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Cover Das Mundstück

Das Mundstück

Erschienen 2019 bei Otto Müller Verlag
Sprache: Deutsch
150 Seiten
ISBN 978-3-7013-6270-7

Kurztext / Annotation

Ein Reiseführer für eine Stadt, die kaum jemand kennt? Zwar handelt es sich um eine Millionenstadt im Osten der Ukraine - dennoch ist Charkiw ein blinder Fleck im weltweiten Tourismus. Und wenn es keine Touristen gibt, warum dann ein Reiseführer mit Sehenswürdigkeiten und Geheimtipps?
Eine österreichische Fremdsprachenlektorin, die an einer Charkiwer Universität Deutsch unterrichtet, will das Projekt gleich wieder fallenlassen, überlegt es sich dann aber anders und ergeht und erfährt die ukrainische Großstadt nahe der russischen Grenze auf ihre Weise. Von ihrem aus der Sowjetzeit stammenden Plattenbau aus fährt sie täglich eine Stunde mit der Metro zur Arbeit, kämpft mit der ukrainischen Bürokratie, verzagt an der verwirrend labyrinthischen Struktur der Stadt, an den irreführenden Aufschriften, rätselt über die Natur der Einheimischen, diagnostiziert merkwürdige Eigenheiten der russischen und ukrainische Sprache und Schrift und vergnügt sich mit ihren Kollegen und Kolleginnen, mit Bekannten und Studenten im Charkiwer Gesellschaftsleben. Sie pafft Schischas in Kaffeehäusern, geht zum Eislaufen auf den gigantischen Freiheitsplatz, jagt mit dem kaputten Fahrrad hügelan und hügelab quer durch die Stadt und erarbeitet sich somit ihren eigenen überwältigenden 'Reiseführer', der Lust macht, eine ferne, fremde, spröde Stadt zu besichtigen.

Kos, Bianca

Angaben zur Person: Bianca Kos, geboren 1959 in Graz, Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in Graz und Klagenfurt, Journalistin und Sachbuchautorin. Nach mehreren längeren Auslandsaufenthalten (Türkei, USA, Rumänien) Tätigkeit als OeAD-Lektorin an den Universitäten in Charkiw/Ukraine und in Rijeka/Kroatien. Neben zwei monographischen Werken erschienen zahlreiche Beiträge in Anthologien und Literaturzeitschriften. Sie ist u.a. Preisträgerin des Literaturwettbewerbs der Klagenfurter Gruppe, des Kärntner Lyrikpreises der Klagenfurter Stadtwerke und des PERGamenta-Literaturpreises. 2018 erhielt sie vom Land Kärnten das Stipendium zur Finalisierung literarischer Projekte. Das Mundstück ist ihr Debütroman.

Textauszug

Serhij

Sag bitte U! Ja, so ist es richtig. Aber wenn du ein Ü sprechen willst, dann musst du die Lippen spitzen. Noch spitzer! So: Üüüü! Wenn die Lippen nicht spitz genug sind, bleibt es ein U!

Wenn du bei einem ukrainischen Oligarchen und österreichischem Honorarkonsul zum Tee eingeladen bist, führe die Tasse vorsichtig zum Mund, schlürfe lautlos die heiße Brühe, höre zu, ohne zu unterbrechen, lächle fortwährend und nicke hin und wieder, wirf ab und zu ein passendes Wort oder einen zustimmenden Kommentar ein, nimm den bemalten Folklore-Teller mit entspannter Würde entgegen, bedanke dich und geh beschwingt nach Hause. Fördere die Mikroökonomie und kaufe um Mitternacht am Ausgang der Metro der Apfelfrau noch ein Säckchen Äpfel ab, schließe die Stahltür zu deiner Kommunalka -Wohnung im Stalinka -Stil auf, lass dich müde ins Bett fallen und versuche zu schlafen. Dazu musst du deinen Kopf leer machen, befreien und loslösen von all dem, was du in den vergangenen Tagen und Wochen gesehen hast. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn du bist, bevor du beim Oligarchen warst, zufälligerweise am Rathaus vorbeigegangen und hast gesehen, wie man den Bürgermeister der Stadt in sein Dienstauto getragen hat. Rasch haben zwei mächtige Bodyguards den Rollstuhl durch ein Spalier von Aufpassern und Ordnungshütern in die schwarze, gepanzerte Limousine gehoben, die Autotür zugeschoben und den Wink zum Abfahren gegeben. Dann kommt dir dieses Unglück in den Sinn, bei dem die junge Natalja Zaitschenka im vergangenen Herbst an einer Kreuzung mit Vollgas bei Rot über den Zebrastreifen gerast war und dabei sechs Menschen, darunter drei junge Mädchen, getötet und weitere dreiundzwanzig Passanten schwer verletzt hatte. Bis in das folgende Frühjahr hinein brannten an der Unglücksstelle unzählige Kerzen. Blumen und Kränze bildeten mächtige Gebirgslandschaften, auf deren Gipfel man die Fotografien der Verunglückten gelegt hatte. Im Februar wuchs durch wochenlange Schneefälle der Unglücksort zu einem vergletscherten Alpenhauptkamm an, welcher den Gehsteig völlig unpassierbar machte und die Fußgänger ihn nur auf einem Umweg über die Straße passieren konnten. Die Lenkerin ist die Tochter eines Oligarchen. Das gab Anlass zu gewissen Bedenken. Es gab nämlich noch einen ganz zufällig in das Geschehen verwickelten Autofahrer, der genau zum selben Zeitpunkt über diese Kreuzung fuhr und frontal mit dem väterlichen Oligarchen-SUV zusammengekracht wäre, wenn er sein Auto nicht im letzten Augenblick gegen die Hauswand gefahren hätte. Der Autofahrer hatte eine Stopplinie überfahren, allerdings war diese Stopplinie angeblich erst in der Nacht nach dem Crash aufgebracht worden. Der mutmaßlich prorussische Bürgermeister war genau vor einem Jahr bei einem Attentat durch Schüsse in den Rücken schwer verletzt worden und sitzt seitdem im Rollstuhl.

Warum sage ich eigentlich "Du"? Kann ich es mir nicht endlich merken, dass man sich hier nicht so schnell duzt? Das Du-Wort ist eine Familienangelegenheit oder eine Sache der langjährigen, voraussichtlich ewig dauernden Freundschaft. Weil ich aber so voreilig bin, verbrenne ich mir ständig den Mund damit. Das "Du" ist eine heiße Kartoffel, auf Russisch eine "kartofelina", auf Ukrainisch eine "kartoplja", auf Österreichisch ein "Erdapfel". Schnell turne ich zurück zum "Sie" und halte gebotenen Abstand. Meine Erinnerungen setzen am sechzehnten Oktober ein, obwohl mein Leben bereits am dritten September begonnen hat. Was in den sechs Wochen dazwischen passiert ist, weiß ich nicht mehr, wenngleich ich seit meiner Ankunft eine Art Tagebuch führe. Aber die Eintragungen geben nicht viel mehr her als "Olga, 11 Uhr" oder "350 Grw". Ich weiß nicht, welche Olga gemeint ist, denn ich kenne mindestens ein Dutzend Olgas hier, und ich weiß auch nicht mehr, wofür ich die Summe von dreihundertfünfzig ukrainischen Griwna gebraucht habe. Das sind etwa

Beschreibung für Leser

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