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Cover Wirklichkeit im Nachsitzen

Wirklichkeit im Nachsitzen

Ein Essay zur Ästhetik in Franz Tumlers Spätwerk

Erschienen 2018 bei Haymon Verlag
Sprache: Deutsch
144 Seiten
ISBN 978-3-7099-3837-9

Kurztext / Annotation

Ein neuer Blick auf das Spätwerk von Franz Tumler. Franz Tumler zählt zu den prägenden Gestalten der literarischen Moderne der 1950er und 1960er Jahre. Seine Romane und Erzählungen rangierten in einer Reihe mit Werken von Uwe Johnson und Günter Grass. Dennoch ist Tumler heute nahezu vergessen. Der Schweizer Literaturwissenschaftler, Herausgeber und Autor Markus Bundi widmet Tumlers faszinierendem Spätwerk nun einen Essay. Sein Augenmerk gilt dem eigenständigen ästhetischen Programm des Südtiroler Schriftstellers - jenem 'Schreibend-Erinnern', das Romane wie 'Nachprüfung eines Abschieds' oder 'Aufschreibung aus Trient' zu Meilensteinen moderner Erzählliteratur machte. Ein Werk von unbestechlicher Modernität im Blick des Essayisten Bundi!

Markus Bundi, geboren 1969, lebt in Neuenhof/Schweiz. Kulturredakteur bei einer Schweizer Tageszeitung, unterrichtet an der Alten Kantonsschule Aarau. Er ist als Autor, Essayist und Herausgeber tätig. Zuletzt bei Haymon: 'Vom Verschwinden des Erzählers. Ein Essay zum Werk von Alois Hotschnig' und 'Des Möglichen gewärtig. Ein Essay zum Werk von Klaus Merz' (beide 2015). Markus Bundi ist Herausgeber der Werkausgabe von Klaus Merz bei Haymon. 2018 erscheint sein Essay zur Ästhetik in Franz Tumlers Spätwerk 'Wirklichkeit im Nachsitzen'.

Textauszug

Vorbemerkung

In einem Interview, das Johann Holzner, langjähriger Leiter des Brenner-Archivs in Innsbruck und der Experte in Sachen Franz Tumler, der Neuen Südtiroler Tageszeitung (26. März 2014) gab, antwortete er auf die Frage nach "moralischen Kategorien" im Zusammenhang mit Tumlers Verhalten während des Zweiten Weltkrieges und danach: "Was Tumler in den Jahren 1939 bis 1940 geschrieben hat, kann und soll nicht verteidigt werden. Er selber hat es später ja auch nicht getan. Aber das kann doch kein Grund sein, auch seine späteren Werke nicht zu lesen. Wir haben uns angewöhnt, Tumler nur in Hinsicht auf dieses Thema zu lesen: Wie setzt er sich vom Nationalsozialismus ab? Aber man kann seine Werke unter ganz anderen Gesichtspunkten lesen, zum Beispiel als Liebesromane oder als Beziehungsgeschichten. Junge Leute tun das auch."

Ich steige mit diesem Zitat aus mehreren Gründen in den Essay ein: Zum einen hat die folgende Untersuchung, die sich mit dem Spätwerk von Franz Tumler auseinandersetzt, nichts mit seiner Nazi-Vergangenheit zu tun, zum andern aber erschiene es mir als falsch, diesen dunklen Fleck in der Biografie des Autors zu verschweigen. Ohne Frage zeitigt dieser Makel für die Rezeption von Tumlers Werk bis heute seine Folgen. Wer nach in Gymnasien gängigen Literaturgeschichten greift, sucht in der Regel vergeblich nach dem Südtiroler Autor. Die Einträge in größeren Lexika sind, wenn es denn welche zu Franz Tumler gibt, zum Teil verwirrend oder gar befremdlich. 1 Sei es aus einer kruden Sympathie heraus, oder sei es aus Unwissenheit; die einen Autoren verschweigen Tumlers Parteinahme für die Nazis (und seinen Wunsch nach Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich), andere sehen ihn gar als Opfer, das ideologisch instrumentalisiert wurde. Wie die divergierenden Einschätzungen auch ausfallen, sie scheinen (fast) jede Lektüre seiner Texte von vorneweg einzutrüben, bis heute.

Freilich, auch für Franz Tumler, 1912 in Gries bei Bozen geboren und in Linz aufgewachsen, brach nach dem Zweiten Weltkrieg eine Zeit der Neuorientierung an, und ich meine, er stehe für ein herausragendes Beispiel der sogenannten "Trümmerliteratur". Die Schwierigkeiten zu ermessen, die ein als NS-Autor Gebrandmarkter in den ersten Jahren nach dem Krieg zu gewärtigen hatte, maße ich mir allerdings nicht an. Das Wenige aber lässt sich aus heutiger Sicht mit Sicherheit sagen: Tumler war nicht der einzige Autor, der mit einer belasteten Vergangenheit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts aufbrach, und er war auch nicht der Einzige, der in einer zweiten Karriere bemerkenswerte literarische Texte veröffentlichte. 2

Franz Tumlers Werk - es umfasst über dreißig Bücher - lässt sich wohl sinnvoll in fünf Phasen unterteilen. Der Beginn, der sich vornehmlich am Überraschungserfolg seines Erstlings, der Erzählung Das Tal von Lausa und Duron (1935), festmachen lässt 3 ; seine Zeit als Blut-und-Boden-Dichter während des NS-Regimes, die Neuorientierung nach dem Zweiten Weltkrieg bis Ende der 1950er-Jahre, die Umsetzung eines eigenen ästhetischen Programms bis zu seinem Schlaganfall, den er 1973 erlitt; und schließlich die letzte Phase, in der nur noch kleine Texte und einzelne Gedichte entstanden sind. - Ich mag solche Einteilungen, solange sie einer ersten Orientierung dienen; denn scharfe Grenzen lassen sich eigentlich, wenn es um das Werk eines Schriftstellers geht, nicht ziehen.

So besehen fiele die Phase der Neuorientierung als die mit Abstand produktivste aus (denn in dieser Zeit entsteht zirka ein Drittel von Tumlers Gesamtwerk), und vieles spricht dafür, hierzu eine weitere Unterteilung vorzunehmen, denn Tumlers vielleicht poetischste Erzählung Der Mantel (1959) zeichnet sich durch eine ganz andere Erzählweise aus 4 , als wir sie zum Beispiel noch im seitenmächtigen Roman Ein Schloß in Österreich

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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