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Cover Sansibar oder der letzte Grund

Sansibar oder der letzte Grund

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
192 Seiten
ISBN 978-3-257-60055-1

Kurztext / Annotation

"In einer kleinen Stadt an der Ostsee treffen zufällig sechs Gestalten zusammen: Der Junge Lesenden Klosterschülers Volk der Mitte

Textauszug

[30] Helander · Knudsen

Pfarrer Helander erschrak zuerst, als er den leeren Hafen erblickte. Aber dann sah er den einen Kutter und auf ihm Knudsen. Ein glücklicher Zufall! Es war besser, Knudsen im Freien anzusprechen, als zu ihm ins Haus zu gehen. Es wäre in Rerik sehr aufgefallen, wenn Pfarrer Helander Knudsens Haus betreten hätte. Dagegen ihn, wenn man ihn im Freien traf, mit ein paar Worten festzuhalten, das war ganz in Ordnung.

Knudsen beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, das konnte er sehen. Helander näherte sich ihm langsam, auf seinen Stock gestützt; er hinkte heute stärker als sonst. Der Hafenkai war ziemlich breit, mit runden Kopfsteinen gepflastert. Ein Lastauto rumpelte darüber hin, an den niedrigen roten Treppengiebelhäusern entlang; nur das 'Wappen von Wismar' war weiß gestrichen, mit grünen Fensterumrandungen und einem goldenen Messingknauf an der Türe. Endlich stand Helander an der Kaimauer, dort, wo die 'Pauline' festgemacht hatte. Durch das Takelwerk des kleinen Küstenkutters hindurch konnte der Pfarrer ein Stück der offenen See erkennen, weit draußen, rechts von dem Leuchtturm auf der Lotseninsel, der von hier aus ganz klein aussah. Knudsen saß neben dem Steuerhaus und putzte Lampen, die kalte Pfeife zwischen den Zähnen. Von drunten, aus dem Motorenraum drang Rumoren, das mußte der Junge sein. Schicken Sie den Jungen weg, Knudsen! sagte der Pfarrer. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.

Das war stark, dachte Knudsen. Immer sehr direkt, der Herr Pfarrer. Der Pfaffe. Ein Pfaffe mit einem geraden Maul.

Der Junge wird gleich fertig sein, sagte er. Er füllt nur noch die Tanks auf.

[31] Warum sind Sie nicht mit den anderen draußen? fragte der Pfarrer, während sie warteten.

Die Galle, antwortete Knudsen. Ein Gallenanfall.

Helander hörte, daß Knudsen log. Knudsen war so gesund wie immer.

Die Galle, sagte er. So, die Galle! Haben Sie sich geärgert, Knudsen, oder haben Sie nur fett gegessen?

Knudsen sah ihn an. Geärgert, erwiderte er.

Der Pfarrer nickte. Von der kleinen Werft im Osten des Hafenbeckens her drang der kreischende Klang eines Hammers. Danach die Stimmen der Glocken aller Kirchen der Stadt. Zwei Schläge. Halb vier.

Knudsen erinnerte sich, daß er das letzte Mal mit dem Pfarrer gesprochen hatte, als die Anderen ans Ruder gekommen waren, vor vier Jahren. Sie waren sich auf der Straße begegnet. Der Pfarrer war stehengeblieben und hatte ihn angesprochen.

Sie roter Hund, hatte er gesagt, jetzt geht's Ihnen an den Kragen! Er hatte gelacht dabei. Damals lachte man noch bei sowas. Nur Knudsen hatte schon damals nicht mehr gelacht, sondern den Pfarrer angesehen und zu ihm gesagt: Auch Ihnen wird Ihr Verdun-Bein eines Tages nichts mehr nützen.

Der Pfarrer hatte sofort aufgehört zu lachen. Ehe er weiterging, damals, vor vier Jahren, hatte er gesagt: Wenn Sie mal meine Hilfe brauchen sollten, Knudsen, Sie wissen, wo ich wohne.

Aber es schien so, dachte Knudsen, als ob der Pfarrer jetzt seine Hilfe brauchte.

Nach einer Weile kam der Junge mit den leeren Treibölkannen auf Deck. Er blickte scheu zu Pfarrer Helander hin, bei dem er konfirmiert worden war, und grüßte.

Geh nach Hause, sagte Knudsen zu ihm, und mach dein Zeug fertig. Wir fahren um fünf.

[32] Der Junge verdrückte sich. Wollen Sie nicht auf Deck kommen und sich setzen? fragte Knudsen.

Nein, das wäre zu auffällig, erwiderte Helander.

Aha, dachte Knudsen, offenbar war die Stunde gekommen, in der dem stolzen Pfarrer Helander sein Verdun-Bein nichts mehr nützte. Das Bein, das man ihm bei Verdun abgeschossen hatte.

Knudsen, sagte der Pfarrer, Sie werden heute erst in der Nacht fahren. Er setzte hinzu: Ich bitte Sie darum.

Knudsen sah fragend zu dem Pfarrer hoch, der ein wenig über ihm auf dem Kai stand, ein großer schlanker Mann mit einem heftigen, ger

Langtext

"In einer kleinen Stadt an der Ostsee treffen zufällig sechs Gestalten zusammen: Der Junge ; Gregor, der KPD-Funktionär; Judith, die Jüdin; am Ort selbst befinden sich der Pfarrer Helander; Knudsen, der Fischer und Kutterbesitzer; als letzter die Holzplastik des Lesenden Klosterschülers . Und diese sechs Gestalten haben kein anderes Anliegen, als Deutschland zu verlassen Alfred Anderschs großes Buch von Sansibar ist ein Mißtrauensvotum ersten Ranges gegen unser behäbig aufgeblasenes Volk der Mitte ."

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Alfred Andersch, 1914 in München geboren, war nach dem Krieg u. a. Redaktionsassistent Erich Kästners bei der 'Neuen Zeitung', gab zusammen mit Hans Werner Richter die Zeitschrift 'Der Ruf' heraus, nahm an den ersten Tagungen der Gruppe 47 teil und war Herausgeber der literarischen Zeitschrift 'Texte und Zeichen'. Er lebte seit seinem Weggang als Leiter der Redaktion 'radio-essay', die er beim Süddeutschen Rundfunk begründete, als freier Schriftsteller in der Schweiz, wo er 1980 starb.

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