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Cover Die Welt ist im Kopf

Die Welt ist im Kopf

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
352 Seiten
ISBN 978-3-257-60112-1

Kurztext / Annotation

Genug studiert - nun will er leben: Eine monatelange Reise führt den jungen Arthur Schopenhauer von Dresden nach Venedig, von Goethe zu Lord Byron, über schroffes Gebirge und weite Täler ins Labyrinth der Kanäle, in den Strudel der Wirklichkeit - und zu Teresa.

Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, studierte Philosophie in München und Journalismus in New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben. Sein Debüt Die Welt ist im Kopf Das Sandkorn

Textauszug

[18] Vielleicht machen Sie von einliegender Karte Gebrauch

Nun wäre eigentlich Zeit, sich der unerledigten Korrespondenz zu widmen, dachte Goethe.

Den ganzen heißen Sommernachmittag hatten er und Stadelmann Mineralien gesucht - der Kammerdiener natürlich nichts gefunden, wohl wissend, dass er die Ausbeute in einem schweren Korb aus der Gegend um den Hügel des ewigen Lebens zu Tal schleppen würde. Goethes Ertrag fiel umso reichlicher aus. Vom Finderglück berauscht, hatte er die ersten Anzeichen missachtet; bald aber hinkte Goethe mit seinem immer stärker schmerzenden Fuß dem Kammerdiener hinterher, missgestimmt vom Hügel des ewigen Abstiegs grummelnd. Dabei war das feste Paar Schuhe mit den genagelten Sohlen bestens bewährt, es hatte schon manche Expedition in die Schluchten und Felsbrüche um Karlsbad mitgemacht.

Goethe ruhte in seinem Zimmer auf dem Diwan, die Wade durch ein Polster unterstützt, damit die wundgeriebene Ferse keinen Druck litt. Er überlegte kurz, ob er sich von Stadelmann Schreibzeug und Unterlage bringen lassen solle, knuffte dann lieber einige Kissen zurecht und langte von der Konsole Madame de Staëls Über Deutschland herüber.

Er öffnete das Buch, sah hinein und schlug es gleich wieder [19] zu. Gut, wenn schon keine Korrespondenz jetzt: Dem Doktor Schopenhauer würde er zuerst antworten. Sein Brief lag immerhin schon zwei Monate unbeachtet. Und war darin nicht die Rede von einer Reise gewesen? Morgen, in aller Frühe schreibe ich ihm, dachte Goethe und suchte sein Lesezeichen.

Die Staël unternahm hier eine Exkursion in die deutsche Philosophie. Nicht, dass Philosophie ihn sonderlich interessiert hätte, aber solcherart präsentiert war sie erträglich, bisweilen amüsant. Der philosophische Geist, schrieb Madame, kann seiner Natur gemäß in keinem Lande allgemein verbreitet sein. Indes gibt es in Deutschland eine solche Neigung zum Grübeln, dass die deutsche Nation vorzugsweise als metaphysische Nation betrachtet werden kann.

Goethe überflog die Zeilen nur, hoffend, das eine oder andere Satzbild möge ihn packen, kurz unterhalten und weiterziehen lassen.

Die Philosophie ist die Schönheit des Denkens, sie beurkundet die Würde des Menschen, der sich mit dem Ewigen und Unsichtbaren beschäftigen kann, wiewohl alles Rohe seiner Natur ihn davon entfernt.

Er legte das Buch einen Moment nieder. Schönheit des Denkens? Tat und Wort würde er dem jederzeit vorziehen. Er gähnte, setzte ein Glimmerblättchen als Lesezeichen und klappte das Buch zu. Stadelmann würde ihn schon rechtzeitig wecken.

Paul?

Angelica Catalani erhielt keine Antwort. Ihr Agent und Ehemann, Paul Valabrègue, stellte sich taub. Wie immer.

Paul.

[20] Valabrègue saß ein Zimmer weiter behaglich auf dem Sofa und rauchte eine Pfeife.

Paul!

Wenn die Catalani schrie, dann schrie sie mit der Kraft einer ausgeformten Stimme. Und bevor die Dienstboten zusammenliefen und die Menschen auf der Straße vor dem Hotel stehen blieben, trat sogar ein Phlegmatiker wie Valabrègue ohne weiteren Verzug an.

Was ist, meine Liebe?, fragte er, als er in der Tür zu Madames Zimmer erschien. Seit je rollte sein linker Augapfel lose in der Höhle, kullerte herum wie eine Murmel in einer Schüssel, ohne Verständigung mit dem anderen Augapfel aufs Geratewohl in die Welt zielend. Die meisten Menschen wussten nicht, wo sie bei Valabrègue hinsehen sollten, die Catalani aber blickte ihm zwischen die Augen, auf die Nasenwurzel und ignorierte die senkrechte Falte, die dort aufstieg.

Was soll sein? In einer Stunde singe ich beim Fürsten, und du sitzt in deinem allerschäbigsten Anzug und bläst Rauchkringel.

Valabrègue hasste diese Auftritte.

Sie sang - und keiner bezahlte für das Vergnügen. Doch, einer - er selbst, Valabrègue, j

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Christoph Poschenrieder, 1964 bei Boston geboren, wohnt in München. Er studierte an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München und setzte sich schon mit Schopenhauer auseinander, lange bevor er seinen ersten Roman schrieb. Außerdem besuchte er die Journalistenschule an der Columbia University, New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben.

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