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Cover Die grüne Jungfer

Die grüne Jungfer

Roman

Erschienen 2014 bei Haymon
Sprache: Deutsch
282 Seiten
ISBN 978-3-7099-7713-2

Kurztext / Annotation

Der böhmischer Ort Hlavanice, einst nahe der Sperrzone des Eisernen Vorhangs gelegen, rückt durch die Ereignisse des Herbstes '89 wieder in die Mitte Europas. Über 40 Jahre vergessen von der Geschichte wird er plötzlich wieder zum Schauplatz turbulenten Geschehens. Ein einziger, schwül-heißer Juni-Sommertag wird erzählt, doch an ihm passiert viel: Ein Spitzel der 'Geheimen', über Nacht arbeits- und orientierungslos geworden, versucht sich an seinem Opfer, einem alternden Dissidentenschriftsteller, zu rächen. Ein Baulöwe aus Bayern taucht auf, um ausgerechnet auf dem Gelände eines verfallenen Schlosses illegal eine Hühnerfabrik zu errichten. Dazu braucht er einen Strohmann, den er im seltsamen Onkel Venda seines Hilfsarbeiters Jirí auch findet. Der schlägt sich noch immer mit den geisterhaften Luftmenschen der Vergangenheit herum. Überhaupt wird an diesem auf ein allzu ausgelassenes Dorffest zusteuernden Tag noch einmal die Historie Hlavanices lebendig: die Blütezeit des Schlosses, die Okkupationsjahre unter den Nazis, die Deportation der Juden, die Vertreibung der Sudetendeutschen. Spannend, aber auch amüsant erzählt Bernhard Setzwein in diesem facettenreichen Panorama einer Grenzlandschaft eine typisch mitteleuropäische Geschichte, in der die Akteure von immer neuen Schicksalsschlägen gehörig gebeutelt werden.

Bernhard Setzwein, geboren 1960 in München, lebt in Waldmünchen an der bayerisch-böhmischen Grenze. Verschiedene Auszeichnungen, u.a. Bayerischer Staatsförderungspreis für Literatur (1998), Poetik-Professur der Universität Bamberg (2004) und Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (2010). Verfasser zahlreicher Bücher, darunter Lyrikbände, Romane (zuletzt die im bayerisch-böhmisch-österreichischen Grenzland spielende Trilogie 'Die grüne Jungfer', Haymon 2003, 'Ein seltsames Land', 2007, und 'Der neue Ton', 2012) sowie sechs Theaterstücke, zuletzt '3165 - Monolog eines Henkers' (2007). 2010 erschien das Diarium 'Das blaue Tagwerk'. Außerdem seit 25 Jahren regelmäßig Hörfunk-Features für den Bayerischen Rundfunk. Bei Haymon: 'Das Buch der sieben Gerechten'. Roman (1999), 'Nicht kalt genug'. Roman (2000); 'Die Grüne Jungfer'. Roman (2003). bernhardsetzwein.de

Textauszug

Hlavanicer Lebensgespräche

"Der Ort, an dem wir uns befinden, ist gar nicht nur der Ort, an dem wir uns befinden. Er ist auch der Ort, der schon war ohne uns, verstehen Sie, Gnädigste? Und der sein wird, wenn wir schon lange nicht mehr sind. Wenn man genau hinhorcht und genau hinschaut, dann öffnet er sein Fenster, so ein Ort. Und ein Anhauchen trifft uns ..."

Es war elf Uhr zweiunddreißig mitteleuropäischer Zeit. Ladislav Vancura saß bereits vor seinem zweiten Seidel Bier im Gasthaus Zur grünen Jungfer in Hlavanice, was ziemlich genau in der Mitte des Kontinents liegt, als er nach einer längeren Pause des Schweigens Bohumila, die Wirtin, mit dieser auch über ihn jäh hereingebrochenen Erkenntnis überraschte. Das Fenster zum Marktplatz stand offen, was von draußen hereindrang, war allerdings kein Anhauchen, sondern das langgezogene Freuden-Gehupe eines Pkws, das erst nur ganz leise zu hören war, dann aber unzweifelhaft immer näher kam. Jetzt mußte es schon in der rückwärtig gelegenen Küche zu hören sein, denn Kadlec, der Wirt der Jungfer, der seine Vorbereitungen für das Auskochen des Mittagstisches traf, kam durch die Schwingtür in die Gaststube und fragte: "Was ist denn hier für ein Radau?"

