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Cover Von Hasen und anderen Europäern

Von Hasen und anderen Europäern

Geschichten aus Kiew

von Tanja Maljartschuk; Übersetzt von: Claudia Dathe

Erschienen 2014 bei Edition FotoTapeta
Sprache: Deutsch
256 Seiten; 221 mm x 137 mm
ISBN 978-3-940524-30-0

Kurztext / Annotation

Geschichten vom Leben in einer großen Stadt.
Und was für einer Stadt! Kiew als Fokus:
Minimale Verschiebungen von Realität
und Fiktion holen die Leser dieser
glänzend geschriebenen Geschichten ganz
plötzlich aus dem Alltagsgeschehen
heraus, und sie finden sich wieder in einer
ungewöhnlichen, irrealen Lage. Teilt doch die
Bewohnerin dieser großen Stadt Kiew ihr Leben
unversehens mit einer Qualle oder einem Schmetterling,
und ganz normale Stadtbewohner wie Hund
und Ratte oder der gemeine europäische Hase
finden sich ebenfalls ein...

Textauszug

Puma concolor (Der Puma)
Wenn Sie in Kiew öfter in den Stadtteil Podil kommen und
Haustiere haben, dann kennen Sie sicher die Zoohandlung Ihr
Treuer Gefährte. Der Laden ist eigentlich nichts Besonderes.
Es gibt weder Zierfische noch Amazonenpapageien, weder
schmucke Meerschweinchen noch drei Meter lange Reptilien.
Aber es gibt Maschka. Maschka hat einen Bart. Manchmal erlaubt
sich Maschka einen Spaß und klebt sich ein Preisschild auf
die Brust, als wäre sie auch zu verkaufen, denn mit ihrem Bart
sieht Maschka fast aus wie ein exotischer Affe. In Wirklichkeit ist
Maschka die Verkäuferin. Maschka hat Ahnung von Tieren. Sie
kümmert sich um Sie und findet genau das, was Sie Ihr Leben
lang gesucht haben. Sie hört Ihnen zu. Hat nützliche Tipps parat.
Ihr treuer Gefährte und Sie werden gesund, satt und zufrieden
sein. Solche beflissenen Menschen wie Maschka sind das Herz
der ukrainischen Marktwirtschaft.
Aber Maschka ist unglücklich. Sie möchte gern geliebt werden,
doch es liebt sie keiner. Im Gegenteil, außerhalb des Treuen
Gefährten meiden die Leute Maschkas Gesellschaft , sie flüchten
vor ihr, wollen von ihr und ihrem Bart nichts wissen. Als sie
klein war, ist Maschka aus dem Haus der Eltern gelaufen und
hat stundenlang an der Straße gestanden in der Hoffnung, mit
jemandem reden zu können, sich mit jemandem anzufreunden,
jemanden zu finden, der sie liebgewinnen würde. Sie hat
die Passanten mit unnützen Fragen belästigt, und die sind Hals
über Kopf mit unverhohlenem Erstaunen und Ekel geflohen.
Manchmal hielt es Maschka nicht mehr aus. Da lief sie zum
Beispiel einer Frau, die gerade eine Lampe gekauft hatte, hin-
terher und rief: Ich bin Maschka, ich bin zwölf und habe einen
Bart.
Ihr Bart begann schon sehr früh zu wachsen. Jetzt kommt es
Maschka so vor, als hätte sie ihn schon von Geburt an. Zuerst
glänzten die Partien um ihren Mund herum silbrig, dann fühlte
es sich so an, als würde die Haut aufreißen wie eine Asphaltdecke,
die ein Schößling durchbricht. Maschka vergleicht ihren
Bart oft mit einem Rasen. Sie kann sich rasieren, so viel sie will,
der Bart wächst sofort wieder nach, dichter, stacheliger und
schwärzer als zuvor.
Alle zwei bis drei Tage rasiert sich Maschka gründlich mit einem
chinesischen Rasierapparat und verfolgt bis zur nächsten Rasur
voller Schrecken, wie ihr Gesicht seine Weiblichkeit allmählich
wieder verliert.
So will mich keiner, denkt Maschka, wenn keine Kunden im
Laden sind. Nur meine zwei verrückten, nicht kastrierten Kater
lieben mich.
Die Kater sind Maschka vor zwei Jahren zugelaufen. Alle beide
gleichzeitig. Sie hatten mehrere Tage lang vor der Tür ihrer Wohnung
gehockt und gemauzt. Und um Einlass gebettelt. Maschka
fütterte sie leichtsinnigerweise, weil sie dachte, sie mauzten vor
Hunger. Die Kater verschlangen alles, aber das Mauzen ging
weiter. Sie zerfetzten das Wachstuch, mit dem Maschkas
Wohnungstür verkleidet war, pinkelten auf den Fußabtreter,
und als Maschka eines Tages die Tür öffnete, um zur Arbeit zu
gehen, schlüpft en sie hinein. Mit einem Satz waren sie auf dem
Bett und schnurrten los. Maschka brachte es nicht übers Herz,
sie hinauszuwerfen. Sie fand, jeder ordentliche Mitarbeiter in
einer Zoohandlung müsse auch Tiere haben. Um Erfahrungen
zu sammeln. Um ein Fachmann zu werden. ()

Langtext

Ein Bestiarium der Großstadt. Neun Erzählungen aus Kiew, und in jeder Erzählung treffen die Bewohnerinnen auf ein Tier. Ob sie es wollen oder nicht, das Tier teilt mit ihnen das Leben in der großen Stadt. Das Buch wird zur Begegnung mit recht eigenwilligen Figuren und gleichzeitig zu einem exzentrischen Gang durch die ukrainische Hauptstadt.

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Tanja Maljartschuk, geboren 1983 in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine, Schriftstellerin. Lebt in Wien. Sie debütierte 2004 mit dem Buch "Endspiel Adolfo oder eine Rose für Lisa". Seither zahlreiche Veröffent- lichungen, darunter "Neunprozentiger Haushaltsessig" (Erzählungen) und der Roman "Biografie eines zufälligen Wunders".

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