Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Nachprüfung eines Abschieds

Nachprüfung eines Abschieds

Erzählung

Erschienen 2012 bei Haymon Verlag
Sprache: Deutsch
120 Seiten
ISBN 978-3-85218-711-2

Kurztext / Annotation

Eine Erzählung ohnegleichen: Markant, aufwühlend und kompromisslos schildert Franz Tumler die schmerzlichen Erfahrungen zweier Menschen, die voneinander Abschied nehmen. In stetem Einkreisen und Beschreiben rekonstruiert er deren Begegnung, deckt auf, was zwischen ihnen geschehen und warum es geschehen ist. Bis in die tiefsten Gründe des Zwischenmenschlichen dringen seine Sätze vor - und zutage tritt eine Einsamkeit, die Liebende bis heute begleitet. Nachprüfung eines Abschieds gehört zu den beachtlichsten Prosastücken nicht nur Franz Tumlers, sondern einer ganzen Autorengeneration. Mit seinem literarischen Schaffen prägt Tumler die moderne Erzählliteratur der Nachkriegszeit nachhaltig. Zu seinem 100. Geburtstag wird nun seine bekannteste Erzählung mit einem aktuellen Nachwort von Johann Holzner neu aufgelegt. Gleichzeitig fällt damit der Startschuss zu einer fortlaufenden Ausgabe, in deren Rahmen die wichtigsten Werke Franz Tumlers in Einzelbänden erscheinen.

Franz Tumler, geboren 1912 in Gries bei Bozen/Südtirol, übersiedelte 1913 mit seiner Mutter nach Linz und lebte ab 1954/55 in Berlin, wo er 1998 starb. Tumler zählt zu den prägenden Gestalten der literarischen Moderne der 1950er und 1960er Jahre. Seine Romane und Erzählungen wurden vielfach ausgezeichnet und gelten bis heute als Marksteine moderner Erzählliteratur, u.a. Der Mantel (1959), Nachprüfung eines Abschieds (1961, Haymon 2011) und Volterra. Wie entsteht Prosa (1961, HAYMONtb 2011).

Textauszug

I

Das Haus, in dem ich hier wohne, ist eine Ruine, die oberen Stockwerke sind mit Brettern verschlagen, nur der Keller ist wieder bewohnbar gemacht. Der Fußboden meines Zimmers liegt um ein paar Stufen tiefer als die Erdoberfläche, der untere Rand der Fenster ist mit ihr gleich. Ein kleines Wiesenviereck geht von der Straße herein; so kommt es, daß ich, wenn ich den Tisch ans Fenster rücke, die Erde dicht vorm Mund habe, als säße ich am Rande einer Grube und spähte gedeckt aus ihr hinaus.

Da sind nicht viele Beobachtungen möglich, immerhin habe ich einiges ganz nahe vor den Augen. Das steife dürre Gras vom Vorjahr sticht durch den Schnee, ich sehe die vertrockneten Samenkapseln. Der Wind treibt einen Flockenschwall in das Wiesenviereck; als er sich gesetzt hat, taucht dahinter die Schneehaube auf dem Pfeiler des Gartentors wieder auf, sie ist eine flache Pyramide. Hinter ihr kommt als weißer Stab der Schneestreifen, der auf dem waagerechten Gesimse liegt; darüber erhebt sich eine Mauer aus gelbem Backstein. Sie gehört zur Nachbarruine. Man hat angefangen, sie abzubrechen. An ihren Ecken, am Tor und in den Fenstern sitzen, ähnlich den Drahtknäueln, die man in der Küche zum Scheuern benutzt, in krausen Figuren die verbogenen Gitter und Eisenzäune.

