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Cover Fremdes Licht

Fremdes Licht

Roman

Erschienen 2020 bei Luchterhand Literaturverlag
Sprache: Deutsch
512 Seiten
ISBN 978-3-641-20895-0

Kurztext / Annotation

Sie ist an einem unbekannten Ort und in einer eisigen, unwirtlichen Umgebung. Erst nach und nach kehrt die Erinnerung zurück, und Elaine begreift, was passiert ist: dass ihr Großvater einst bei den Inuit in Grönland lebte und er sie mit dem Überleben in Eis und Schnee vertraut machte. Dass sie zuletzt für einen Konzern im Schweizer Ort Winterthur tätig war und sich dort als Genforscherin mit der Rekonstruktion von Leben beschäftigte. Dass die Erde während eines Kometeneinschlages zugrunde ging und sie die letzte Überlebende zu sein scheint. Was das alles mit ihrer Urgroßmutter aus Grönland zu tun hat, ahnt sie nicht.

Michael Stavari? wurde 1972 in Brno (Tschechoslowakei) geboren. Er lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer und Dozent in Wien. Studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik/Kommunikationswissenschaften. Über 10 Jahre lang tätig an der Sportuniversität Wien - als Lehrbeauftragter fürs Inline-Skating. Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, zuletzt: Adelbert-Chamisso-Preis, Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Lehraufträge zuletzt: Stefan Zweig Poetikdozentur an der Universität Salzburg, Literaturseminar an der Universität Bamberg.

Textauszug

1.

ALLMÄHLICH BIN ICH KAUM MEHR in der Lage, die bittere Kälte zu ertragen.

Ich kann kaum die Augen öffnen, mich bewegen, geschweige fliehen, gar frei atmen, keine Ziele nirgendwo, überall Gedankenkreisel. Möge ich erfrieren, lasst mich endlich sein, innerlich verstarb ich oft genug, doch lässt der Tod weiter auf sich warten.

Ich will mich festhalten, fasse mehrmals nach dem Stiegengeländer , klamm sind die Hände, taub bis in die Fingerspitzen, der Frost und die Kälte lassen mich taumeln. Einst konnte es mir gar nicht kalt genug sein, ich tauchte selig ab, ließ mich fallen in jedwedes Eis, zwängte die Hände hinein, so tief es nur ging, wie in übergroße Backformen. Ich nahm gern ein Bad in kribbligem Schnee, der einem alles Blut aus den Fingern trieb, der dieses wie rote Eiswürfel in einem schmalen Glas zu stapeln schien, es fühlte sich ungemein lebendig an. Und später, wenn das Blut erneut in die Finger floss, wenn sich dieses wie ein Sturzbach innerhalb der Adern seinen Weg bahnte, wenn man die noch unterkühlten Hände an die halbwarmen Lippen hielt, sie mit etwas Atem anzuwärmen suchte, wenn man die Handflächen trotzig aneinanderrieb und diese wagemutig in den Nacken oder an den eigenen Hals legte, ließ mich all das erst frohlocken.

Die Kälte spornte den Körper an, aufzuwachen, sich zu bewegen, durch den Schnee zu laufen, lauthals und gellend zu schreien, sich in der Welt bemerkbar zu machen. Sie war wie ein Hund, dem ich nicht einmal einen Namen zu geben brauchte, lief mir treu hinterher, wir tollten gemeinsam durch eine verwunschene Winterlandschaft, das Bellen der Kälte war mein heiserer Atem, ihr zuliebe lief ich manchmal sogar auf allen vieren.

Nunmehr ertrage ich die Kälte nicht mehr, es ist undenkbar geworden, ohne Handschuhe und Wollmütze ins Freie zu gehen, meistens verkrieche ich mich und verlasse das Stiegenhaus nur noch dann, wenn es unvermeidbar ist. Vier, fünf Paar Socken streife ich mir über, Thermounterwäsche, zwei, drei Pullover, einen dicken Schal, doch friere ich dennoch, es existiert eine widernatürliche Kälte, die sich allmählich in meinem Körper breitmacht, die diesen unterwirft, meinen Kopf, meinen Rumpf und alle Gliedmaßen. Fast ist es so, als würde mir der Winter eine Kriegserklärung unterbreiten, das Leben versickert in tauben Fingerspitzen, kalten Unterarmen und eisigen Lippen, es ist mir vollkommen unmöglich geworden, mich aufzuwärmen, ganz egal, wie sehr ich auch die Hände balle oder wie nah ich an die mich umgebenden Wände rücke.

Ich schließe die Augen und verbringe gedanklich ein paar Stunden in der Badewanne , versuche mir vorzustellen, ich wäre noch im Mutterleib, wo es auf immer wohlig warm bleibt. Ich aale mich im viel zu heißen Wasser, das meine Haut rötet und reizt, das zwar die obersten Hautschichten aufzutauen vermag, doch ist die Kälte nach wie vor in mir, als wäre ich irgendeine den Elementen und ihren Widrigkeiten ausgelieferte Erdschicht. Eine Art Permafrost hält mich an diesem Ort gefangen, meine Hautoberfläche wird bestenfalls matschig, wenn sie wärmer wird, allfällige Druckstellen halten sich darin eine ganze Woche. Doch unter dem Matsch, unter der in meinen Träumen vom heißen Wasser verbrühten Haut, liegt blankes Eis, ich bin wie eine gefrorene, von Eiskristallen in Schach gehaltene Erde, jener Staub, aus dem sich der Mensch einst erhob, der nunmehr verklumpt, versteinert und zu gar nichts mehr taugt.

Der weißgraue Himmel draußen vor dem Stiegenhaus und die angrenzenden Hügel bleiben ununterscheidbar, die darin gefangenen sogenannten Anzeichen von Zivilisation bestehen aus ein paar aufgeplatzten Modulen, diversen Verschlägen, fast schon Baracken, ein paar zugespitzten Metallarmen und allerlei Bruchwerk. Sechs oder sieben Masten, wohl eher verdrehte, in sich verschraubte Antennen und Auslegerreste, recken sich in die Höhe, alles ist restlos und unwiederbringlich eingeschneit

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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