Bohumila sann noch immer dem Satz des Doktorchens nach, von wegen diesem Dingsda, diesem Anhauen, ehrlich gesagt, hatte sie das Gehupe gar nicht bemerkt. Sie zuckte mit den Schultern.

"Ich schau mal, was da los ist", sagte Kadlec, knüllte das Geschirrtuch, das er in der Hand hielt, zusammen, warf es auf die Schanktheke und ging nach draußen auf den Marktplatz. Die Grüne Jungfer lag nämlich, wie könnte es auch anders sein, mitten im Zentrum von Hlavanice, direkt gegenüber der Pestsäule.

Vancura und Bohumila waren jetzt allein in der Gaststube. Er in seinem Eck hinterm Bier, sie an der Theke hinterm Zapfhahn. Mit dieser Grundaufstellung begann seit zwanzig Jahren in der Grünen Jungfer beinahe jeder Tag. Erst nach und nach würden die ersten Gäste kommen, die Arbeiter und Handwerker, die Rentner und durchreisenden Handelsvertreter: Bohumilas Kundschaft. Und dann würde es langsam anheben, das Palaver in der Gaststube, das über kurz oder lang in philosophischen Betrachtungen endete.

Zur Jungfer muß man wissen: Man saß dort an einem der abgelaugten Tische im behaglich strengen Küchengeruch, den Kadlec mit Hilfe von fünf Tage altem Friteusefett und den Rezepten aus dem Kochkünsteschatz seiner Großmutter, die auch schon am Herd in der Jungfer gestanden war, fabrizierte, und stellte sich unwillkürlich die großen Fragen: Wo komme ich her? Wozu bin ich hier? Und wenn ich das da auf meinem Teller esse, werde ich dann immer noch da sein? Der Gasthof Zur grünen Jungfer wird oft von gastritisch Veranlagten und auch von Vielfraßen aufgesucht, Leuten, die ihren Bäuchen, wer weiß aus welchen Gründen, Übles wollen und die sie deshalb mit schärfsten Kalibern bombardieren, ein solches Kaliber war zum Beispiel der Lungenbraten nach Hlavanicer Art, eine unbedingt abzuratende Spezialität des Hausherrn, die sich als Zeitbombe herausstellte, auf terroristische Art und Weise in die Mägen der Gäste eingeschmuggelt, wo sie erst etwa eine Stunde nach Verlassen des Lokals detonierte, sonst hätte man ja auch wegen der Leichenberge hier keinen der Resopaltische mehr erreichen können.

Das Regiment in der Küche führte unstrittig Kadlec ... oder sagen wir besser: von Zeit zu Zeit doch auch strittig. Denn im Grunde war es Bohumila vorbehalten, mit ihrem traumwandlerischen Wesen den Speisen die entscheidende Nuance hinzuzufügen, vorausgesetzt ihr Mann ließ sie einmal an die Kochtöpfe, was selten genug vorkam. Bohumila ließ dann, wie zufällig, unabsichtlich, im Vorbeigehen, eine Prise von Irgendwas in die offenen Kochtöpfe fallen, und selbst ihr mürrischer Ehemann, der, mit einem Kaffeelöffelchen hinter der Bohumila herwieselnd, Gustopr

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Bernhard Setzwein ist gebürtiger Münchner. Seit 1990 lebt er als freischaffender Autor in Waldmünchen an der bayerisch-böhmischen Grenze. Er ist Autor von Mundart-Gedichtbänden, Theaterstücken, Erzählungen, Bildbänden, Reiseführern und Romanen. Für sein Werk hat er bereits zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien erhalten, so z. B. 1998 Bayerischer Staatsförderungspreis für Literatur und 2006 Kulturpreis Bayern in der Kategorie Kunst. 2004 wurde er mit der Bamberger Poetikprofessur bedacht.

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