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Cover Heimat

Heimat

Ein Vorschlag zur Güte

Erschienen 2019 bei Haymon
Sprache: Deutsch
160 Seiten
ISBN 978-3-7099-3867-6

Kurztext / Annotation

RENAISSANCE EINES POLITISCHEN KAMPFBEGRIFFS
Ob rechts, ob links, ob bürgerlich, liberal oder öko: Seit Neuestem verwenden alle wieder das 'H-WORT'! Ist HEIMAT ein gefährlicher Begriff, der in den Giftschrank POLITISCHER TABUWÖRTER gehört? Oder kann das Konzept heute tatsächlich eine KONSTRUKTIVE ROLLE in unserer Gesellschaft spielen? Die in Wien lebende Volkskundlerin und Philosophin ELSBETH WALLNÖFER gibt eine klare Antwort: Wir müssen den Begriff endlich aus seiner völkisch-nationalistischen Umklammerung lösen und PLURALISTISCH verstehen, dann ist die Heimat durchaus noch zu retten.

VON DER KRANKHEIT ZUR IDEOLOGIE
Schon in der Antike beklagten Menschen den VERLUST ihrer Heimat - wie beispielsweise der ans Schwarze Meer verbannte römische Dichter OVID. In der Neuzeit beschrieben Schweizer Ärzte dann erstmals das sogenannte 'HEIMWEHVERBRECHEN': Immer wieder töteten Kindermädchen ihre Schützlinge, und zwar aus Kummer darüber, weit weg von zuhause zu sein. War also Heimat bis in die Moderne nur als Verlustgefühl greifbar, so begann die ROMANTIK damit, eine Verbindung von HEIMAT UND VOLK herzustellen. Damit war der Weg bereitet, aus einem individuellen Gefühl ein POLITISCHES KONZEPT zu schmieden.

DAS BUCH ZUR STUNDE
Die Männerbünde der deutschen NATIONALBEWEGUNGEN griffen die romantisch-völkische Interpretation auf und machten Heimat zu etwas EXKLUSIVEM: hier das angestammte Volk, dort die Fremden, die aus der 'eigenen' Heimat ausgeschlossen bleiben. Angesichts der aktuellen politischen Debatten um kollektive Identität und 'Leitkultur', um Geflüchtete, Migration und Asyl ist es hoch an der Zeit, die nationalistischen Wurzeln dieses Schemas zu hinterfragen. Elsbeth Wallnöfer zeigt uns Wege, HEIMAT(EN) NEU ZU DENKEN - KENNTNISREICH, ORIGINELL und dabei stets VERGNÜGLICH ZU LESEN.



'Seit Jahrzehnten erforscht die Volkskundlerin und Philosophin Elsbeth Wallnöfer das, was dem Menschen innewohnt.'
FALTER, Stefanie Panzenböck

ELSBETH WALLNÖFER, geboren in Südtirol, ist Volkskundlerin und Philosophin und lebt in Wien. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen der Tracht. Unermüdlich kritisiert sie den unreflektierten Umgang mit Althergebrachtem. Ihre Kommentare erscheinen u.a. in den Zeitungen STANDARD, KURIER und FALTER.

Textauszug

Von der Krankheit

Nostalgia

Als der uns als Philosoph, Förderer und Freund Hannah Arendts bekannte Karl Jaspers im Jahr 1909 in Heidelberg seine Dissertation einreichte, befasste sich der angehende Psychiater mit dem Thema "Heimweh und Verbrechen". Was heute in Zeiten des massenhaften Billigreisens undenkbar scheint - wegen Heimwehs Verbrechen zu begehen oder ernsthaft krank zu werden - beschäftigte zum damaligen Zeitpunkt bereits über zweihundert Jahre eine Reihe von Gelehrten, eben weil es auffallend oft zu Heimwehverbrechen kam. Jaspers stützte sich auf Untersuchungen des Begründers der Heimwehforschung Johann Hofer bzw. Johannes Hoferus, wie er latinisiert in der Gelehrtensprache hieß. Mit seiner "Dissertatio Medica De Nostalgia, oder Heimwehe", Basel 1678, fokussierte er ein damals gesellschaftsrelevantes Thema. Die Schweizer lieferten zu dieser Zeit, und hier insbesondere die Berner, Anlass zur Sorge, Heimweh könnte eine Krankheit sein. Gründe dafür waren vermehrt auftretende Suizide oder kriminelles Verhalten von Dienstboten, Mägden und Knechten. Bei den Untersuchungen zeichnete sich ab, dass die Inkriminierten nicht aus Gier, sondern vielmehr aus einem gefühlten Schmerz heraus Straftaten begingen. Dies alles in der irrigen Annahme, sie würden, nachdem das Kind, das sie zu beaufsichtigen hatten, tot sei, oder das Haus, das sie zu hüten hatten, abgebrannt sei, nach Hause zurückkehren dürfen. Als erwähnter Johann Hofer sich dem Thema widmete, meinte er, das von den Schweizern so bezeichnete "Heimweh" sei nicht nur unter Eidgenossen verbreitet, es gäbe Entsprechungen auch im Französischen, wo es mal du pays hieß. Besonders junge, unausgereifte Menschen würden daran leiden. Die beste Heilung erziele man, indem man die Leute zurück nach Hause schickte. Heutzutage, wo alle Welt auf den Beinen ist, nahezu jeder sich auf Reisen begibt, können wir gar nicht glauben, dass man vor lauter Heimweh krank werden kann. Umso absurder klingen die Erklärungsversuche für unsere heutigen Ohren. Man suchte die Ursache im Luftdruck der schweizerischen Höhenluft oder glaubte, vornehmlich mit Muttermilch gesäugte Jugendliche würden von Heimweh befallen. Exotischer noch mutet die Annahme, das derbe Leben im Gebirge führe zu Dummheit bei den Menschen und diese wiederum wären dann in der Folge anfälliger für das Leiden. Heimweh als Ursache des Krankheitsbildes zu deuten, war angesichts der immer wieder auftretenden Fälle von Kindstötungen oder Brandstiftungen durch ländliches Personal in städtischen Haushalten naheliegend wie verständlich. Es betraf vorwiegend heranwachsende Mädchen. Für diese Verzweifelten gab es recht bald die expressis verbis weibliche Bezeichnung Heimwehverbrecherinnen . Was von den Eltern gut gemeint war, die eigenen Kinder vor der Not daheim fort in den Dienst zu fremden Leuten in unbekannte Gegenden zu schicken, endete nicht selten in einer Katastrophe. Die Häufigkeit, mit der dies geschah, zog die Aufmerksamkeit der sich gerade formierenden Psychiatrieforschung auf sich. Der Schmerz, das Leid, die seelische Not der an Heimweh Erkrankten und die daraus resultierenden kriminellen Taten nannten die doctores recht bald treffend nostalgia , in Anlehnung an die altgriechischen Wörter nostos für Heimkehr und algos für Schmerz. Nun ist das Heimweh nichts, was es erst mit dem Aufkommen der Psychiatrie gab. Das Heimweh ist ziemlich sicher so alt wie die Menschheit, dennoch galt es lange als Schweizer Phänomen. Die Verortung des Menschen, seine Sesshaftwerdung, zog es nach sich, dass man begann sich auf einen greifbaren Punkt zu konzentrieren und auf diesem Besitz auszubilden. Rund um den Besitz herum formierte sich Gemeinschaft, in der man zunächst unter sich blieb. Innerhalb dieser blieb die Unterscheidung zwischen einem abgegrenzten individuellen Ich und dem individuellen Anderen dennoch topographisch auf einen gemeinsamen L

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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