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Cover Priskas Miniaturen

Priskas Miniaturen

Erzählungen 1978-1988

Erschienen 2012 bei Haymon Verlag
Sprache: Deutsch
208 Seiten
ISBN 978-3-7099-7530-5

Kurztext / Annotation

Der frühe Klaus Merz, zwanzig Erzählungen aus der Zeit vor seinen großen Erfolgen, in denen seine Meisterschaft aber schon voll entwickelt ist. Äußerlich sind es stille Liebes- und Lebensgeschichten, denen das vorrangige Interesse dieser Erzählungen gilt: etwa dem Lokführer einer Schmalspurbahn, der täglich dieselbe Strecke fährt, der Zirkusartistin Hanni Ball, die zu ihrer Hochzeit eine Kleinkunstnummer mit Elefanten und weißen Mäusen einübt, dem Fotografen, der sich mit Passbildern über Wasser hält und daneben Bild für Bild an der Chronik eines Dorfes arbeitet. Klaus Merz fasst als genauer, sensibler und diskreter Beobachter diese verdichteten Leben in knappe, prägnante Bilder, zeichnet ihr Auf und Ab in klaren Linien nach und lässt Hoffnung und Enttäuschung aufblitzen, nie ohne Wärme und Anteilnahme, aber mit Humor und Sinn für die skurrilen Seiten des Lebens. Zwei längst vergriffene Erzählbände voll mit Glanzstücken Merz'scher Erzählkunst macht Haymon, seit 1994 'Stammverlag' des Schweizer Autors, seiner immer noch wachsenden Lesergemeinde wieder zugänglich.

Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, lebt in Unterkulm/Schweiz. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Hermann-Hesse-Literaturpreis 1997, Gottfried-Keller-Preis 2004, Aargauer Kulturpreis 2005, Werkpreis der schweizerischen Schillerstiftung 2005 und Basler Lyrikpreis 2012. Bei Haymon: Am Fuß des Kamels. Geschichten & Zwischengeschichten (1994, bei HAYMONtb 2010), Kurze Durchsage. Gedichte & Prosa (1995), Jakob schläft. Eigentlich ein Roman (1997, 6. Auflage), Kommen Sie mit mir ans Meer, Fräulein. Roman (1998), Garn. Prosa & Gedichte (2000), Adams Kostüm. Drei Erzählungen (2001), Das Turnier der Bleistiftritter. Achtzehn Begegnungen (2003), Löwen Löwen. Venezianische Spiegelungen (2004), LOS. Roman (2005), Priskas Miniaturen. Erzählungen 1978-1988 (2005), Der gestillte Blick. Sehstücke (2007), Der Argentinier. Novelle (2009), Aus dem Staub. Gedichte (2010). Seit Herbst 2011 erscheint bei Haymon die Werkausgabe Klaus Merz in sieben Bänden.

Textauszug

TREMOLO TRÜMMER

1

Über den Betten des Geschwisterpaares hingen drei colorierte Portraits. Otto Lilienthal. Jesus von Nazareth. Claude Dornier. Am Fussende der Bettstatt stand auf einer Marmorhalbsäule die Gipsbüste Enrico Carusos an der Wand.

Karl belegte das linke Bett, damit sein steifes Bein die Schwester nicht störte, wenn er nachts ein- und ausstieg, um seine Existenz auf Orion hin auszurichten oder nach einem Zeppelin Ausschau zu halten. Sein Leben lang verweigerte er den Eierkonsum, was ihm schon als Kind den Spitznamen Dotter eingetragen hatte. Seine Schwester nannte man Krötchen , da sie ihre hohen, glockenähnlichen Puh-Puh-Rufe meisterhaft unter die langgezogenen Rufe der Geburtshelferkröten in Dotters Gemüsegarten zu mischen verstand. Mit schnellen Händen griff sie Jahr für Jahr in den Holunder und buk ihre unvergleichlichen Holderküchlein: Les Petites Coquines .

Bei einer zufälligen Rückkehr in unser Dorf wurden wir Mitte November zu unfreiwilligen Zeugen der Sprengung des Dotterhauses. Der Luftschutz probte den Ernstfall. Die angegliederten Zivilschutzeinheiten trugen ihre gelben Helme, insgeheim hofften die Samariter auf Verletzte.

Am Rande der Sperrzone, wo wir von Ordnungskräften aufgehalten worden waren, unterhielten sich die Zuschauer in aufgeräumter Stimmung miteinander. Und der unverwüstliche Kelterborn war tatsächlich mit seinem Bauchladen unterwegs.

