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Cover Logbuch der Gegenwart - Taumeln

Logbuch der Gegenwart - Taumeln

Taumeln

von Ales Steger; Sonstiger Urheber: Péter Nádas

Erschienen 2016 bei Haymon Verlag
Sprache: Deutsch
168 Seiten
ISBN 978-3-7099-3738-9

Kurztext / Annotation

AUTHENTISCH, UNVERMITTELT UND HAUTNAH Ein bestimmter Tag im Jahr, ein bestimmter Ort auf der Welt: Für sein einzigartiges 'Logbuch der Gegenwart' geht Ale? ?teger dorthin, wo die Wunden unserer Zeit klaffen. Jeweils exakt zwölf Stunden nimmt er sich, um seine Eindrücke festzuhalten, die durch seine Augen und Hände direkt aufs Papier fließen. So entstehen seltene Momente der Wachheit, die den Leser/die Leserin direkt ins Herz unserer Gegenwart führen. EIN LOGBUCH UNSERER ZEIT, UNSERER WELT Ljubljana, Platz der Republik, am Tag des prophezeiten Weltuntergangs; Minamis?ma nahe dem Atomkraftwerk von Fukushima; Mexico City während einer Demonstration gegen den Umgang der Regierung mit dem Mord an 43 Studenten; Belgrad, Busstation, Zwischenstopp syrischer Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Ungarn - mit einem Blick durch seine Augen führt uns ?teger direkt in das Herz des Phänomens. DER BLICK DES DICHTERS TRIFFT AUF NÜCHTERNE REALITÄT Als einer der bedeutendsten slowenischen Gegenwartsautoren macht sich Ale? ?teger seine Sprachbegabung zunutze, um hochbrisante Themen, Schauplätze und Schicksale unserer Zeit literarisch einzufangen: authentisch, unvermittelt und hautnah. Mit einem Vorwort von Péter Nádas und vielen Fotoaufnahmen des Autors an den Schauplätzen.

Ale? ?teger, geboren 1973 in Ptuj, ist ein slowenischer Dichter, Schriftsteller und Lektor. Er veröffentlichte bislang sechs Lyrik- sowie mehrere Prosabände, zuletzt seinen ersten Roman 'Archiv der toten Seelen' (2016). Für seine Gedichte und Essays, die in viele Sprachen übersetzt und weltweit in über 200 Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurden, erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1998 den Veronika-Preis, 2008 den Ro?anc-Preis sowie 2011 den Best Translated Book Award für seinen Gedichtband 'Buch der Dinge'. Zudem übersetzt er aus dem Deutschen, Englischen und Spanischen, u. a. Werke von Gottfried Benn, Peter Huchel und Ingeborg Bachmann. Bei Haymon: 'Logbuch der Gegenwart - Taumeln' (aus dem Slowenischen von Matthias Göritz, 2016).

Textauszug

Péter Nádas

Die Nachricht
von der Katastrophe

Die erzählende Dichtung des Ales Steger

Alles, was kaputtgehen kann, geht auch kaputt. Zum Begreifen dieser Weisheit ist kein besonders scharfer Verstand nötig, es genügt die Erfahrung des Alltags. Wir arbeiten mit technischen Geräten, deren Funktionsweise wir nicht kennen, notwendigerweise werfen wir die kaputten weg und kaufen stattdessen bessere, andere. Dieses Prinzip definiert unsere Sicht der Welt. Das Prinzip der Allmacht des Kaufens. Die Auswirkungen und Defekte größerer Systeme verursachen dann einen richtigen Kurzschluss in unserem Denken. Kein Wunder. Ausgetrocknete Flussbette und plötzliche Überflutungen kann man nicht wegwerfen, man kann nicht einmal mit ihnen rechnen.

