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Rezensionen

Takis Würger
7 Rezensionen



Absolut lesenswert 28. März 2019
Ein absolut gelungenes Buch bei dem der Autor es geschafft hat eine fesselnde fiktive Geschichte rund um eine reale Person und die echten Dokumente aufzubauen. Die Charaktere sind so beschrieben, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt, kein Held aus der Geschichte hervorgeht und sie vor allem dazu anregt über menschliche Abgründe, unvorstellbare Situation und die daraus resultierenden Entscheidungen nachzudenken. Mich hat das Buch tief berührt und sehr nachdenklich gestimmt und nochmals aufgezeigt, dass gewisse Themen einfach nie an Relevanz verlieren.
Unfassbar! 06. März 2019
In einfacher, bildhafter Sprache beschreibt Takis Würger die Naivität des jungen Friedrich.
Aufgewachsen mit seiner wohlhabenden Familie in der Schweiz will er als junger Mann, der noch nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll, erst mal den Kriegsschauplatz Berlin erleben. Dort verfällt er Stella. Friedrich verschließt die Augen vor der Realität und verbringt ein paar lustvolle Wochen in Berlin, bevor er weiterzieht.
Gerade die einfache Sprache und die nur spärlich gezeichneten Figuren lassen mich sprachlos und nachdenklich zurück. Ein Buch, das betroffen macht und zum Nachdenken anregt. Ein Buch, das die Grenzen zwischen Realität und Fiktionalität verschwimmen lässt. Aber ist das wichtig?
Mir war nicht bekannt, dass es Menschen wie Stella gegeben hat.
Wie hätte ich gehandelt? Rettet nicht beinahe jeder erst mal die eigene Haut?
Ein geschichtlis heikles Thema wird mit einer fiktiven Liebesgeschichte vermischt - darf man das? 08. Februar 2019

Die Geschichte wird in einer Art Rückblende aus der Sicht des zeitweise unglaublich naiven Protagonisten Friedrich erzählt: aufgewachsen in der Schweiz in finanziell wohlhabenden Verhältnissen wird er von der Mutter emotional völlig vernachlässigt, eigentlich sogar misshandelt, weil er nicht in der Lage ist, ihre Träume zu erfüllen. Dieser schüchterne junge Mann hat ausgerechnet im Jahre 1942 die Idee, Berlin zu besuchen. Dort begegnet er der faszinierenden Kristin, die ihm später gesteht, eigentlich Stella zu heißen und Jüdin zu sein. Soweit wäre es eine Liebesgeschichte in einer grausamen Zeit. Aber Takis Würger hat nicht irgendeine Stella zur Protagonistin seines Romans gemacht: es ist Stella Goldschlag, die tatsächlich gelebt hat und als „Greiferin“ und Nazi-Kollaborateurin traurige Berühmtheit erlangte.


Nach einer Art Einführung, die die Kindheit Friedrichs beschreibt, ist das Buch in 12 Kapitel, die den 12 Monaten des Jahres 1942 entsprechen, eingeteilt. Jedes Kapitel beginnt mit Ereignissen, die damals in der Welt bzw in Deutschland passierten – egal ob Fußballspiele oder Goebbels Gebote, die Gründung der „Weißen Rose“ oder die Geburt von Paul McCartney. Sie bilden einen zeitgeschichtlichen Rahmen. Dann folgt die Geschichte von Friedrich und Kristin/Stella. Als Abschluss jedes Kapitels liest man Auszüge aus Gerichtsakten, die den Fall Stella Goldschlag behandeln. Es ist eine seltsame Ordnung in den Kapiteln.


Takis Würgers Stil ist stark reduziert, einfach und klar. Er beschreibt ohne Pathos, fast schon emotionslos das Leben von Friedrich und Stella. Vielleicht war das der Grund, dass ich selber keineswegs so distanziert bleiben konnte. Wollte der Autor eine menschliche Seite von Stella zeigen? Eine junge Frau, die lebenshungrig und unpolitisch, nur ihren Traum, Sängerin zu sein, leben will? Kann man in Gut-Böse einteilen? Aber auch das wird relativiert, denn es ist nie wirklich klar, was Fiktion und was nun Realität ist. Dem Leser bleibt viel Raum zur Interpretation (für mich vielleicht ein wenig zu viel!). Der Autor deutet vieles nur in Nebensätzen an und auch am Schluss bleibt noch einiges offen.


