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Cover Mitgenommen

Mitgenommen

von Arnon Grünberg; Übersetzt von: Rainer Kersten

Erschienen 2012 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
752 Seiten
ISBN 978-3-257-60147-3

Kurztext / Annotation

Major Anthonys Frau wünscht sich ein Kind, aber es klappt nicht. Ließe sich beim Kampf gegen die Guerilleros nicht ein Kind beschaffen? In einem gottverlassenen Ort irgendwo in Südamerika macht Major Anthony seiner Frau das Mädchen Lina zum Geschenk. Doch Liebe auf Kommando, so funktioniert das nicht.

Arnon Grünberg, geboren 1971 in Amsterdam, lebt und schreibt in New York. Neben allen großen niederländischen Literaturpreisen erhielt er 2002 den NRW-Literaturpreis für sein Gesamtwerk. Neben seinen literarischen Arbeiten verfasst Arnon Grünberg einen täglichen Blog und ist in den Niederlanden bekannt für seine Kolumnen und Reportagen.

Textauszug

[9] 1

Der Mörder von Lina Siñani Huancas Eltern konnte selbst keine Kinder zeugen, darum beschloss er, Lina Siñani Huanca zu adoptieren. Er brauchte nicht lange darüber nachzudenken, das Kind stand da im Halbdunkel und sah ihn an, als hätte es unwillkürlich erraten, dass er der Leiter dieser Operation war, als wisse es, dass die Entscheidung, was jetzt zu geschehen hatte, allein von ihm abhing. Noch bevor er irgendetwas gesagt hatte, musste die Kleine begriffen haben, dass ihrer beider Schicksal von heute an eines war. Auf immer miteinander verbunden, eine Verbindung, stärker als jede Blutsverwandtschaft.

Sie stand neben einem Holztisch mit den Resten der letzten Mahlzeit. Schmutzige Teller, Besteck, Kerzen, eine Zeitung und eine tiefe Pfanne. Die angebrannten Reste eines Eintopfs? Reis mit etwas Fleisch?

Er war aus dem Schlafzimmer heruntergekommen, um einem Geräusch nachzugehen - eine überflüssige Frage im Grunde, was konnte so ein Geräusch schon bedeuten? -, und hatte ihre Anwesenheit physisch gespürt. Obwohl sie noch einige Meter von ihm entfernt stand, nahm er sie körperlich wahr. Noch bevor er sie gesehen hatte, bevor das Licht der Taschenlampe auf ihr Gesicht fiel, fühlte er sich von ihr abgetastet wie von einer Blinden.

Er hatte seine Karriere als Späher begonnen. Er roch den [10] anderen, bevor er ihn sah. Und obwohl er diese Fähigkeit verloren geglaubt hatte - sie hatte ihn verlassen wie eine Geliebte -, war sie heute Nacht mit einem Mal wieder da. Stärker als jemals zuvor. Die alte Gewissheit, dass allein absolute Konzentration, mit der man seine Umgebung belauerte, das eigene Überleben sicherte.

Er richtete den Lichtkegel auf sie, sah ihre Zöpfe, nicht lange, doch lange genug, um zu wissen, dass er mehr Licht brauchte.

Sie hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Hinter ihr eine Tür, die wohl in ihr Zimmer führte. Er hielt den Blick auf sie gerichtet, während seine Männer im Obergeschoss schweigend umherliefen und er die Taschenlampe auf den Boden richtete, um die Kleine nicht zu blenden. Für einen Augenblick hatte er sich gefragt, ob sie wusste, was im Schlafzimmer ihrer Eltern geschehen war, doch dann hatte er wieder fasziniert auf ihre Zöpfe gestarrt, die längsten, die er jemals gesehen hatte.

Seine Männer durchkämmten das Haus, suchten Beweismaterial, alles, was irgendwie als "belastend" eingestuft werden konnte, obwohl sich das eigentlich erübrigt hatte. Es war eine Formalität, doch gerade darum so wichtig. Formalitäten trennten den Menschen vom Chaos. Immer wieder schärfte er seinen Männern ein, dass eine Hausdurchsuchung kein Grund zum Vandalismus sei. Es ging nicht darum, so viel wie möglich zu verwüsten oder mitgehen zu lassen, es ging um belastendes Material. Manchmal waren seine Männer in einem Rausch. Kein Rausch von Alkohol oder Drogen, sondern berauscht vom Leben im ursprünglichsten Sinn: dem Rausch der Vernichtung.

[11] Das Mädchen hielt sich mit der linken Hand an einem Tischbein fest. Sie trug einen gelben Pyjama. Ihre Zöpfe waren lang und prächtig, und ihr Haar war so schwarz, dass es fast blau wirkte. Er versuchte vergeblich, ihr Alter zu schätzen. Neffen oder Nichten hatte er nicht, und seine wenigen Bekannten traf er stets ohne Kinder. Wie sollte er da das Alter eines Kindes einschätzen lernen? Er konnte andere Dinge.

Sein Vater war anglophil, ohne jemals in England gewesen zu sein. Mühsam ergatterte er ab und zu ein paar scones und etwas, das entfernt clotted cream ähnelte, und zu Weihnachten musste seine Frau sich mit einem christmas pudding abplagen. Der Vater des Majors sprach nur mäßiges Englisch, trotzdem war diese Sprache seiner felsenfesten Überzeugung nach die Sprache der Kultur schlechthin. Übermäßig gesprächig war er nie gewesen, und doch konnte er aus heiterem Himmel ein lautes "Indeed"

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