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Cover Die Ungetrösteten

Die Ungetrösteten

Roman

von Kazuo Ishiguro; Übersetzt von Isabell Lorenz

Erschienen 2016 bei Heyne
Sprache: Deutsch
736 Seiten
ISBN 978-3-641-20217-0

Kurztext / Annotation

Der berühmte Pianist Ryder ist auf Konzertreise. Bei seiner Ankunft im Hotel möchte er sich am liebsten sofort zurückziehen, wird aber vom Hotelpagen in Beschlag genommen, der ihn um einen ungewöhnlich persönlichen Gefallen bittet. Ryder sagt zu und macht daraufhin eine ganze Reihe sonderbarer Bekanntschaften, die ihn in tiefe Verwirrung stürzen, lauter Ungetröstete, die sich von dem Künstler Hilfe oder gar Erlösung erhoffen. Ryder versucht, auf jeden Einzelnen einzugehen und merkt zu spät, dass er sich dabei selbst immer mehr abhanden kommt.

Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er später Englisch und Philosophie studierte. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller "Was vom Tage übrigblieb", der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Er erhielt 2017 den Nobelpreis für Literatur. Der Autor lebt in London.

Textauszug


1. KAPITEL

D em Taxifahrer war es offensichtlich peinlich, dass niemand - nicht einmal ein Angestellter an der Rezeption - anwesend war, um mich willkommen zu heißen. Er ging durch die menschenleere Halle, vielleicht in der Hoffnung, hinter einer der Pflanzen oder einem der Sessel einen Hotelangestellten zu entdecken. Schließlich stellte er meine Koffer neben den Aufzugtüren ab, brummelte ein paar entschuldigende Worte und verabschiedete sich.

Die Hotelhalle war geräumig, einige Kaffeetischchen hatte man dort aufstellen können, ohne dass es gedrängt wirkte. Aber die Decke war niedrig und hing sichtlich durch, was eine leicht klaustrophobische Stimmung verursachte, und trotz des Sonnenscheins draußen war es hier düster. Nur beim Empfang sah man einen hellen Sonnenstreifen an der Wand, der einen Teil der dunklen Holztäfelung und ein Regal mit deutschen, französischen und englischen Zeitschriften erleuchtete. Auf dem Empfangstisch sah ich außerdem eine kleine silberne Klingel, und ich wollte gerade hinübergehen, um mich bemerkbar zu machen, als sich irgendwo hinter mir eine Tür öffnete und ein junger Mann in Uniform erschien.

"Guten Tag", sagte er gelangweilt, ging hinter den Empfangstisch und begann mit der Anmeldeprozedur. Obwohl er sich für seine Abwesenheit entschuldigte, benahm er sich noch eine ganze Weile recht schroff. Doch kaum hatte ich meinen Namen genannt, da schreckte er hoch und richtete sich auf.

"Tut mir leid, dass ich Sie nicht gleich erkannt habe, Mr. Ryder. Unser Direktor Herr Hoffman hatte Sie so gern persönlich begrüßen wollen. Aber gerade eben musste er leider dringend zu einer Sitzung."

"Das ist schon in Ordnung. Ich werde ihn dann ja später kennenlernen."

Der Mann am Empfang ging schnell die Anmeldeformulare durch, wobei er die ganze Zeit vor sich hin brummelte, wie sehr sich der Direktor ärgern würde, meine Ankunft verpasst zu haben. Zweimal erwähnte er, wie sehr die Vorbereitungen für "Donnerstagabend" ihn unter Druck setzten und ihn öfter als sonst vom Hotel fernhielten. Ich nickte einfach nur, ich konnte die Energie nicht aufbringen, ihn zu fragen, was genau denn "Donnerstagabend" geschehen würde.

"Ach, Mr. Brodsky war heute übrigens ganz großartig", sagte der Angestellte, und sein Gesicht hellte sich auf. "Ganz einfach großartig. Heute vormittag hat er vier Stunden ohne Unterbrechung mit dem Orchester geprobt. Und hören Sie ihn sich jetzt nur an! Er kann gar nicht genug bekommen, arbeitet immer noch für sich allein weiter."

Er deutete ans andere Ende der Halle. Erst da wurde mir bewusst, dass irgendwo im Gebäude jemand Klavier spielte, gerade eben hörbar über dem gedämpften Straßenlärm von draußen. Ich hob den Kopf und hörte genauer hin. Jemand spielte langsam und gedankenverloren immer wieder eine einzige kurze Passage aus dem zweiten Satz von Mullerys Verticality .

"Natürlich, wenn der Direktor hier wäre", sagte der Mann am Empfang, "hätte er Mr. Brodsky sicher zu Ihrer Begrüßung hinzugebeten. Aber ich weiß nicht genau ..." Er lachte auf. "Ich weiß nicht genau, ob ich ihn stören darf. Wissen Sie, wenn er so konzentriert arbeitet ..."

"Natürlich, natürlich. Ein andermal."

"Wenn nur der Direktor hier wäre ..." Er geriet ins Stocken und dann lachte er wieder. Dann beugte er sich vor und sagte leise: "Können Sie sich vorstellen, dass einige Gäste doch tatsächlich die Frechheit besessen haben, sich zu beschweren? Weil wir jedes Mal den Salon zusperren, wenn Mr. Brodsky den Flügel braucht. Kaum zu glauben, was manche Leute sich so denken! Gestern haben sich doch tatsächlich zwei Gäste unabhängig voneinander bei Herrn Hoffman beschwert. Aber sie mussten schnell klein beigeben, das können Sie mir

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