Diese 219 Seiten sind zwar rasch gelesen, wirken indessen lange nach und geben viel Stoff zum Nachdenken, werden ja auch aktuell kontrovers diskutiert.

Aber auch wenn mich diese Geschichte ein wenig ratlos zurücklässt, so finde ich sie trotzdem lesenswert!
Der menschliche Abgrund – eine moralische Zerreißprobe 06. Februar 2019
Die Fakten über den Holocaust und den zweiten Weltkrieg sind schnell erzählt und aufgezählt. Aber die Bedeutung, das Ausmaß an Leid und die gesellschaftliche Tragödie die sich abspielte, ist ohne eine Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen kaum greifbar.
Erst beim Lesen von Zeugenberichten, von historischen Aufarbeitungen und eben von Romanen, die teils fiktiv und auch Lebensschicksale erzählen, kann man das grausamste Stück Geschichte überhaupt ansatzweise begreifen.
Takis Würger greift mit seinem Roman ‚Stella‘ die Geschichte einer Berliner Jüdin auf, die es wirklich gab, natürlich fiktiv verarbeitet. Es ist eine polarisierende Geschichte. Unfassbar, aus meiner Sicht erzählenswert, auch wenn es abstoßend ist. Eine moralische Zerreißprobe.
Interessant an diesem Roman ist, dass es die Hauptperson, Stella, so wenig greifbar ist. Einiges bleibt wage und nur manches löst sich zum Schluss auf.
Den Roman habe ich in kürzester Zeit verschlungen. Das lag sicherlich an dem unfassbaren Inhalt, aber auch am Schreibstil, den ich persönlich sehr mag. Takis Würger schafft es distanziert, fast emotionslos, unglaubliche Szenen zu Papier zu bringen, die der Wahrheit sicherlich recht nahe kommen.
Zum Beginn eines jeden Kapitels erfahren wir Fakten des jeweiligen Monats und tauchen dann wieder in die eigentliche Geschichte ein. Somit entsteht ein historisches Setting.
Mich hat ‚Stella‘ überzeugt, auch wenn sehr viele Personen die hier beschrieben werden abgrundtief unsympathisch sind.

Fazit: Interessant, schockierend, wichtig! Man kann gar nicht oft genug das historische Rad drehen und aufzeigen was passiert, wenn die falschen Kräfte im Land wirken und hier besonders die moralische Zerreißprobe!
Wichtig und richtig auch in Form von Kunst 05. Februar 2019
Der junge Schweizer Friedrich reist im Jahr 1942 nachdem die Ehe seiner Eltern zerüttet ist aus seiner behüteten und reichen Jugend nach Berlin. Er möchte die dortigen Zustände mit eigenen Augen sehen, um die Wahrheit hinter den Erzählungen zu finden und seine Ausbildung als Maler fortsetzen. Dort begegnet er der jungen, aufgeweckten "Kristin", die ihn nicht mehr loslässt. Doch entfernt er sich in dieser Beziehung immer mehr von der Wahrheit...


Die Geschichte wird aus Sicht von Friedrich erzählt und wird unterbrochen durch Fakten der jeweilen Zeitgeschichte und Auszügen aus Ermittlungsakten. Ich mag diese Gliederung sehr, da man dadurch ein Gefühl für die Zeit bekommt und das Erzählte gut abzugrenzen ist. Die Sprache ist sehr nüchtern und ruhig, was mir gerade bei einem Roman mit derartigem Hintergrund sehr gut gefällt. Auch habe ich das Buch nicht wirklich als "Liebesgeschichte" empfunden, da der Rahmen in dem die Geschichte spielt so vollgepackt mit Geschenissen und Informationen ist, dass mein Fokus eher darauf gelegen ist.

