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Cover Fort

Fort

Eine Brieferzählung

Erschienen 2014 bei Haymon Verlag
Sprache: Deutsch
106 Seiten
ISBN 978-3-7099-7322-6

Kurztext / Annotation

'Fort. Endlich fort. Endlich die Tür also hinter mir zu. Endlich die Kinderzeit abgeschlossen. Das Elternhaus endlich verlassen. Die Koffer gepackt. Die Hände geschüttelt. Ab, in den Zug, in die Welt hinaus.'
Aber es gibt immer wieder eine Heimkehr.

Jürg Amann, geboren 1947 in Winterthur/Schweiz, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2013 in Zürich. Studium der Germanistik in Zürich und Berlin, Literaturkritiker und Dramaturg, seit 1976 freier Schriftsteller. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Ingeborg-Bachmann-Preis, Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Bei Haymon: 'Zwei oder drei Dinge'. Novelle (1993), 'Über die Jahre'. Roman (1994), 'Und über die Liebe wäre wieder zu sprechen'. Gedichte (1994), 'Schöne Aussicht'. Prosastücke (1997), 'Kafka'. Wort-Bild-Essay (2000), 'Am Ufer des Flusses'. Erzählung (2001), 'Mutter töten'. Prosa (2003), 'Übermalungen. Überspitzungen'. Van-Gogh-Variationen (zus. mit Urs Amann, 2005), 'Zimmer zum Hof'. Erzählungen (2006), 'Nichtsangst'. Fragmente auf Tod und Leben (2008) und 'Die Reise zum Horizont'. Novelle (2010). Zuletzt erschienen: 'Wohin denn wir'. Roman (2012) und 'Lebenslang Vogelzug'. Gedichte (2014).

Textauszug

Fort. Endlich fort. Endlich die Tür also hinter mir zu. Endlich die Kinderzeit abgeschlossen. Das Elternhaus endlich verlassen. Die Koffer gepackt. Die Hände geschüttelt. Ab, in den Zug, in die Welt hinaus.

Und habe dann also beinahe seine Ankunft in der Großstadt verschlafen. Das fängt ja gut an, dachte ich, während ich ausstieg. Er sei der letzte gewesen. Außer ein paar Männern, die mit langen Hämmern die Bremsen der Wagen abklopften, habe sich auf dem Bahnsteig niemand mehr aufgehalten. Etwas Dampf stieg noch aus irgendwelchen Ventilen. Es roch nach feuchter Wäsche und Ruß. Ich fror. Ich stieg, indem ich die Koffer von Zeit zu Zeit abstellte, die Treppe hinunter. In der Halle standen, weit von mir weg, in den Ecken, Menschen in dunklen Gruppen. Als er hinaustritt, in die kalte Bewegung der Luft, beginnt es über den Straßen gerade zu tagen.

Und dann die Fahrt durch die erwachende Stadt. Wohin? brüllt mich der Fahrer an, kaum daß ich in seinem Wagen sitze. Er will wissen, wohin er mich bringen soll. Der steht mit den Hühnern auf, denke ich. Aber wahrscheinlich gibt es in dieser Stadt gar keine Hühner. Auf jeden Fall ist der andere hellwach, während ich selbst noch halb schlafe. Griegstraße, sage ich. Daß er da hin wolle. Und er sagt ihm auch noch die Nummer. Also ich gebe ihm die Adresse, die Ihr ja kennt, die ich Euch auch gegeben habe. Griegstraße, wiederholt er erstaunt. Vornehme Gegend, weiß Gott, da kann man nichts sagen. Und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und läßt sich des langen und breiten über die Gegend aus, in die ich da offenbar komme. So, sage ich, nach einer gewissen Zeit. Ich weiß das ja nicht. Ich kann das ja nicht wissen von weitem. Ich bin ja zum erstenmal hier. Zum Studieren gekommen? fragt er. Ausstudiert, sage ich. Ich habe nicht die geringste Lust, mit ihm darüber zu reden. Er sehe ihn ja nicht wieder. Jedenfalls ist es nicht anzunehmen. Und sobald ich aussteige, hat er es ohnehin wieder vergessen. Doktor? insistiert er aber. Und ich sage, wenn Sie so wollen. Und will das Thema damit beschließen. Aber er will natürlich gar nichts. Er fängt jetzt erst an. Dann sagen Sie das doch gleich, junger Mann, ruft er aus. Dann weiß man, woran man ist. Er ist also ein junger Mann. Jedenfalls habe der Taxifahrer ihn so betitelt. Und zudem einer von denen mit etwas im Kopf. Oder im Oberhaus, wie er sich ausdrückt. Und einer, der etwas gearbeitet hat. In seinem Alter, und Doktor. Das sei nicht nichts, das müsse er sagen. Das sagt der Fahrer. Und er fügt hinzu: das ist doch wohl heutzutage nicht üblich? Oder ob er das falsch sehe. Oder ob es etwa nicht stimme, daß an der Universität bloß noch diskutiert werde. Und demonstriert und polemisiert und politisiert. Das sind seine Worte. Wir kennen dieses Gefasel ja auch von zuhause. Es ist gefährlich, ich weiß, aber ich lasse ihn reden. Ich will mich nicht schon am ersten Tag mit der Welt anlegen. Denn für ihn ist das hier jetzt die Welt.

Meine Welt also. Die Stadt blieb gerade noch Stadt und war gleichzeitig schon Land. Eigentlich Wald. Zumindest Waldrand. Die Straßen waren auf einmal Alleen. Er habe das Wort aus der Schule gekannt. Jetzt sah ich, daß es eine Entsprechung in der Wirklichkeit hatte. Die Königsallee, sagte der Fahrer, nachdem wir schon eine Weile auf ihr gefahren waren. Nun war ich nahe am Ziel. Ich atmete auf. Ich lehnte mich in meinem Polster zurück. Er habe begonnen, sich in seiner Freiheit freier zu fühlen. Die Angst vor dem Neuen habe dem Neuen jetzt Platz gemacht. Erwartungsvoll schaute ich aus dem Fenster. Ich hatte ja immer davon geträumt, einmal in einem Schloß zu wohnen. Kronprinzenallüren, Muttersöhnch

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