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Cover Hans Lebert

Hans Lebert

Eine biografische Silhouette

Erschienen 2020 bei Sonderzahl
Sprache: Deutsch
240 Seiten; 228 mm x 149 mm
ISBN 978-3-85449-535-2

Textauszug

"Für die zweite Spielzeit 1941/42 führte das Jahrgangsregister Hans Lebert als Chormitglied. Im Personalverzeichnis des Gablonzer Stadttheaters scheint sein Name allerdings zurecht nicht auf, denn zu dieser Zeit saß Hans Lebert erst in Untersuchungshaft und war anschließend in einer privaten psychiatrischen Klinik. Das kam so: Im nahe Gablonz gelegenen Reichenberg, wo er inzwischen wohnte, erreichte ihn der lange erwartete Einberufungsbescheid vom Kriegsministerium. Als Lebert den Absender sah, verweigerte er die Annahme des Schreibens mit der Begründung, er sei gerade im Begriff, nach Berlin umzuziehen und schon nicht mehr in Reichenberg gemeldet. Tatsächlich wollte er am selben Abend den Zug nach Berlin besteigen, wurde aber im Wartesaal festgenommen und zum Wehrbezirkskommando gebracht. Der Leiter der Dienststelle, ein Oberst Römer, erklärte sich indes für 'nicht zuständig' und überwies den Fall an das Landesgericht Reichenberg. Lebert wurde wegen des Verdachts auf Wehrkraftzersetzung in Untersuchungshaft genommen, in der er fast ein halbes Jahr in einer Zelle mit teilweise mehr als einem Dutzend Gefangenen verbracht hat. Ein mit ihm einsitzender Heiratsschwindler gab ihm den Tipp, eine Geisteskrankheit zu simulieren.
Er habe daraufhin in zahlreichen Schreiben an das Gericht seine gesamte Umgebung, das heißt den Staatsanwalt, den Theaterdirektor und selbst seinen Verteidiger als Agenten eines nordamerikanischen Giftgassyndikats denunziert, das junge deutsche Soldaten vergiften wolle. Seine Verdächtigungen hätten so glaubhaft gewirkt, dass die von ihm Beschuldigten Personen tatsächlich polizeilich verhört worden wären. Die fingierte fixe Idee baute er noch durch akribisch genaue Zeichnungen von getarnten Gasleitungen aus, die das ruchlose Syndikat bis in den Berliner Führerbunker verlegen lassen wollte. Schließlich sei er einer psychiatrischen Untersuchung unterzogen worden, die zur Diagnose einer paranoiden Schizophrenie führte. Bei der Untersuchung habe er einen schwarzen Gummimantel getragen und sich trotz großer Wärme und mehrfacher Aufforderung beharrlich geweigert, ihn auszuziehen. Das ist ein bemerkenswertes Detail, da Lebert den Gendarmen in der Wolfshaut in einem ebensolchen Gummimantel auftreten lässt.
In Absprache mit seiner Mutter betrieb er die Einweisung in die private Klinik des mit ihnen bekannten Arztes Siegfried Kahlbaum, der seit 1899 die von seinem Vater Karl Ludwig geschaffene 'Heilanstalt für Nerven- und Gemütskranke' in Görlitz leitete. Dort verbrachte Lebert ein weiteres halbes Jahr, wobei er nur die ersten Wochen in der Geschlossenen Anstalt verbringen musste."

Langtext

Allein mit seinen beiden Romanen Die Wolfshaut (1960) und Der Feuerkreis (1971) gehört Hans Lebert (1919-1993) zu den bedeutendsten österreichischen Erzählern des 20. Jahrhunderts. Kein zweiter Autor hat mit solcher Sprachgewalt und Radikalität so früh die Verstrickung der Österreicher in die Kriegsverbrechen des 'Dritten Reichs' literarisch gestaltet und ist dabei doch ein Patriot geblieben, für den die Selbstaufgabe Österreichs im März 1938 das größte Trauma seines Lebens war. Zugleich überschreiten seine Werke die rein historische Dimension des Geschehens und konfrontieren den Leser mittels der von Lebert erfundenen poetischen Methode des 'Transparentismus' mit magischen Kräften jenseits des Diesseits. Was dieser 'Achttausender der österreichischen Nachkriegsliteratur' (Elfriede Jelinek) geschaffen hat, ist ohne Frage Weltliteratur.
Umso bedauerlicher ist der Umstand, dass trotz des Interesses etlicher namhafter Verlage sein Werk wegen der obstinanten Weigerung seiner Witwe seit zwei Jahrzehnten erneut vom Buchmarkt verschwunden ist. Damit der Autor nach dem großen Echo, das die Wiederentdeckung seines Werks in den 90er Jahren erlebte, nicht gänzlich der Vergessenheit anheimfällt, versucht diese Biografie wenigstens anlässlich seines 100. Geburtstags an ihn zu erinnern. Da auch sie ohne Einblick in den Nachlass geschrieben werden musste, vermag sie nicht mehr als eine Silhouette zu zeichnen. Aber schon sie macht erkennbar, dass Lebert sein Werk mit äußerster Disziplin einem nicht unkomplizierten Leben abgerungen hat. Wenn auch nicht alle Rätsel seines Lebenslaufs - etwa die Frage nach seinem Verhältnis zum österreichischen Widerstand - gelöst werden können, bietet sie doch erstmals eine auf viele unbekannte Quellen und Bilder gestützte zusammenhängende Darstellung seiner Vita.

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Egyptien, Jürgen
Jürgen Egyptien, geb. 1955, ist Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, er lehrt neuere deutsche Literaturgeschichte an der RWTH Aachen, 1987/88 lebte er als Stipendiat der DFG in Wien, 1991-95 gab er die »Schwarze Bibliothek« im Europa-Verlag heraus, in der vier Bände mit Werken Hans Leberts erschienen. 1998 veröffentlichte er bei Sonderzahl die Studie »Der 'Anschluss' als Sündenfall. Hans Leberts literarisches Werk und intellektuelle Gestalt« (mit einem Vorwort von Elfriede Jelinek), 2006 erschien bei der WBG seine »Einführung in die deutschsprachige Literatur seit 1945« (auch als Hörbuch) und von 2008-2012 war er Mitherausgeber des neuen »Killy Literatur-Lexikons«. Zuletzt erschienen der Gedichtband »Kalebasse« (2015), die Biographie »Stefan George. Dichter und Prophet« (2018) und »Irmgard Keun in Köln« (2019). Er verfasste zahlreiche Aufsätze über Albert Drach, Peter Handke und Ernst Fischer, von dem er 2016 die Textsammlung »Neue Kunst und neue Menschen« herausgab.

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