im Flur noch ein kleiner Mensch befand, in Tücher, Schals und Kapuzen gehüllt und reifbedeckt; er stand, einen großen Fuchspelz übergeworfen, reglos in einer Ecke im Schatten.

- Volodicka, und wer ist das? - flüsterte die Mutter.

- Ach! - erinnerte sich Volodja plötzlich. - Habe die Ehre vorzustellen, das ist mein Schulkamerad Linsenicin, Schüler der 2 . Klasse ... Ich habe uns einen Gast mitgebracht.

- Sehr angenehm, seien Sie uns willkommen! - sagte freudig der Vater. - Entschuldigen Sie, ich bin im Hauskleid, ohne Jackett ... Kommen Sie herein! Natalja, hilf Herrn Plinsenicin beim Auskleiden! Herr du mein Gott, jagt endlich diesen Hund weg! Er ist eine Strafe!

Wenig später saßen Volodja und sein Freund Linsenicin, betäubt von dem stürmischen Empfang und noch immer rosig von der Kälte, am Tisch und tranken Tee. Die Wintersonne, den Schnee und die Eisblumen an den Fenstern durchdringend, zitterte auf dem Samovar und badete ihre reinen Strahlen im Spucknapf. Im Zimmer war es warm, und die Knaben spürten, wie in ihren durchgefrorenen Körpern, ohne dass eines dem anderen nachgeben wollte, Wärme und Frost sich gegenseitig kitzelten.

- Ja, nun haben wir schon wieder Weihnachten! - sprach in singendem Tonfall der Vater, während er sich aus dunkelrotem Tabak eine Zigarette drehte. - Und war nicht vor kurzem noch Sommer, hatte Mutter nicht geweint, als sie dich begleitete? Und jetzt bist du wieder da ... Die Zeit, Freund, vergeht so schnell! Kaum sagst du Ach!, schon ist das Alter gekommen. Herr Flintenicin, bitte greifen Sie zu, genieren Sie sich nicht! Bei uns gehts ungezwungen zu.

Volodjas drei Schwestern, Katja, Sonja und Masa - die älteste war elf Jahre alt -, saßen am Tisch und ließen kein Auge von dem neuen Bekannten. Linsenicin war so alt und von gleichem Wuchs wie Volodja, aber nicht so pummelig und weiß, sondern mager, dunkel und mit Sommersprossen bedeckt. Er hatte borstige Haare, schmale Augen, dicke Lippen und war überhaupt sehr hässlich, und hätte er nicht die Uniformjacke eines Gymnasiasten angehabt, so hätte man ihn, dem Äußeren nach, für den Sohn der Köchin halten können. Er war griesgrämig, schwieg die ganze Zeit und lächelte kein einziges Mal. Die Mädchen, die ihn ansahen, waren sich so

Beschreibung für Leser

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