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Cover Herzklappen von Johnson & Johnson

Herzklappen von Johnson & Johnson

Roman

Erschienen 2020 bei Suhrkamp
Sprache: Deutsch
180 Seiten
ISBN 978-3-518-76464-0

Kurztext / Annotation

Alma und Friedrich bekommen ein Kind, das keinen Schmerz empfinden kann. In ständiger Sorge um ihren Jungen, ist es vor allem Alma, die ihn unaufhörlich auf körperliche Unversehrtheit kontrolliert. Jeden Abend tastet sie das Kind ab, um keine Blessur zu übersehen. Und nichts fürchtet die junge Mutter mehr als die unsichtbare Verletzung eines Organs, die ohne ein Zeichen bleibt. Halt findet Alma bei ihrer Großmutter, die jetzt, hochbetagt und bettlägerig und nach lebenslangem Schweigen, zu erzählen beginnt: vom Aufwachsen im Krieg, von Flucht, Hunger und der Kriegsgefangenschaft des Großvaters. Mit dem Kind auf dem Schoß, das keinen Schmerz kennt, sitzt Alma am Bett der Schwerkranken, die sich nichts mehr wünscht, als ihren Schmerz zu überwinden. Und in den Geschichten der Großmutter findet sie eine Erklärung für jene scheinbar grundlosen Gefühle der Schuld, der Ohnmacht und der Verlorenheit, die sie ihr Leben lang begleiten.
Wie wird ein Kind zum Menschen, zu einem mitfühlenden sozialen Wesen, wenn es die Verwundbarkeit nicht kennt? Wenn es nicht versteht, wie sehr etwas wehtun kann? In eindringlichen Bildern erzählt Valerie Fritsch von einem Trauma, das über die Generationen weiterwirkt, sie lotet die Verletzlichkeit des Menschen aus und fragt nach dem Wesen des Mitgefühls, das unser aller Leben bestimmt.

Valerie Fritsch, 1989 in Graz geboren, wuchs in Graz und Kärnten auf. Nach ihrer Reifeprüfung 2007 absolvierte sie ein Studium an der Akademie für angewandte Photographie und arbeitet seither als Photokünstlerin. Sie ist Mitglied des Grazer Autorenkollektivs plattform . Publikationen in Literaturmagazinen und Anthologien sowie im Rundfunk. 2015 erschien Winters Garten im Suhrkamp Verlag. Sie lebt in Graz und Wien.

Textauszug

I

Alma war ein ungeduldiges Kind, das nicht verlieren konnte, bei Brettspielen betrog, lieber schrie als schwieg, die Hände oft zu Fäusten ballte, die auch im Schlaf selten aufgingen. Das Elternhaus war immer leer, kathedralisch, zu groß für einen kleinen Menschen. In der Wohnstube hing ein riesenhaftes Gemälde mit Weintrauben, so lebensecht, dass im Sommer die Vögel durch die offenen Fenster in den Raum flogen und versuchten, sie von der Leinwand zu picken. So still war es, dass einen schon das leiseste Geräusch erschreckte, und wenn das Telefon klingelte, dachte man stets, es läutete im eigenen Kopf. An den heißen Tagen beschäftigten Alma die Vogelstimmen im Garten, dann stand sie draußen unter den Bäumen und hörte dem unsichtbaren Orchester mit angehaltenem Atem zu, aber sooft sie es auch probierte, zum Nachsingen waren die Tonfolgen nicht geeignet. Mit jedem Jahr, das sie älter wurde, erschien sie mehr auf der Welt. Mit jedem Jahr wurde sie sichtbarer auf ihr, wuchs in die eigenen Formen, nahm ihren Platz ein, hineingeboren ins Fragen und in die Lücke, die auf der Welt war, bevor ein Mensch sie füllte. Die Wirklichkeit des Hauses, in dem sie wohnte, erschien ihr bald als eine, auf die man sich nicht verlassen konnte. Sie beobachtete, wie die Eltern durch die Räume geisterten, mal Mutter und Vater spielten, dann das liebende Ehepaar gaben und hin und wieder Besuch empfingen, für den sie lachten. Mit dem Großvater aß man sonntags manches Mal gemeinsam im Garten zu Mittag, bei stockenden Gesprächen, mit Spritzwein und kleinen Käfern, die aus den großen Bäumen in die Suppe fielen wie Pfefferkörner. Wann immer Alma ihre Eltern mit dem alten Mann sah, dachte sie, dass man den Menschen anstelle einer Sprache auch ein Schweigen beibringen konnte. Und immer gab es zum Abschluss Kaffee und Torte, so fett, dass die Sahne beinahe schon Butter war, oder so trocken, dass man scherzte, das Gebackene würde einem zu den Ohren herausstauben, je nachdem, ob es aus der Küche der Mutter oder aus der Konditorei kam; und es gab Kinderspiele. Noch viele Jahre später erinnerte sich Alma, wie sie an trägen Sonntagnachmittagen die Finger und nackten Zehen der Anwesenden mit einem Reim abzählte und stets ins Stolpern geriet und verwirrt innehielt, wenn sie beim Großvater angekommen war, weil sie an seinem rechten Fuß bloß drei Zehen fand. Dass womöglich nicht nur an dem alten Mann etwas fehlte, aber es überall mehr gab, als man sie sehen ließ, wurde für Alma ein vager Gedanke, ein unbestimmtes Kindheitsgefühl, dem sie sich nicht entziehen konnte. Stets fühlte sie sich um etwas betrogen, von dem sie nicht recht wusste, was es war - als prallte sie ab an der Wirklichkeit. Selbst die Früchte in den Schalen des großen Zimmers waren aus Kristall, durchsichtig und so hart, dass man sich die Zähne ausbeißen konnte an ihnen. Ihr Zuhause schien ihr mitunter beängstigend kulissenhaft, es war keine Scheinwelt, aber brüchig zusammengezimmert, wackelig und unstimmig in den Einzelheiten, als wären sie nur geborgt. In jeder Ecke stieß sie auf Kleinigkeiten, die nicht zueinanderpassten und dem prüfenden Blick nicht standhielten, leise umfielen, wenn man sie zu lange ansah. Manche verschwanden ganz, andere kamen wieder in veränderter Gestalt oder ungenügend maskiert. Man schwieg mit offenem Mund. Unterhaltungen erstarben, wählte man auch nur ein einziges falsches Wort, das man noch Minuten zuvor für unverdächtig gehalten hatte. Eine Sorge tauchte plötzlich als Ärger auf, eine Geste der Zuneigung lief ins Leere, ein harmloser Satz wurde zum Vorwurf, ein Lachen misslang und verwandelte sich in einen weggedrehten Kopf. Manches verschob sich beinahe unmerklich, blieb sich selbst aber ähnlich genug, so dass man nur kurz stutzte und dann darüber hinwegsah. Die Gefühle schienen künstlich und unbeständig und ärgerten den Kinderblick. Es war, als hätten alle Menschen in Almas Leben etwas zu verbergen, die Eltern

Beschreibung für Leser

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