Auch wir, eine Frau und ein Mann, arbeiteten unter dem wolkenlos blauen Aprilhimmel, mit der Heugabel wendeten wir das gemähte Gras, damit gutes, trockenes Heu daraus entstand, das der Nachbar für seine Kuh holen würde. Doch wie sollte er es seiner Kuh geben, wenn nicht nur sämtliche Halme unseres Grases, sondern jeder einzelne Halm von jedermanns Gras, vom Baltischen Meer bis zu den Bergen des Balkans, radioaktiv verseucht war. Oder was sollten wir mit dem besonders früh und üppig gedeihenden Spinat anfangen. Sollten wir ihn ernten, blanchieren, kühlen, portionieren und in die Tiefkühltruhe geben, wie wir es in früheren Jahren getan hatten? Die Strahlung ist nicht wahrnehmbar. Oder sollten wir das Ganze abschneiden und es auf den sorgfältig gepflegten und deswegen reichlich mit Würmern durchsetzten Komposter werfen, der infolge der Explosion von Tschernobyl ebenso kontaminiert war, wie unser Gras und unser Haar.

Die Katastrophe unterscheidet sich dadurch von allen anderen Situationen des Lebens, dass sie sich persönlich an dich wendet, es gibt kein Schlupfloch, ihren klaren Fragen zu entkommen, es gibt keinen Aufschub, und nicht nur du weißt keine Antwort auf sie, niemand weiß eine. Und Gott ist, wie allgemein bekannt, schweigsam. Du kannst nicht sagen, es fällt zwar radioaktiver Regen, doch morgen wird er aufgehört haben. Du kannst nicht sagen, es brennt zwar die Sonne der globalen Erwärmung nieder und lässt vor deinen Augen die Flussbette austrocknen und das Getreide verdorren, doch dann oder dann wird es regnen. Unter dem Gewicht der Katastrophe bricht als Erstes das universale menschliche Prinzip der Hoffnung in sich zusammen. Es gibt nichts, weswegen, und nichts, worüber man sprechen könnte, wenn man keinen Unsinn reden will. Inmitten der Katastrophe kann der Verstand immerhin noch erfassen, dass das Wort bis dahin ausschließlich vom Prinzip Hoffnung genährt wurde und es nun kein Weiter gibt. Es ist zu spät. Man kann nicht jeden bis dahin von der Menschheit ausgesprochenen Satz nachträglich abändern oder korrigieren. Die Erkenntnis, dass wir auch das Prinzip Hoffnung missbraucht haben, kommt spät. Ich würde vielleicht sogar sagen, wir haben auch das biblische Gebot der Vermehrung missbraucht.

Das Dichterwort vermag zuweilen doch ein wenig mehr, es kann weiter gehen, und lässt sich selbst dann vernehmen, wenn andere nichts Vernünftiges zu sagen, ja nicht einmal Wasser, nicht einmal Luft zum Atmen haben. Ales Steger ist ein Meister der unmöglichen poetischen Äußerung. Seine Vorsicht, seine Behutsamkeit, seine Umsicht hat er höchstwahrscheinlich von den Göttern bekommen, die ihm zudem ein schönes Lächeln geschenkt haben. Ich möchte hinzufügen, dass er das alles nicht von den römischen, sondern von den byzantinischen Göttern bekommen hat.

Denn es ist in meinem als Zugabe erhaltenen Leben nach Tschernobyl kaum ein Vierteljahrhundert vergangen, als ich in einer Live-übertragung mitansehen musste, wie eine wunderschön gealterte japanische Gärtnerin auf den Knien rutschend aus ihren Spinatbeeten die größten Blätter einzeln herauszupft, damit die kleineren noch wachsen können. Sie arbeitet unerschütterlich, inmitten ein

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Péter Nádas, geb. 1942 in Budapest, ist einer der bedeutendsten europäischen Erzähler. Er wurde u.a. mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, dem französischen Prix du Meilleur Livre Étranger und dem Leipziger Bucpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Péter Nádas lebt in Budapest und Gombosszeg.

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