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Cover Als wir Waisen waren

Als wir Waisen waren

Roman

von Kazuo Ishiguro; Übersetzt von Sabine Herting

Erschienen 2016 bei Heyne
Sprache: Deutsch
416 Seiten
ISBN 978-3-641-20212-5

Kurztext / Annotation

England in den Dreißigerjahren: Ganz London schwärmt von Christopher Banks und seinen Erfolgen. Es gibt nur einen Fall, den der Meisterdetektiv bisher nicht aufklären konnte: Das mysteriöse Verschwinden seiner Eltern in Shanghai, der Stadt seiner Kindheit. Beide waren in den Opiumhandel verstrickt: der Vater als Profiteur, die Mutter als erklärte Gegnerin. Als die Erinnerungen an die Zeit, als er Waise wurde, Banks immer häufiger quälen, beschließt er, sich auf den Weg nach Shanghai zu machen, um endlich das größte Rätsel seines Lebens zu lösen.

Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er später Englisch und Philosophie studierte. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller "Was vom Tage übrigblieb", der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Er erhielt 2017 den Nobelpreis für Literatur. Der Autor lebt in London.

Textauszug


1. KAPITEL

E s war im Sommer 1923, kurz nach meinem Abschluss in Cambridge, als ich entschied, meine Zukunft liege in der Hauptstadt, auch wenn meine Tante wünschte, dass ich nach Shropshire zurückkehrte. Und so mietete ich eine kleine Wohnung in den Bedford Gardens 14 b in Kensington. Heute habe ich diese Zeit als meinen schönsten Sommer in Erinnerung. Nach Jahren, die ich umgeben von Kameraden verbracht hatte, in der Schule und in Cambridge, genoss ich es sehr, allein zu leben. Ich erfreute mich an den Londoner Parks, an der Stille des Leseraums im British Museum; ich gönnte mir das Vergnügen, ganze Nachmittage lang durch die Straßen von Kensington zu streifen und Zukunftspläne zu schmieden, wobei ich gelegentlich stehen blieb, voll Bewunderung, dass man hier in England, mitten in dieser großen Stadt, Kletterpflanzen und Efeu an den Fassaden eleganter Häuser emporranken sah.

Auf einem dieser gemächlichen Spaziergänge traf ich zufällig einen alten Schulfreund, James Osbourne, und als ich feststellte, dass wir nahe beieinander wohnten, schlug ich ihm vor, er solle mich doch besuchen, wenn er das nächste Mal vorbeikomme. Obwohl ich bis dahin noch keinen einzigen Gast empfangen hatte, sprach ich diese Einladung in der Überzeugung aus, meine Wohnung mit Sorgfalt gewählt zu haben. Die Miete war nicht hoch, und meine Hauswirtin hatte die Räume geschmackvoll eingerichtet, sodass sie den Geist einer gemütlichen viktorianischen Vergangenheit wachriefen; im Salon, in den vormittags die Sonne hineinschien, standen ein altes Sofa sowie zwei behagliche Sessel, eine antike Anrichte und ein Bücherschrank aus Eichenholz, in dem sich zerlesene Enzyklopädien befanden - all dies, davon war ich überzeugt, würde die Anerkennung eines Besuchers finden. Außerdem hatte ich, kaum dass ich eingezogen war, in Knightsbridge ein Queen-Anne-Teeservice, verschiedene feine Teesorten und eine grosse Keksdose erstanden. Als mich dann Osbourne tatsächlich einige Tage später morgens besuchte, konnte ich ihm die kleinen Stärkungen mit einer solchen Selbstverständlichkeit servieren, dass er nie auf den Gedanken gekommen wäre, er sei mein erster Gast.

In der ersten Viertelstunde wanderte Osbourne ruhelos in meinem Salon hin und her, lobte meine Wohnung, betrachtete dieses und jenes und warf in regelmäßigen Abständen einen Blick aus dem Fenster, um alles, was sich unten abspielte, zu kommentieren. Schließlich ließ er sich aufs Sofa fallen, und wir erzählten uns die Neuigkeiten - unsere eigenen und die unserer alten Schulfreunde. Ich erinnere mich, dass wir eine Weile über die Aktivitäten der Gewerkschaften diskutierten, ehe wir eine lange Debatte über deutsche Philosophie führten, für uns eine willkommene Gelegenheit, einander unsere intellektuelle Gewandtheit vorzuführen, die wir auf unseren jeweiligen Universitäten erworben hatten. Dann stand Osbourne auf und ging wieder auf und ab, während er seine verschiedenen Zukunftspläne ausbreitete.

"Ich würde gerne im Verlagswesen arbeiten, weißt du. Zeitung, Zeitschrift, so etwas. Am liebsten würde ich eine eigene Kolumne schreiben. Über politische oder soziale Fragen. Dies für den Fall, wie gesagt, dass ich nicht doch noch beschließe, selbst in die Politik zu gehen. Sag, Banks, hast du wirklich keinerlei Vorstellung, was du machen möchtest? Sieh doch, da draußen, alles wartet auf uns." Er deutete zum Fenster. "Bestimmt hast du irgendwelche Pläne."

"Kann schon sein", sagte ich lächelnd. "Ich habe ein, zwei Dinge im Kopf. Ich werde dir davon erzählen, wenn es so weit ist."

"Was hast du in der Hinterhand? Komm schon, heraus damit! Ich finde es doch sowieso heraus!"

Doch ich verriet ihm nichts, und kurz darauf hatte ich ihn wieder so weit, dass wir über Philosophie, Poesie oder Ähnliches diskutierten. Gegen Mittag erinnerte sich Osbourne plötzlich an eine Verabredung zum Lunch am Piccadilly und suchte seine Sachen

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