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Cover Der Zementgarten

Der Zementgarten

von Ian McEwan; Übersetzt von: Christian Enzensberger

Erschienen 2013 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
208 Seiten
ISBN 978-3-257-60174-9

Kurztext / Annotation

Papa ist tot, Mama stirbt und wird, damit keiner was merkt, einzementiert; die vier Kinder - zwei Mädchen und zwei Jungen zwischen 6 und 16 - haben das große Haus in den großen Ferien für sich. Im Laufe des drückend heißen, unwirklichen Sommers kapselt sich die Gemeinschaft der Kinder mehr und mehr gegen die Außenwelt ab, und keiner merkt, dass etwas faul ist.

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er für Amsterdam Abbitte

Textauszug

[5] Teil eins

1

Ich habe meinen Vater nicht umgebracht, aber manchmal kam es mir vor, als hätte ich ihm nachgeholfen. Und bis auf die Tatsache, daß sein Tod zeitlich mit einem Meilenstein in meiner eigenen körperlichen Entwicklung zusammenfiel, schien er unbedeutend, verglichen mit dem, was dann kam. Meine Schwestern und ich sprachen über ihn in der Woche, nachdem er gestorben war, und natürlich weinte Sue, als ihn die Sanitäter in eine hellrote Decke einpackten und forttrugen. Er war ein schwächlicher, jähzorniger, verbohrter Mann, gelblich an den Händen und im Gesicht. Ich führe die kleine Geschichte von seinem Tod nur an, weil sie erklärt, wieso meine Schwestern und ich auf einmal eine so große Menge Zement zur Verfügung hatten.

Im Frühsommer meines vierzehnten Lebensjahres hielt ein Lastwagen vor unserem Haus. Ich [6] saß auf der Vordertreppe und las ein Comic, das ich schon kannte. Der Fahrer und noch ein Mann kamen auf mich zu. Sie waren mit feinem, hellem Staub bedeckt, der ihren Gesichtern ein geisterhaftes Aussehen gab. Sie pfiffen beide schrill zwei völlig verschiedene Melodien. Ich stand auf und steckte das Comic weg. Ich wünschte, ich hätte die Rennseite in Vaters Zeitung oder die Fußballergebnisse gelesen.

"Zement?" sagte der eine. Ich hakte die Daumen in die Hosentaschen ein, verlagerte mein Gewicht auf ein Bein und kniff die Augen etwas zusammen. Ich wollte etwas Knappes und Treffendes sagen, aber ich war nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden hatte. Ich brauchte zu lange, denn der Mann verdrehte die Augen nach oben, stemmte die Hände in die Hüften und starrte an mir vorbei auf die Haustür. Sie ging auf, und mein Vater trat heraus, an seiner Pfeife kauend, eine Schreibplatte gegen die Hüfte gedrückt.

"Zement", sagte der Mann wieder, diesmal in sinkendem Tonfall. Mein Vater nickte. Ich steckte das Comic zusammengefaltet hinten in die Tasche und ging den drei Männern auf dem Weg bis zum Lastwagen nach. Mein Vater stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Seitenwand zu schauen, nahm die Pfeife aus dem Mund und nickte nochmals. Der Mann, der bis [7] jetzt noch nichts gesagt hatte, schlug hart mit der Handkante zu. Ein Stahlbolzen sprang weg und eine Seitenlade des Lastwagens klappte mit großem Lärm herunter. Die prallgefüllten Zementsäcke lagen in zwei Reihen auf der Ladefläche. Mein Vater zählte sie, schaute auf seine Schreibplatte und sagte, "Fünfzehn." Die zwei Männer brummten. Mir gefiel diese Art Unterhaltung. Ich sagte auch "Fünfzehn" vor mich hin. Die Männer nahmen jeder einen Sack auf die Schulter und wir gingen wieder zurück, diesmal ich voran und mein Vater hinterher. Nach der Hausecke deutete er mit dem nassen Pfeifenstiel auf die Kohlenluke. Die Männer wuchteten ihre Säcke in den Keller und gingen zum Lastwagen, um neue zu holen. Mein Vater machte auf der Schreibplatte ein Kreuz mit dem Bleistift, der an einem Stück Schnur daran baumelte. Er wippte wartend auf den Absätzen. Ich lehnte mich an den Zaun. Ich wußte nicht, wofür der Zement bestimmt war, und wollte aus dieser angespannt arbeitenden Gemeinschaft nicht ausgeschlossen werden durch mein Unwissen. Ich zählte die Säcke mit, und als alle unten waren, stand ich meinem Vater zur Seite, als er den Lieferschein unterschrieb. Dann ging er wortlos ins Haus.

Am Abend stritten sich meine Eltern wegen der Zementsäcke. Meine Mutter, ein ruhiger Mensch, [8] war außer sich. Sie wollte, daß mein Vater das ganze Zeug wieder zurückschickte. Wir waren gerade mit dem Abendessen fertig. Während meine Mutter redete, nahm mein Vater ein Taschenmesser und schabte damit schwarze Brocken aus dem Pfeifenkopf auf sein Essen, das er kaum angerührt hatte. Er wußte, wie er seine Pfeife gegen sie einsetzen konnte. Sie hielt ihm vor, wie wenig Geld wir hätten und daß Tom bald neue Kleider für den Schulanfang bräuchte. Er s

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