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Cover Der Sprung

Der Sprung

Erschienen 2019 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
336 Seiten
ISBN 978-3-257-60983-7

Kurztext / Annotation

Eine junge Frau steht auf einem Dach und weigert sich herunterzukommen. Was geht in ihr vor? Will sie springen? Die Polizei riegelt das Gebäude ab, Schaulustige johlen, zücken ihre Handys. Der Freund der Frau, ihre Schwester, ein Polizist und sieben andere Menschen, die nah oder entfernt mit ihr zu tun haben, geraten aus dem Tritt. Sie fallen aus den Routinen ihres Alltags, verlieren den Halt - oder stürzen sich in eine nicht mehr für möglich gehaltene Freiheit.

Simone Lappert, geboren 1985 in Aarau in der Schweiz, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. 2014 erschien ihr Debütroman Wurfschatten Babelsprech.International

Textauszug

Der Tag davor

Felix

F elix zerbiss einen Eiswürfel und seufzte, noch neunzehn Minuten bis zum zweiten Teil seiner Schicht. Es war einer dieser ersten warmen Maitage im Jahr, die nach Sommer rochen, an denen alle versuchten, sich ein wenig um ihre Pflichten zu drücken, im Kaufhaus Kühltruhen mit Eis am Stiel neben die Kassen gestellt wurden und sich am Abend um die Stadtbrunnen herum Pfützen bildeten, weil Kinder hineingestiegen waren, um zu baden. Männer und Frauen mit noch winterbleichen Beinen machten Besorgungen, radelten oder schlenderten vorbei, Kinder trugen in ihren Rucksäcken die Hausaufgaben nach Hause, die sie heute würden ausfallen lassen. Felix' Glas war längst leer. Hin und wieder nippte er am Schmelzwasser, das sich am Glasboden sammelte, oder zerkaute einen der Eiswürfel, die noch leicht nach Tomatensaft schmeckten. Er mochte das Gefühl, wenn die Härte des Eiswürfels den Mahlbewegungen der Zähne nachgab und der Wärme im Mund, sich in einen winzigen Schluck Wasser auflöste, kalt genug, um jeden Gedanken auf der Stelle einzufrieren. Roswitha hatte komplett rausgestuhlt, das Wetter würde also stabil bleiben heute, in dieser Hinsicht war auf Roswitha Verlass. Durch einen Riss im Stoff der Markise brannte die Sonne aufs weiße Papiertischtuch, ein Fleck, der ihn blendete. Er hatte es so eilig gehabt, aus dem Revier zu kommen, dass er seine Sonnenbrille im Spind vergessen hatte. Felix nahm die letzten drei Zahnstocher aus dem dunkelblauen Plastikbehälter und stülpte ihn umgekehrt über den Fleck wie über ein ungebetenes Insekt. Er seufzte noch einmal. Zeit, die Rechnung zu bestellen.

Roswitha saß mit geschlossenen Augen auf einem der Korbstühle, die Beine an den Körper gezogen, den Kopf an die Hauswand gelehnt. In der linken Hand hielt sie eine elektronische Zigarette, an der sie alle paar Sekunden zog, um dann in einer großen Wolke aus Dampf zu verschwinden, die zu ihm herüberwehte und angeblich nach Tabak, Leder und Heu roch, Edition Wilder Westen. Roswitha verschränkte die dünnen Arme vor der Brust, der Erdbeeranhänger, den sie um den Hals trug, verschwand in der Falte ihres viel zu braunen Dekolletés.

Felix räusperte sich, aber Roswitha reagierte nicht. Jeder wusste, dass sie sich nicht beim Rauchen stören ließ, doch seit sie von Gauloises Blau auf dieses Elektroding umgestellt hatte, blieben die Pausen zwischen den einzelnen Glimmstengeln aus.

"Ich weiß, ich weiß", sagte Roswitha, ohne die Augen zu öffnen. "Die Rechnung, nicht wahr? Gib mir noch zwei Minuten. Lass uns zwei Minuten an was Schönes denken."

Was Schönes. Das sagte sich so leicht. Als ob es das geben würde, etwas, das einfach nur schön war. Zum Beispiel diese Ruhe heute. Sosehr er sie hier auf der Terrasse genoss, sosehr wusste er um das Trügerische, das in ihr lag. Es gab keine ruhigen Tage. Nicht einmal hier in Thalbach. Ruhige Tage waren eine Werbeerfindung von Einrichtungszeitschriften, Bierbrauereien, Kaffeeherstellern und Reiseanbietern. Irgendeine Tragödie ereignete sich immer. Bis jetzt war es bei einem Unfall ohne Verletzte im Kreisverkehr am Stadtausgang geblieben, einem Ladendiebstahl im Kaufhaus am Marktplatz und drei bekifften Schulschwänzern hinter dem Schwimmbad. Bis jetzt. Felix beobachtete Roswitha, wie sie den Kopf noch ein wenig mehr nach hinten neigte und genüsslich den Heudampf auspustete. Woran sie wohl dachte? An Palmen? Einen Bergsee, einen Birkenwald oder ein flauschiges Kleintier? Auf ihn hatte solcher Kalenderkitsch keine Wirkung. Pyramiden fand er einigermaßen schön. Und Eiswürfel. Die glatte Oberfläche von unbenutzten Seifen. Und natürlich seine Freundin Monique, ihren langen Hals und diese kurzen Schläfenhärchen, die nicht weiterwuchsen und sich bei Regen kräuselten. Aber Pyramiden gab es hier in der Altstadt keine, seine Eiswürfel waren fast weggeschmolzen, die Seife in der kleinen Cafétoilette war

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