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Cover Was vom Tage übrig blieb

Was vom Tage übrig blieb

Roman

von Kazuo Ishiguro; Übersetzt von Hermann Stiehl

Erschienen 2016 bei Heyne
Sprache: Deutsch
288 Seiten
ISBN 978-3-641-20215-6

Kurztext / Annotation

Stevens dient als Butler in Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person: Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Er stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Auch die vorsichtigen Annäherungsversuche von Miss Kenton, der Haushälterin, weist er brüsk zurück. Viele Jahre lang lebt ergeben in seiner Welt, bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt. Das kritische Portrait einer von Klasse und Hierarchien geprägten Gesellschaft und eine bittersüße Liebesgeschichte, erzählt von einem, der seinen Stand nie hinterfragt und der nie auch nur geahnt hat, dass er liebte.

Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er später Englisch und Philosophie studierte. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller "Was vom Tage übrigblieb", der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Er erhielt 2017 den Nobelpreis für Literatur. Der Autor lebt in London.

Textauszug


ERSTER TAG - ABEND

Salisbury

I ch befinde mich heute Abend in einer Pension hier in der Stadt Salisbury. Mein erster Reisetag ist nun zu Ende, und ich bin, das muss ich sagen, alles in allem recht zufrieden. Die Fahrt begann heute Morgen fast eine Stunde später als geplant, obwohl ich schon geraume Zeit vor acht Uhr meine Sachen gepackt und den Ford mit allem Nötigen beladen hatte. Da auch Mrs. Clements und die Mädchen während dieser Woche abwesend sein werden, war ich mir wohl sehr deutlich der Tatsache bewusst, dass Darlington Hall nach meiner Abfahrt wahrscheinlich zum ersten Mal in diesem Jahrhundert - vielleicht sogar seit seiner Erbauung - leer stehen würde. Es war ein eigenartiges Gefühl und erklärt vielleicht, weshalb ich die Abfahrt so lange hinauszögerte, indem ich viele Male durch das Haus ging, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war.

Es ist schwer zu schildern, was ich empfand, nachdem ich endlich abgefahren war. Ich kann nicht sagen, dass ich während der ersten zwanzig Minuten von irgendeiner Erregung oder Vorfreude erfüllt gewesen wäre. Dies hing zweifellos mit dem Umstand zusammen, dass ich mich, obschon ich das Haus immer weiter hinter mir ließ, doch nach wie vor in einer Umgebung befand, die ich wenigstens flüchtig kannte. Nun hatte ich stets angenommen, ich sei, in der Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt durch meine Pflichten im Haus, nur sehr wenig gereist, aber natürlich unternimmt man mit der Zeit aus dem einen oder anderen beruflichen Grund verschiedene Ausflüge, und offenbar waren mir die benachbarten Bezirke vertrauter geworden, als mir bewusst gewesen war. Denn wie ich schon sagte, stellte ich, während ich im Sonnenschein auf die Grenze von Berkshire zufuhr, immer wieder überrascht fest, dass ich die Gegend recht gut kannte.

Doch schließlich befand ich mich in einer mir fremden Umgebung und wusste, dass ich über alle früheren Grenzen hinausgelangt war. Ich habe Leute den Augenblick beschreiben hören, wenn man bei der Ausfahrt eines Schiffes schließlich das Land unter dem Horizont versinken sieht. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Gefühl von Unbehagen, vermischt mit einer hochgemuten Stimmung, das oft im Zusammenhang mit diesem Moment geschildert wird, dem sehr ähnlich war, was ich in dem Ford empfand, als mir die Umgebung fremd wurde. Dies geschah kurz nach einer Abzweigung, als ich mich plötzlich auf einer Straße befand, die in Kurven an einem Hang entlangführte. Ich ahnte den steilen Abfall zu meiner Linken, konnte ihn aber nicht sehen, weil Bäume und dichtes Laubwerk die Straße säumten. Mich durchflutete das Bewusstsein, Darlington Hall wahrhaftig hinter mir gelassen zu haben, und ich muss gestehen, dass mich eine leise Unruhe befiel - ein Eindruck, der noch verstärkt wurde durch das Gefühl, dass ich mich vielleicht überhaupt nicht auf der richtigen Straße befand, sondern in einer völlig falschen Richtung in eine Wildnis hineinraste. Es war nur das Gefühl eines Augenblicks, aber als Folge davon fuhr ich langsamer. Und selbst als ich mich vergewissert hatte, dass dies die richtige Straße war, fühlte ich mich gezwungen, den Wagen einen Moment anzuhalten, gewissermaßen um eine Bestandsaufnahme zu machen.

Ich beschloss, auszusteigen und mir ein wenig die Beine zu vertreten, und als ich das tat, verstärkte sich noch der Eindruck, dass ich mich an einer Bergflanke befand. Auf der einen Straßenseite zogen sich Dickicht und kleine Bäume steil aufwärts, während ich auf der anderen durch das Laub jetzt die ferne Landschaft herüberschimmern sah.

Ich glaube, ich war gerade ein paar Schritte am Straßenrand entlanggegangen, durch das Laubwerk spähend in der Hoffnung auf einen noch besseren Blick, als ich hinter mir eine Stimme hörte. Bis dahin hatte ich natürlich geglaubt, ich sei ganz allein, und so drehte ich mich ein wenig überrascht um. Ein Stück weiter vorn zweigte, wie ich jetzt sah, auf der anderen Sei

Beschreibung für Leser

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