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Cover Die Rote

Die Rote

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
256 Seiten
ISBN 978-3-257-60079-7

Kurztext / Annotation

Die 30jährige Dolmetscherin Franziska flieht aus ihrem mondänen Leben und einer anstehenden Wahl zwischen Ehemann und Liebhaber ins winterlich ungastliche Venedig. Doch auch dort findet die Rote

Textauszug

[11] Franziska, Spätnachmittag

Auf dem Bahnsteig der Stazione Centrale war es trocken, trocken unter dem dunklen Gebirge aus Glas, Rauch und Beton, aber der Rapido nach Venedig troff von Nässe, sie hatten ihn sicherlich erst vor ein paar Minuten aus dem Regen, aus dem Grau des Regen-Nachmittags, in die Halle geschoben, Abfahrt 16.54, also fünf Minuten Zeit, im Waggon war es noch kalt, so daß Franziska nur ihre Handschuhe auf den Platz legte und wieder hinausging, um nicht zu frösteln, aber statt dessen fror sie im Januarwind, der durch die Halle fuhr, vielleicht bin ich schwanger, es war ihr kalt, obwohl sie den Kamelhaarmantel anhatte, sie klemmte sich die braune Handtasche unter den Arm und steckte die Hände in die Manteltaschen. Eine Zigarette, das erste, was ich tue, wenn der Zug fährt, ist, mir eine Zigarette anzünden. Sie sah, wie die Nässe an den Flanken des Waggons, neben dem sie stand, im Rauch der Bahnhofshalle zu Inseln verdunstete, schmutzig kondensierte und sich dann plötzlich mit einem gelben Schimmer überzog, als die Lampen auf den Bahnsteigen eingeschaltet wurden. Wenn Herbert in diesem Augenblick auftauchen würde, weil er mir nachgelaufen wäre, ließe ich vielleicht die Handschuhe da drinnen liegen und ginge mit ihm weg. Wenn er jetzt käme, so würde es bedeuten, daß wir vielleicht im letzten Augenblick einen Modus fänden. Wie feige ich manchmal bin. Mailand Stazione Centrale war ein dunkler Ort, besonders im Regen, im Januar, im grauen Spätnachmittag, seinen Eingang bildeten riesige poröse Quadersäulen, Franziska war aus der Straßenbahn gestiegen und schnell in den Bahnhof hineingelaufen, in der Vorhalle [12] fuhren die Taxis an, stoppten und glitten wieder hinweg, Rolltreppen führten nach oben, sie waren um diese Zeit noch nicht überfüllt gewesen, unbewegtes nach oben Schweben, Franziska hatte hinter einer alten mageren kleinen Frau gestanden, die in vier schweren Einkaufstaschen, abgewetzten geflickten Einkaufstaschen, Pakete und Flaschen trug, eine Falkin, Mäuler stopfend, arm, alt, unterernährt, mit einem spähenden Blick, oben verschwand sie sogleich in der Menge, die aus einem angekommenen Zug strömte, Franziska war zu einem Schalter gegangen und hatte gefragt, wann der nächste Zug ginge.

"Wohin?"

"Irgendwohin."

Der Beamte hatte sie einen Augenblick lang angesehen, sich dann nach der Uhr umgewendet und gesagt: "Der Rapido nach Venedig. Sechs Minuten vor fünf."

Venedig. Wieso Venedig? Was habe ich in Venedig zu tun? Aber es ist wie im Roulette, ich habe auf Zero gesetzt und es ist eine Farbe herausgekommen. Irgendwohin hieß Zero. Herausgekommen war Venedig. Vermutlich gab es keinen Ort, der Null hieß.

"Gut, geben Sie mir Venedig!"

"Rückfahrkarte?"

"Nein, einfach." Sie sah auf ihre Armbanduhr. Dreizehn vor fünf. Venedig war so gut wie jeder andere Ort, wie alle jene Orte, in denen Herbert mich nie vermuten wird. Herbert wird höchstens annehmen, ich sei nach Deutschland zurückgefahren, um ihn zu Hause zu erwarten.

"Viertausendsechshundert", sagte der Beamte und schob ihr das Billet hin.

Franziska reichte ihm einen Fünftausend-Lire-Schein. Es ist zu teuer, die Reise nach Venedig ist zu teuer. Als er ihr herausgab, sagte er: "Die Zuschläge müssen Sie im Zug lösen."

[13] Sie war erschrocken. Einen Augenblick lang hatte sie überlegt, ob sie ihm das Billet zurückgeben solle. Ich kann mir ja irgend etwas näher Gelegenes aussuchen, Turin zum Beispiel, und mit einem gewöhnlichen Zug fahren . Aber sie steckte das Billet ein, während der Mann ihr zusah. "Bahnsteig sieben", sagte er höflich. Eine Ausländerin. Irgendwohin. Sie sind verrückt oder Huren oder beides. Eine Ausländerin, die irgendwohin fahren will und Geld genug hat, um ein Ra

Beschreibung für Leser

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Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Alfred Andersch, 1914 in München geboren, war nach dem Krieg u. a. Redaktionsassistent Erich Kästners bei der 'Neuen Zeitung', gab zusammen mit Hans Werner Richter die Zeitschrift 'Der Ruf' heraus, nahm an den ersten Tagungen der Gruppe 47 teil und war Herausgeber der literarischen Zeitschrift 'Texte und Zeichen'. Er lebte seit seinem Weggang als Leiter der Redaktion 'radio-essay', die er beim Süddeutschen Rundfunk begründete, als freier Schriftsteller in der Schweiz, wo er 1980 starb.

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