Was ich hier aufgeschrieben habe, ist eine Aufzeichnung aus dem Winter; ich hatte sie mir damals, Ende Januar, als ich in den Keller einzog, in meinen Kalender notiert. Inzwischen habe ich ein paar Wochen hier gelebt, habe, den Tisch am Fenster, geschrieben, habe geschlafen in dem Zimmer, gegessen, getrunken, den Ofen geheizt, habe auch manches erlebt in der Zeit, aber nichts aufgezeichnet davon. Schneestaub auf den Wimpern, leises Zittern der Fensterscheiben, wenn der Wind dagegenfährt, oder wenn draußen die schweren Lastautos und die Omnibusse vorüberrauschen. Vom Lampenschirm auf dem Tisch hängt eine goldfädige Borte, sie zittert beinahe immerzu, es ist ohne Unterlaß Beben und Bewegung in der Erde.

Vor zwei Jahren, sagt die Hausmeisterin, sei die Straße noch still gewesen. Aber dann sei die im Krieg zerstörte Brücke, die in die nördlichen Stadtviertel führt, wieder hergestellt worden; seitdem sei hier die alte Hauptstraße wieder. Ich sehe es selbst: aller Verkehr nach Norden und umgekehrt fließt auf dieser Straße zusammen. Im Norden sind Brauereien, eine Molkerei, eine Brotfabrik, der Nordhafen mit seinen Speichern, Transportunternehmen und große Wohnviertel; der Strom der Fahrzeuge reißt nicht ab. Eine Besonderheit ist dabei: die Straße ist wieder, was sie war; aber Häuser - ausgenommen die wenigen, die stehen geblieben sind - fehlen; das ganze Viertel soll nach einem neuen Plan, der noch nicht fertig ist, wieder aufgebaut werden. So kommt es, daß an der Stelle, wo ich wohne, eine leere Strecke beginnt. Der Fluß des Verkehrs tritt ins Freie, das graue Asphaltband hält die Fahrzeuge zusammen, sie schnurren zwischen den eingeebneten Schuttfeldern wie auf einer Lichtung dahin, umkreisen die abgezirkelte Scheibe eines neu bepflanzten Platzes, schießen dann wieder zusammen, gehen in die Ferne hinab, tags unter dem weiten Himmel, nachts unter der Lichterzeile der Lampenmasten bis an das klippige Ufer jenseits, wo hinter dem Flußbett des Kanals die Stadt wieder mit Häusern anfängt. Die Umrisse dieser entfernten Häuser, blau, grau, in verwischtem Weiß, heben sich vom Himmel ab; er hat auch spät abends immer noch ein wenig eigenen Schein, als dringe der Spiegel eines Meeres herein; die Straßen sind wie Strandufer, die Stimmen kommen einzeln und dünn.

Inzwischen ist der Schnee weg, Wind und Regen haben ihn verzehrt, das fahle Gras steht auf der braunen Erde. Einmal sollte jemand zu Besuch kommen und hat mich warten lassen, da bin ich still gesessen und habe mir die vergehende Zeit aufgefüllt mit den Geräuschen, die kamen. Das Klopfen des Fensterflügels wieder, es kam wie immer vo

Langtext

Eine Erzählung ohnegleichen: Markant, aufwühlend und kompromisslos schildert Franz Tumler die schmerzlichen Erfahrungen zweier Menschen, die voneinander Abschied nehmen. In stetem Einkreisen und Beschreiben rekonstruiert er deren Begegnung, deckt auf, was zwischen ihnen geschehen und warum es geschehen ist. Bis in die tiefsten Gründe des Zwischenmenschlichen dringen seine Sätze vor - und zutage tritt eine Einsamkeit, die Liebende stets begleitet.
Mit seinem literarischen Schaffen prägte Franz Tumler die moderne Erzählliteratur der Nachkriegszeit nachhaltig. So gehört Nachprüfung eines Abschieds zu den beachtlichsten Prosastücken nicht nur Franz Tumlers, sondern einer ganzen Autorengeneration. Die wichtigsten Werke von Franz Tumler werden im Haymon Verlag neu aufgelegt.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Franz Tumler, geboren 1912 in Gries bei Bozen/Südtirol, lebte in Linz und später in Berlin, wo er 1998 starb. Tumler zählt zu den prägenden Autoren der 1950er und 1960er Jahre. Seine Romane und Erzählungen wurden vielfach ausgezeichnet und gelten als Marksteine moderner Literatur.

Drucken

Kundenbewertungen

14,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!