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Cover Bevor sie Euch töten

Bevor sie Euch töten

Roman

von Giuseppe Fava; Sonstiger Urheber: Pippo Pollina; Übersetzt von: Peter O. Chotjewitz

Erschienen 2016 bei Unionsverlag
Sprache: Deutsch
352 Seiten
ISBN 978-3-293-30367-6

Kurztext / Annotation

Vier Männer halten sich in den Bergen Siziliens versteckt, alle gegen ihren Willen zu Banditen geworden. Denn in dieser Welt des Umbruchs nach dem Weltkrieg gilt ein Menschenleben wenig. Die Reichen lassen prügeln und morden, und die Armen, gedungen und gezwungen, müssen es selber tun. Paolo, Antonio, Lorenzo und Michele versuchen um jeden Preis, einen Pass nach Venezuela zu bekommen. Aber ihr Traum vom besseren Leben wird sich kaum je erfüllen, das wissen sie im Grunde schon längst. Für die Menschen in den Dörfern ist es nicht anders. Es bleibt wenig Zeit zum Nachdenken in diesem verzweifelten Sizilien; es bleibt kaum Zeit, ein paar Augenblicke zu leben, 'bevor sie euch töten'.

Giuseppe Fava, geboren 1925 in Palazzolo (Provinz Syrakus), wurde am 5. Januar 1984 vor dem von ihm gegründeten Theater in Catania, in dem sein Anti-Mafia-Stück L'ultima violenza ('Die letzte Gewalttat') aufgeführt wurde, ermordet. Als Romancier, Dramatiker und Journalist hatte er sich mit der mafiosen Gesellschaft seiner Heimat auseinandergesetzt. Ehrenwerte Leute schrieb Fava 1975. Der Roman wurde unter dem Titel Werkzeug der Mächtigen von Luigi Zampa verfilmt.

Textauszug

Das Glück

V ier Männer lebten seit vielen Monaten auf einem Gipfel, der sich, vierzig Kilometer vom Meer entfernt, öde und nach allen Seiten steil abfallend, über das umliegende Bergland erhob. Unten hatte sich früher eine kleine Eisenbahn talabwärts zum Meer geschlängelt, aber jetzt wuchs Gras auf den Gleisen. Hier und da an den Hängen leuchtete noch das Rot der Bahnwärterhäuschen, in denen die Hirten schliefen, wenn sie ihre Herden auf die Winterweide trieben. Früher hatten sich in diesen Bergen und Schluchten Wolfsrudel mit fünfzehn oder zwanzig Tieren herumgetrieben, doch dann hatte die Regierung eine Prämie von hundert Lire pro Tier ausgesetzt, und binnen weniger Jahre waren sie fast ausgerottet worden. Jetzt gab es nur noch ein paar Vipern, Wildkaninchen und viele tausend harmlose Schlangen, die so groß wie ein Fahrradschlauch waren.

Die vier Männer hießen Lorenzo, Paolo, Michele und Antonio. Nachts schliefen sie in einer Hütte, die vor fünfzig Jahren von Wolfsjägern zum Schutz gegen den Schnee errichtet worden war. Sie besaßen Zigaretten, Büchsenfleisch, Dosenmilch und Zwieback, um sich zu ernähren, eine alte Wagenlampe, vier Strohsäcke als Matratzen und ein paar Decken, in die sie sich zum Schlafen einrollten.

Wenn es geregnet hatte, sammelten sie die großen, schwarzen Schnecken, die unter dem Berggestein hervorschauten, und aßen sie. Immer zehn wurden mit dem Schneckenhaus auf Eisendraht gezogen und auf kleine Steine gehäuft. Dann entzündete man mit dürren Ästen ein Feuerchen und briet die Schnecken in ihrem eigenen Saft. Später, wenn das Holz heruntergebrannt war, saßen die Männer um die heißen Steine herum und klaubten die Schnecken aus der Asche. Eine nach der anderen wurden sie mit der Messerspitze herausgepult und mit Brot verzehrt. Lorenzo lachte dabei und berührte Antonios Hose mit der Messerspitze, direkt am Latz.

"Diese Schnecken sind unübertrefflich", sagte er. "Es gibt nichts Anregenderes als eine Schnecke. Du kriegst so einen Ständer!"

Mehr als irgendetwas wünschten sie sich eine Frau. Paolo, der sechsundzwanzig Jahre alt war, wurde fast wahnsinnig. Im Gras liegend, entblößte er sich, betastete sein Glied, als wäre es der Hals einer Mandoline, und träumte von einer zarten Hand.

Die anderen lachten und bewarfen ihn mit Steinen wie einen Hund. Er wälzte sich röchelnd im Gras, zuckte und seufzte laut, wenn es ihm kam. Dann lag er wie tot da. Er war jung und mager, hatte dichte Augenbrauen und sehr langes, schwarzes Haar, dünne Arme und einen schmächtigen Brustkorb. Auch die Hände waren feingliedrig, denn er war lange Jahre Barbier gewesen.

Seine Gefährten dagegen waren muskulös - auch Lorenzo, der schon alt, klein und mager war. Er war zweiundsiebzig. Tag und Nacht lief er in abgetragenen roten Stiefeln herum, hatte die Mütze tief ins Gesicht gezogen und verwahrte in seinen Taschen unzählige Dinge: Bindfäden, Heiligenbildchen, Kerzenstummel, Kippen, Zündhölzer und sogar alte Kupfermünzen, Nägel und Patronenhülsen. Da er alt war, hatte er kaum noch Zähne, und sein Gesicht war entlang der Mundhöhle eingefallen. So kaute er sorgfältig auf dem Essen herum, bis nur noch ein paar Krümel in den Mundwinkeln am Barthaar hängen blieben. Sein Leben lang war er Hirte gewesen und zuweilen auch Bänkelsänger, so dass er ganze Gesänge des Rolandsliedes auswendig konnte.

"Du bist ein Tier!" spöttelte Antonio manchmal. "Du bist ein analphabetischer Hirte. Ich kann lesen und schreiben, deshalb bin ich dein Herr!"

"Ich schneid ihn dir ab", antwortete der Alte und packte Antonio bei der Hose. Vor Lachen liefen ihm die Tränen über die Wangen, und er musste husten. Auch Antonio musste lachen und schlug ihn mit der Faust auf den Kopf, um freizukommen. Er war groß wie ein Stier, und seinem Kinn und den Händen sah man an, dass er stark war und grausam sein konnte. "Ihr werdet es erleben", rief er, "dass wir eine Frau

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