Das Haus hatte seit Jahren leer gestanden, aus Sicherheitsgründen waren die Dachziegel, lauter alte Biberschwänze, im Voraus schon abgetragen worden. Die Fensterscheiben hätten sich im Laufe der Jahre, wie es hiess, von selber erledigt.

Durch den feuchten Dachlattenrost auf dem Krüppelwalm meinten wir die graue Tragfläche eines Hängegleiters wahrnehmen zu können.
2

Krötchens wöchentliche Reise führte jeweils mit Europas steilster Normalspurbahn nach Beromünster, wo man sich hinter dem Turm der Stiftskirche unwillkürlich den geplanten Metallturm des Landessenders Beromünster, nota bene auf Gunzwiler Terrain, vorzustellen versuchte, auf dessen oberster Zinne ein reformiertes Unikum aus dem Wynental anlässlich einer gemütlichen Turnfahrt ins Luzernische eines Tages einen Handstand drücken würde. (Übrigens der nachmalige Vater von Drillingen, die selbst von ihrem Erzeuger nur schwerlich auseinander gehalten werden konnten und deshalb der Einfachheit halber im ganzen Dorf nur Bub genannt wurden, was wir wiederum, die wir mit Karl, Konrad und Kurt gemeinsam die Schulbank drückten, nie richtig verstehen konnten.)

Dotters Schwester, mit dem üblichen Hang zum Geheimnisvollen beschwert, verrichtete, obwohl sie nicht katholisch war, im hinteren, dunklen Teil des Stiftskirchenschiffes ein stilles Gebet. Sie steckte zwei Kerzen an, die sie Ende Monat jeweils pauschal verrechnete, und stieg nachher mit grosser Zuversicht in den Postautokurs Richtung Luzern um.

Die Fahrt führte über Neudorf, Gormund nach Hildisrieden hinunter, wo allfällige Rechtsabbieger noch heute nach kurzer Wegstrecke unweigerlich auf das Knochenhaus neben der Schlachtkapelle stossen und an den legendären Sieg der Einheimischen über das grosse Heer der Österreicher zu denken gezwungen sind. Lauter Männerknochen in einem vergitterten Kabäuschen, und alle ganz weiss.

Es folgten noch Ortschaften wie Rothenburg und Emmenbrücke, wenn man von den vielen verstreuten Weilern und der grossen Fuhrhalterei am Strassenrand absah, bevor der Postkurs die Leuchtenstadt erreichte, wo Krötchen wie jeden Mittwochnachmittag von Enrico Käch zum Gesangsunterricht erwartet wurde.

(Als Zweitälteste einer kinderreichen Familie aus Zell/LU wäre Käch eigentlich für den Dienst bei der Schweizergarde vorgesehen

Langtext

Der frühe Klaus Merz, zwanzig Erzählungen aus der Zeit vor seinen großen Erfolgen, in denen seine Meisterschaft aber schon voll entwickelt ist. Äußerlich sind es stille Liebes- und Lebensgeschichten, denen das vorrangige Interesse dieser Erzählungen gilt: etwa dem Lokführer einer Schmalspurbahn, der täglich dieselbe Strecke fährt, der Zirkusartistin Hanni Ball, die zu ihrer Hochzeit eine Kleinkunstnummer mit Elefanten und weißen Mäusen einübt, dem Fotografen, der sich mit Passbildern über Wasser hält und daneben Bild für Bild an der Chronik eines Dorfes arbeitet.
Klaus Merz fasst als genauer, sensibler und diskreter Beobachter diese verdichteten Leben in knappe, prägnante Bilder, zeichnet ihr Auf und Ab in klaren Linien nach und lässt Hoffnung und Enttäuschung aufblitzen, nie ohne Wärme und Anteilnahme, aber mit Humor und Sinn für die skurrilen Seiten des Lebens.
Zwei längst vergriffene Erzählbände voll mit Glanzstücken Merz'scher Erzählkunst macht Haymon, seit 1994 "Stammverlag" des Schweizer Autors, seiner immer noch wachsenden Lesergemeinde wieder zugänglich.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, lebt als Erzähler und Lyriker in Unterkulm/Schweiz. Zahlreiche Veröffentlichungen von Romanen, Prosa und Gedichten. Ausgezeichnet dafür u. a. mit dem Solothurner Literaturpreis 1996 und mit dem Hermann-Hesse-Literaturpreis 1997, Prix Littéraire Lipp 1999 und dem Gottfried Keller-Preis 2004. 2012 wurde Klaus Merz der Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg verliehen.

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