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Cover Die Hauptstadt

Die Hauptstadt

Roman. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2017

Erschienen 2017 bei Suhrkamp
Sprache: Deutsch
459 Seiten
ISBN 978-3-518-73582-4

Kurztext / Annotation

Der große europäische Roman Deutscher Buchpreis 2017

In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein durch die Straßen.

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an - die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; "zu den Akten legen" wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.
In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.
Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen - für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.

Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina und promovierte im Jahr 1980 mit einer Arbeit über den "Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb". Menasse lehrte anschließend sechs Jahre - zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie - an der Universität São Paulo. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab, u.a. über: Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien.

Textauszug

Erstes Kapitel

Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen.

Wer hat den Senf erfunden? Das ist kein guter Anfang für einen Roman. Andererseits: Es kann keinen guten Anfang geben, weil es, ob gut oder weniger gut, gar keinen Anfang gibt. Denn jeder denkbare erste Satz ist bereits ein Ende - auch wenn es danach weitergeht. Er steht am Ende von Abertausenden von Seiten, die nie geschrieben wurden: der Vorgeschichte.

Eigentlich müsste man, wenn man einen Roman zu lesen beginnt, gleich nach dem ersten Satz zurückblättern können. Das war der Traum von Martin Susman, das hatte er eigentlich werden wollen: ein Vorgeschichtenerzähler. Er hatte ein Archäologiestudium abgebrochen und dann erst - egal, das tut hier nichts zur Sache, es gehört zur Vorgeschichte, die jeder Romananfang ausblenden muss, weil es sonst am Ende nie zu einem Anfang kommt.

Martin Susman saß am Schreibtisch, den Laptop hatte er zur Seite geschoben, und drückte aus zwei verschiedenen Tuben Senf auf einen Teller, einen scharfen englischen und einen süßen deutschen, und fragte sich, wer den Senf erfunden hat. Wer ist auf diese schrullige Idee gekommen, eine Paste zu produzieren, die den Eigengeschmack einer Speise völlig überdeckt, ohne selbst gut zu schmecken? Und wie war es möglich, dass sich dies als Massenartikel durchsetzen konnte? Es ist, dachte er, ein Produkt wie Coca-Cola. Ein Produkt, das niemandem fehlen würde, wenn es nicht da wäre. Martin Susman hatte auf dem Heimweg in der Delhaize-Filiale auf dem Boulevard Anspach zwei Flaschen Wein, einen Bund gelbe Tulpen, eine Bratwurst und dazu ganz selbstverständlich auch Senf gekauft, gleich zwei Tuben, weil er sich zwischen süß und scharf nicht entscheiden konnte.

Die Bratwurst hüpfte und zischte nun in der Pfanne, die Flamme war zu stark aufgedreht, das Fett verbrannte, die Wurst verkohlte, aber Martin schenkte dem keine Beachtung. Er saß da und starrte den etwas helleren gelblichen und daneben den dunkelbraunen Senfkringel auf dem weißen Teller an, Miniatur-Skulpturen von Hundekot. Das Anstarren von Senf auf einem Teller, während in der Pfanne eine Wurst verbrennt, ist in der Fachliteratur noch nicht als eindeutiges und typisches Symptom für eine Depression beschrieben worden - dennoch können wir es als solches interpretieren.

Der Senf auf dem Teller. Das offene Fenster, der Regenvorhang. Die modrige Luft, der Gestank von verkohlendem Fleisch, das Knistern des platzenden Darms und brennenden Fetts, die Kotskulpturen auf dem Porzellanteller - da hörte Martin Susman den Schuss.

Er erschrak nicht. Es hatte sich angehört, als wäre in der Nachbarwohnung eine Champagnerflasche geöffnet worden. Hinter der eigentümlich dünnen Wand befand sich allerdings keine Wohnung, sondern ein Hotelzimmer. Nebenan war das Hotel Atlas - was für ein euphemistischer Name für dieses schmächtige Haus, in dem vor allem gebeugte, Trolley-Koffer hinter sich herziehende Lobbyisten abstiegen. Immer wieder hörte Martin Susman, ohne dass es ihn weiter kümmerte, durch die Wand Dinge, die er nicht unbedingt hören wollte. Reality- TV oder, wer weiß, bloß Reality, Schnarchen oder Stöhnen.

Der Regen wurde stärker. Martin hatte den Wunsch, das Haus zu verlassen. Er war auf Brüssel gut vorbereitet. Er hatte bei seinem Abschiedsfest in Wien bemüht sinnige Geschenke als Ausstattung für Brüssel bekommen, darunter neun Regenschirme, vom klassischen britischen "Long" über den deutschen "Knirps" bis zum italienischen "Mini" in drei Benetton-Farben, dazu noch zwei Regenponchos für Radfahrer.

Er saß reglos vor seinem Teller und starrte den Senf an. Dass er später der Polizei genau sagen konnte, zu welcher Uhrzeit der Schuss gefallen war, verdankte sich der Tatsache, dass ihn das

Beschreibung für Leser

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