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Cover Die Geschichte von einem Vogel und einem Mann

Die Geschichte von einem Vogel und einem Mann

Erzählung

von Archil Kikodze; Übersetzt von: Natia Mikeladse-Bachsoliani

Erschienen 2018 bei Ullstein
Sprache: Deutsch
120 Seiten
ISBN 978-3-8437-1818-9

Kurztext / Annotation

Ein Georgier, der seinen Lebensunterhalt als Wanderführer für ausländische Touristen verdient, ist mit einem alten Engländer im Gebirge, um Vögel zu beobachten. Auf ihrer Reise erzählen sie einander Geschichten aus ihrem Leben und von den Tieren und Menschen, die diese Gegend bevölkern und so einzigartig und charaktervoll sind wie die faszinierende Landschaft Georgiens selbst.

Eine etwas andere Geschichte Georgiens: lakonisch, abgründig komisch und tiefsinnig.

Archil Kikodze, Jahrgang 1972, ist ein georgischer Autor, Fotograf, Regisseur, Schauspieler und Naturführer. Für seine Erzählungen und seine Arbeit als Fotograf wurde er vielfach ausgezeichnet. Für den Erzählband Die Geschichte von einem Vogel und einem Mann , aus dem bei Ullstein die titelgebende Novelle erhältlich ist, erhielt er den Saba-Literaturpreis. Auch sein Debütroman Der Südelefant ,ebenfalls bei Ullstein lieferbar, wurde mehrfach ausgezeichnet.

Textauszug

1. Der König

Als wir oben am letzten Festungsturm angelangt sind, treffen wir die Kinder wieder. Nun sitzen sie in der Falle und es gibt für sie kein Entrinnen. Den Lehrerinnen ist es offensichtlich gelungen, sie an dieser engen, grasüberwachsenen Stelle zu sammeln. Bergauf hatten sie uns mit fröhlichem Geschrei überholt und uns im Vorbeigehen zugewinkt - "Hello!" Irgendwie hatten sie es geschafft, sich an uns vorbeizuschlängeln und auf dem schmalen und steilen Pfad den Berg hinaufzurennen. "Hello!"

Nicht nur die Kinder halten mich für einen Ausländer, sondern auch ihre keuchenden Lehrerinnen. Die Ärmsten haben sich für den Ausflug extra schick gemacht und stöckeln nun mit ihren High Heels mühsam den Hang hinauf. Sie bemühen sich, die vorwegströmenden Kinder durch ihre Rufe zu zügeln.

Damit ihnen dieser Ausflug auf die Chornabudschi-Festung ja nicht zum Verhängnis wird; damit nicht eines der ihnen anvertrauten und über die Felsvorsprünge davonrennenden Kinder irgendwo abstürzt. Sie schreien, flehen und drohen. Doch all ihre Mühe ist vergebens. Wer kann Kinder schon einholen, sie zügeln?

Viel weiter können wir auch nicht gelangen und richten uns gleich dort ein, am Rande der kleinen Aussichtsplattform. Ich bin mit Stativ, Teleskop, Fernglas und zwei Fotoapparaten vollgehängt und lade nun eins nach dem anderen ab. Außer einer Wasserflasche und einer Canon habe ich nichts Eigenes dabei. Alles gehört meinem alten Engländer, es ist sein Hobby. Er ist auch mit zur Festung aufgestiegen. Ich habe gewusst, dass er das schaffen würde. Beim beschwerlichen Aufstieg hat er sich am Gras und den Dornenhecken festgehalten und immer wieder eine Pause eingelegt. Woher nimmt er bloß seine Kraft, der verschrumpelte Mann, dessen dürre Beine aus den weißen Shorts ragen? Keine Ahnung, ich wusste nur, dass er das schaffen würde, so wie alle anderen Höhen, die wir in den letzten zehn Tagen bestiegen haben. Was bleibt ihm anderes übrig, es ist ein bergiges Land, mit Auf und Ab. Wenn man was sehen will, muss man hochsteigen.

Wir bauen alles auf, und die Kinder interessieren sich viel mehr für das Teleskop als die Erzählungen ihrer Lehrerin. Hier haben sie aber keine Chance, irgendwohin zu entwischen.

"Was ist das für ein Vogel?" Der Engländer zeigt zum Himmel und reicht mir das Fernglas, ehe er richtig verschnauft hat.

"Ein Zwergadler." Ich erkenne ihn auch ohne Fernglas. Die habe ich schon öfters hier gesehen.

"Stimmt, sieht so aus ..." Und ob das stimmt! Die Kinder können kaum abwarten zu sehen, was wir mit unserem Teleskop und Fernglas beobachten und wonach wir suchen. Mir hängt das Beobachten schon zum Halse raus. Am liebsten würde ich auf der Stelle ein Nickerchen machen. Die Sonne scheint mild, und es ist weder heiß noch kalt. In der Nähe zirpt eine Grille und unten im Tal fließt der Alasani im Einklang mit der monotonen Stimme der Lehrerin, die den Kindern vom blutgetränkten Land der Vorfahren erzählt und dem hohen Preis für den Erhalt der eigenen Nation, des Glaubens und der Bräuche. Es sind drei Lehrerinnen. Während eine erzählt, zischen die anderen zwei. Sobald die Kinder von einer Unruhe- oder Flüsterwelle erfasst werden, fauchen sie sehr komisch. König Wachtang , Königin Tamar und der Held Giorgi Saakadse - alles wohl bekannte Protagonisten. Und noch etwas: König Teimuras hatte wohl die Oberhäupter der Familie Dschawachischwili im Verlies der Chornabudschi-Festung gefangen gehalten. Das war mir auch nicht bekannt. Interessant, was sie wohl verbrochen hatten? Und dann noch die Überfälle der Lekis und das heldenhafte Kisikenheer unter König Erekle , dem Oberhaupt der Ostgeorgier, und sein grimmig flüsterndes Schwert.

Und siehe da, irgendwo ganz in der Nähe kreischt ein Wanderfalke. Seinem Gesichtsausdruck nach hat der Engländer ihn erkannt. Völlig ahnungslos scheint er ja nicht zu sein, doch

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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Kundenbewertungen

Erzählung 08. September 2018
Von Archil Kikodze, dem Autor des Südelefant, wurde diese Erzählung seines Erzählungsbandes in Deutsch veröffentlicht. Der Protagonist begleitet als Wanderführer einen britischen Birdwatcher. Der georgische Schriftsteller Archil Kikodze verfügt über eine dezent eingesetzte bildreiche Sprache. Man kann sich das Paar gut in den Bergen auf dem Weg ins Naturschutzgebiet an der Georgisch-Asabaidschanischen Grenze gut vorstellen. Der Vogelbeobachter als alter Mann in Shorts, aus denen seine dünnen Beiner hervorstaken und den Wanderführer behangen mit Kameras und Stativ. Die Erzählform ist wieder eigenwillig.Auf der Wanderung werden allegorische Geschichten und alte Erinnerungen erzählt. In der Summe bilden sie wiederum eine komplexe Geschichte. Aber Archil Kikodze ist ein geschickter Autor. Immer wenn der Leser denkt, er ist auf der Spur, gibt es unerwartete Wendungen. Ein atmosphärisches Stück Literatur!
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