Ich wusste vor diesem Roman nichts von der realen Person Stella. Auch bin ich keine Historikerin, sodass ich nicht werten werde, wie viel Tatsachen oder Fiktion dieser Roman beinhaltet. Was ich aber zweifelsohne sagen kann ist, dass mich dieses Buch sehr gefesselt, aufgewühlt, bedrückt und zum Nachdenken angeregt hat, was meiner Meinung nach auch der Sinn für Romane auf Basis von Zeitgeschichte sein sollte. Ich finde es wichtig und richtig dieses schlimme Kapitel immer wieder aufs Parkett zu bringen, es in Erinnerung zu rufen und dies auch in Form von Kunst, was hier aus meiner Sicht auch gelungen ist. Für mich handelt es sich definitiv bei diesem Roman schon jetzt um ein Lesehighlight des noch jungen Jahres!
Der Duft der Sonnenblume 11. Januar 2019
1942: Mit 20 Jahren zieht es Friedrich, der am Genfer See zuhause ist, nach Berlin. Stallburschen hatten ihn neugierig gemacht auf das Leben in Berlin, vor allem aber die Beantwortung einer ganz bestimmten Frage nach einem Möbelwagen und dem Abtransport von Juden. Ist was dran an dem Gerücht? In Berlin lernt er Kristin kennen und lieben. Der Krieg scheint für beide weit weg zu sein. Doch ganz so einfach ist es nicht; Kristin vertraut Friedrich an, dass sie in Wahrheit Jüdin ist und Stella heißt. Gibt es da noch etwas, das sie ihm verschweigt? Gibt es für sie eine gemeinsame Zukunft?
Jeder Monat des Jahres beginnt mit Informationen über geschichtliche Ereignisse aus Politik und über bekannte Persönlichkeiten aus aller Welt. Die zehn Gebote für jeden Nationalsozialisten des Dr. Joseph Goebbels habe ich an dieser Stelle das erste Mal gelesen – wie furchtbar! Diese vielen Daten sind sehr interessant und unterbrechen die Spannung der Geschichte nicht. Sie machen sie eher komplett, weil sie gekonnt integriert wurden. Das gleiche gilt für die in Kursivschrift eingefügten Protokolle.
Interessant finde ich, dass Friedrichs Kindheit weder in der Buchbeschreibung noch in der Leseprobe erwähnt werden. Dabei ist gerade dieser Abschnitt so wertvoll – auch um seine Entscheidungen zu verstehen. Die Geschichte mit dem Ziegenbock hat mich besonders berührt, ebenso die Erfahrung, die er im Umgang mit seiner Ehrlichkeit machen muss. Friedrich ist ein wunderbarer Mensch und scheinbar der einzige, der den Duft der Sonnenblume kennt.
Nach einer wahren Begebenheit erzählt, ist das Buch ein Buch voller Liebe und Hoffnung, aber es zeigt auch die Grausamkeiten, die Schrecken und die Lügen des furchtbaren Krieges – erschütternd und sehr nachdenklich stimmend!

Sensibel und brutal gleichermaßen 06. Januar 2019

Als ich Takis Würger bei einer Lesung seines ersten Buches Der Club beobachten konnte, erschien er mir seltsam zwiegespalten. Einerseits unerfahren, unsicher, fast ein wenig linkisch, auf der anderen Seite auf eine vornehm-sichere und privilegierte Weise von sich überzeugt. Und ebenso zwiegespalten erscheint mir das vorliegende Buch: sowohl leise-vorsichtig, scheu, als auch von einer inhaltlichen und sprachlichen Wucht, wie sie kaum zu ertragen ist.
Der Klappentext lässt uns nur Fakten wissen: „Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: "Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt." Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt.“ Was im Klappentext jedoch fehlt, ist für mich ein entscheidender Teil der Geschichte. Denn Friedrich war nicht immer so still gewesen. Seine Vorgeschichte, wie und warum es zu seiner entstellenden Gesichtsverletzung kam, wie er dadurch die Liebe seiner Mutter und noch viel mehr verlor, das ist aus meiner Sicht die Grundlage des Buches, denn es steht Friedrich im Mittelpunkt, nicht Stella. Es wird mit den Augen Friedrichs das Geschehen, sowohl das politische als auch das individuelle, beobachtet, und für den Leser wird nachvollziehbar, weshalb Friedrich eher passiv und leidend geschehen lässt, was geschieht. Seine bedürftige, obsessive Liebe zu Stella verschließt ihm die Augen vor den Wahrheiten um ihn herum.
Die Erzählweise ist besonders. Schlichte Wörter, schlichte Sätze, und dabei eine so dichte Atmosphäre schaffend und so treffgenau, wie es manch einem Autor mit vielen Wörtern und langen Sätzen nicht gelingt. „Berlin ist ein Ort, an dem sogar Friseure sagen, was sie denken.“ An anderen Stellen knallen dem Leser die kurzen Sätze nur so um die Ohren, dass man sich ducken möchte vor den Bildern, die angeschossen kommen. Ein Buch, sensibel und brutal gleichermaßen, Fakten und Fiktion genial vermischend. Ein großes Buch.