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Cover Der Schritt hinüber

Der Schritt hinüber

Roman

von Franz Tumler; Sonstiger Urheber: Barbara Hoiß

Erschienen 2013 bei Haymon Verlag
Sprache: Deutsch
240 Seiten
ISBN 978-3-7099-7611-1

Kurztext / Annotation

Nachkriegszeit in Österreich: Susanna Jorhans Leben ist aus der Bahn geraten. Ihr Ehemann ist noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, sie - schwanger von einem anderen Mann - lebt mit ihrem kleinen Kind auf einem entlegenen Hof. Von den russischen Besatzungssoldaten zugleich bedroht und beschützt, bestreitet sie ein Leben voll Ungewissheit. Meisterhaft lässt Franz Tumler die Figuren in den Wäldern nördlich der Donau und zugleich in ihren Seelenwäldern umherirren. Hilft in dieser Situation ein Schritt über den Strom, ein Schritt hinüber? Hin- und hergerissen im Strudel der Zeit suchen Tumlers Figuren nach einem harmonischen, einem wahrhaftigen Leben. Der 1956 mit dem Schweizer Charles-Veillon-Preis ausgezeichnete Roman wurde nicht nur von Gottfried Benn und Peter Suhrkamp für gut befunden, er bedeutete für Tumler auch einen Aufbruch zu neuen Erzählformen.

Franz Tumler, geboren 1912 in Gries bei Bozen/Südtirol, übersiedelte 1913 mit seiner Mutter nach Linz und lebte ab 1954/55 in Berlin, wo er 1998 starb. Tumler zählt zu den prägenden Gestalten der literarischen Moderne der 1950er und 1960er Jahre. Seine Romane und Erzählungen wurden vielfach ausgezeichnet und gelten bis heute als Marksteine moderner Erzählliteratur, u.a. Der Mantel (1959), Nachprüfung eines Abschieds (1961, Haymon 2012), Volterra. Wie entsteht Prosa (1961, HAYMONtb 2011) und Aufschreibung aus Trient (1965, Haymon 2012).

Textauszug

Zweites Kapitel
Mehr als wir erfuhren

Es war schönes Wetter, und man konnte im Wirtsgarten sitzen, als ob es das alte Leben wieder wäre. Die Bauern saßen um den großen grünen Tisch und redeten. Es war kein gewöhnliches Reden, sondern Spott und Gelächter wie eine Zeremonie. Alle kannten dieses Spiel: da brachte einer etwas vor über einen anderen, und die Runde quittierte den Spott mit lautem Hoho, und dann warteten alle gespannt, was der Angegriffene antworten würde, und wenn die Antwort gut war, lachten sie wieder und riefen durcheinander. Es war ein unbarmherziger Spaß, traf es einen schwerzüngigen Mann, der nicht mitkonnte, glitzernde Augen, Wortpfeile, und immer wieder unterbrach das Gewieher die Reden. In Abständen erscholl es unter den Kastanienbäumen. Bemelman hörte es ein wenig beklommen. Aber das Verlangen, mitzuhalten, trieb ihn zu den anderen. Er setzte sich an den Tisch, und nicht lange, ging es auch schon über ihn her.

Ho, der Bemelman! Und wird immer jünger! Das kommt von der jungen Gesellschaft! Ja, wenn man auch noch eine Junge im Haus hat!

Bemelman ärgerte sich. Ich hab sie schon nicht mehr, heut früh ist sie mir durch!

Gelächter. Sie hatten ihn so weit. Einer sagte: Sie ist ihm durch, er sagt wirklich, sie ist ihm durch! Fleißig, Bemelman, fleißig!

Bemelman war nicht der geschickteste Redner, das wußten alle, und daß er sich jedesmal so rasch hineinspielen ließ in Zorn und Hilflosigkeit, war ihr eigentliches Vergnügen. Aber diesmal kam noch etwas anderes heraus dabei, und das ging auf Kosten der Frau Jorhan. Was redest du, fragten ihn die Leute am Tisch, doch er redete weiter, und da rutschten ihm nun wirklich die merkwürdigsten Geschichten heraus über die junge Frau.

Darum hatte ihn niemand gefragt, es hatte eigentlich überhaupt niemand etwas gefragt, das über Witz und Anzüglichkeit hinausging. Ein ungeschickter Mensch war dieser Bemelman, voller Gedanken über die Sorgen der anderen, und ratlos wie ein Kind. Um sie loszuwerden, sich mitzuteilen, erzählte er seine Neuigkeiten, redete von zwei Flüchtlingen, verschwieg nicht, daß sie bei ihm gewohnt und gearbeitet hatten, weil eben Frau Jorhan ihn gebeten habe, sie aufzunehmen, leider, denn wie sich nun gezeigt habe, zu ihrem Schaden, wie überhaupt all ihr Gutsein immer wieder zu ihrem Schaden geführt habe. Erst neulich sei ein ganzer Trupp Soldaten bei ihm erschienen, eine betrunkene Rotte zu Pferd, und die Jorhan habe es ihnen auch recht machen wollen, habe ihn um Essen gebeten für diese Gesellschaft, aber was habe sie nun davon gehabt, die Leute seien zwar abgezogen, aber ihr Anführer Kolja, der sei nun alle Tage zu ihr gekommen, ganz ungeniert am hellen Tag, und habe sie belästigt, und zuletzt gestern, spät nachts, und da habe er sie gezwungen, zu ihm hinauszugehen, und vielleicht habe er das auch schon früher getan.

Niemand konnte später sagen, ob Bemelman in seiner Hilflosigkeit dies alles auch wirklich so der Reihe nach im Wirtshaus erzählt, oder ob sich das einzelne aus seinen Andeutungen von selber in seinen Zuhörern so weitergebildet hatte zu dieser Geschichte, die am gleichen Abend noch Herr von Wilnow erfuhr, und zwar von dem Müller, bei dem er jetzt wohnte.

Der Müller hatte auch im Wirtshaus gesessen und dann war er heimgegangen, ein wenig betrunken, den langen Weg an dem kleinen Haus der Fini vorbei und über die steilen Wiesen zum Bach hinunter und dann immer den Bach entlang bis zum Wehr und am Wehr über die Brücke. Dort hatte er, nachdenklich und schwindlig vom Trinken, in das braunblasige Wasser geschaut und überlegt, was wohl Herr von Wilnow zu dieser Sache sagen würde, oder ob man sie ihm am besten gar nicht erzählte, - eine höchst unwahrscheinliche Geschichte! Aber vielleicht konnte man das dem Herrn gleich, ehe er jemand anderen traf, sagen, das ist wieder einmal Übertreibung und Mißverständnis, man soll es nicht für möglich halten, was die Leute z

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Franz Tumler, geboren 1912 in Gries bei Bozen/Südtirol, lebte in Linz und später in Berlin, wo er 1998 starb. Tumler zählt zu den prägenden Autoren der 1950er und 1960er Jahre. Seine Romane und Erzählungen wurden vielfach ausgezeichnet und gelten als Marksteine moderner Literatur.

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