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Cover Darwin in der Stadt Die rasante Evolution der Tiere im Großstadtdschungel

Darwin in der Stadt Die rasante Evolution der Tiere im Großstadtdschungel

von Menno Schilthuizen; Übersetzt von: Kurt Neff; Cornelia Stoll

Erschienen 2018 bei dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Sprache: Deutsch
224 Seiten
ISBN 978-3-423-43445-4

Kurztext / Annotation

Echtzeitevolution: ein neuer Blick auf das geheime Leben der Städte

Amseln sind größer, dicker und lauter als ihre Artgenossen draußen im Wald und haben jede Scheu vor Menschen, Hunden und Katzen verloren. Regenwürmer kommen bestens zurecht in verdreckter Innenstadterde. Motten fliegen nicht mehr ins Licht. Gras gedeiht prächtig auf zinkdurchsetztem Boden. Und Kojoten warten an Ampeln. Tiere legen ererbte Verhaltensweisen ab. Man kann Evolution in Echtzeit beobachten, und das mitten in der Stadt. Das ist das große Wunder, das in diesem Buch gewürdigt wird.

Prof. Dr. Menno Schilthuizen , Jahrgang 1965, forscht am "Naturalis", dem niederländischen Zentrum für Biodiversität, und ist Professor für Evolutionsbiologie an der Universität Leiden. Er hat zahlreiche Fachveröffentlichungen sowie populärwissenchaftliche Bücher vorgelegt und schreibt für Zeitschriften wie ?Natural History?, ?New Science?, ?Science? oder das niederländische Handelsblatt.

Textauszug

VORSTADT

Sie ist von makelloser Gestalt. Ein feinmechanisches Wunderwerk, fix und fertig hergerichtet für sein kurzes Gastspiel auf dieser Welt. Die hauchdünnen, noch fransenlosen Flügel liegen sorgsam gefaltet auf dem kaum merklich atmenden Hinterleib. Ihre sechs gelenkigen, grazil auf die staubige Wand platzierten Beine sind in tadellosem Zustand - jedes zeigt einen kompletten Satz von neun Abschnitten, der noch nicht durch die Kollision mit den Rotorblättern eines Ventilators oder durch die Begegnung mit den Vorderklauen einer Spring spinne dezimiert wurde. Die goldgelbborstige Brust ist ein kleines Juwel von einem Kraftwerk, das die geballte Energie der Flugmuskulatur in sich birgt. Sie entzieht mit ihrer schlichten Masse dem Blick des Beobachters fast das unbewegte Gesicht, hinter dem ein Miniaturgehirn die Eingangs- und Ausgangskanäle der Fühler, die Taster und Komplexaugen sowie die im Stech- und Saugrüssel miteinander arbeitenden acht Mundwerkzeuge koordiniert.

Ich stehe im Menschengewimmel eines überhitzten Verbindungsflurs im Bahnhof Liverpool Street der Londoner U-Bahn. Meine Brille in der Hand und die Nase an die gekachelte Wand gedrückt, bewundere ich dieses frisch geschlüpfte Prachtexemplar der hier unten heimischen Stechmücke Culex pipiens molestus . Langsam komme ich zurück aus meiner entomologisch-träumerischen Entrücktheit. Nicht nur dank der gehetzten Passanten, die mit einem jähen, eher vorwurfsvollen als apologetischen "'tschuldigung" auf den Lippen einen Schlenker vollziehen und in letzter Sekunde an dem Zusammenprall mit mir vorbeischrammen; sondern auch, weil ich mit Unbehagen die Überwachungskameras an der Decke registriere und mich daraufhin der wiederholten Durchsage entsinne, in der die Londoner Verkehrsbehörde ihre Fahrgäste dazu auffordert, jedwedes verdächtige Verhalten an das Bahnpersonal zu melden.

Biologen sehen im innerstädtischen Pflaster nicht gerade den geeignetsten Boden für ihre berufliche Betätigung. Zu den ungeschriebenen Regeln der Zunft gehört es, eine dahin gehende Anregung mit der mürrischen Bemerkung abzuwehren, Städte seien doch nur notwendige Übel und die Zeit, die er dort zu verbringen habe, begrenze ein richtiger Biologe auf das unvermeidliche Minimum. Die wirkliche Welt liege außerhalb des städtischen Bereichs, in Gebirgen und Niederungen, Wald und Feld. Wo die wilden Kerle wohnen.

Aber wenn ich ehrlich sein soll, muss ich eine heimliche Liebe zu Städten gestehen. Liebe nicht so sehr zu ihren bis ins Letzte durchgeplanten Teilen, die wie geleckt anmuten und wie geschmiert funktionieren. Sondern eher zu ihrem schmuddeligen organischen Unterbau, der in Winkeln in Erscheinung tritt, die man gerne übersieht, dort, wo der Teppich der Kultur vollends abgewetzt ist und zerfasert. Es ist eine Liebe zum Bauch der Stadt, wo das Artifizielle und das Natürliche sich begegnen und ökologische Beziehungen zueinander eingehen. Ihrer hektischen Betriebsamkeit und ihrem ganz und gar naturfernen Erscheinungsbild zum Trotz, wird die Innenstadt für mein Biologenauge zu einem Arrangement von Mini-Ökosystemen. Selbst hier, in diesen scheinbar sterilen, durchweg von Ziegelstein- und Betonbauten flankierten Straßen des Stadtbezirks Bishopsgate, entdecke ich Lebensformen, die mit hartnäckigem Trotz ihren Platz behaupten. Hier ein Löwenmäulchen, dessen Blüten in wilder Fülle aus einem dahinter nicht mehr wahrnehmbaren Spalt in der verputzten Seitenwand einer Fußgängerbrücke sprießen. Dort die rege Chemie von Zement und sickerndem Abwasser, die schmutzig weiße, glasartige Zapfen gebiert, welche sich dann Radweberspinnen als Verankerungspunkte für ihre rußbesudelten Netze zunutze machen. Smaragdgrüne Moosadern, die sich in den schmalen Lücken zwischen einer zersprungenen Drahtglasscheibe und deren Rahmen ansiedeln, wo sie mit Rostblasen um die Vorherrschaft kämpfen, die durch den Mennig

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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