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Cover Das Geschenk

Das Geschenk

Erschienen 2014 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
336 Seiten
ISBN 978-3-257-60612-6

Kurztext / Annotation

Ein neuer Blick auf einen besonderen Moment in der Menschheitsgeschichte, von großem Ernst, voller Komik, Liebe und Weisheit zugleich. Er macht die Mitglieder der Heiligen Familie wieder zu dem, was sie ursprünglich einmal waren: zu Menschen.

Maria Elisabeth Straub, geboren 1943 in Schleswig-Holstein, studierte Kunstgeschichte und Germanistik und arbeitet seit 1970 als freie Autorin. Nach diversen Publikationen im kulturhistorischen und belletristischen Bereich veröffentlichte sie 2001 gemeinsam mit Martina Borger den Roman Katzenzungen Kleine Schwester Im Gehege Sommer mit Emma Das Geschenk

Textauszug

[19] 2

Der Mamser hat sich zu mir gesetzt. Ich hatte nicht bemerkt, daß er in den Hof gekommen ist, er geht so leise, und ich war in meinem Inneren in einer anderen Zeit. Eine Weile schweigt er, den Kopf an den Stamm der Palme gelegt. Wir schauen beide hinauf in den golden und rosa getigerten Himmel, eine Taube fliegt mit klatschenden Flügeln über uns hinweg. Er wartet, bis der Vogel über den Ställen verschwunden ist, dann sagt er ganz ruhig: "Ich könnte versuchen, ihn gesund zu machen."

Ich bin mit meinen Gedanken noch bei Simon. "Gesund? Von wem sprichst du?"

"Von deinem Mann. Nur wenn du es willst."

"Es ist nicht die Zeit für Scherze", sage ich und muß daran denken, was der Mamser vor ein paar Tagen mit Jehuda gemacht hat. Zufällig schaute ich durchs Fenster, als ich mit dem getrockneten Flachs vom Dach kam. Jehuda hockte auf seinem Bett und umklammerte sein Holzschwert, vor ihm kniete der Mamser, seine rechte Hand auf Jehudas Fuß. Beide hatten sie die Augen geschlossen und sahen aus, als schliefen sie, auf Jehudas Stirn saß eine Fliege.

Man schläft nicht im Sitzen oder Knien, es sei denn, man hat des Tages Last und Hitze ertragen und ist zutiefst [20] erschöpft. Der Mamser aber teilt sich seine Arbeit immer sehr sorgfältig ein, er verschwindet zu Jaakovs Ärger oft für Stunden aus der Werkstatt, und Jehuda mit seinen sechs Jahren und seinem Fuß wird höchstens für kleine Hilfeleistungen herangezogen.

Er liebt seinen großen Bruder mehr als die anderen Geschwister und sogar mehr noch als sein hölzernes Schwert, das er stets in seiner Reichweite haben muß. Ich wollte ihm eine Krücke ersparen und ließ Joses eine Spielzeugwaffe schnitzen, lang genug, daß sie sein linkes Bein entlastet. Mit ihrer Hilfe hinkt er dem Mamser ständig hinterher, wie ein kleines zahmes Tier, das man verletzt im Wald gefunden und mit nach Hause genommen hat. Oder er sitzt stundenlang vorm Haus, ritzt mit einem scharfen Stein Verzierungen in sein Schwert und wartet darauf, daß der Mamser heimkommt.

Wenn der Hölzerne ihn dort entdeckt, verscheucht er ihn, seine Worte klingen dann wie ein kurzes Bellen, er will nicht, daß die Leute den Makel an seinem Sohn sehen. Vor mir hat er nie ein Wort darüber verloren, aber ich vermute, daß diese Unvollkommenheit ihn peinigt wie eine permanente Unreinheit, die der Undurchschaubare ihm aufgezwungen hat, auf dem Umweg über meinen Körper. Nie würde er auf den Gedanken kommen, daß der verkrüppelte Fuß dieses Kindes eine ganz direkte Antwort an mich ist, ich habe die Ehe gebrochen, nicht der Hölzerne. Nie werde ich wissen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten die Männer sich als Mittelpunkt des Geschehens sehen - oder aber so unbeteiligt bleiben wie ein Holzklotz.

"Ich scherze nicht", sagt der Mamser. "Ich könnte [21] meine Hand auf seinen schmerzenden Leib legen, oder vielleicht auf seine Stirn. Ich müßte ausprobieren, was ihm besser hilft."

Ich werfe ihm einen Blick zu, doch in der Dämmerung kann ich den Ausdruck seines Gesichts nicht erkennen. Der Mamser hat wohlgebildete Züge, man schaut ihn gerne an, sein Antlitz ist so rund und freundlich, wie es das Gesicht meiner Großmutter war, bevor sie mit herausquellenden Augäpfeln erstickte. Um seine Augen herum hat er schon die ersten Fältchen, er hält sich gern in der Sonne auf. Die leicht abstehenden Ohren hat er von meinem Vater. Und wie dieser ist er auch nicht besonders groß geraten, Jaakov überragt ihn um anderthalb Handspannen, aber er hat eine besonders weiche Haut, trotz der vielen Sonne. Und er riecht gut, er wäscht und ölt sich häufiger als die anderen, manchmal trägt er eine Blüte hinterm Ohr, wenn er von seinen Streifzügen nach Hause kommt, eine Mohnblume oder eine wilde Hyazinthe, hinter seinen Ohren ist Platz genug auch für dickere Stiele.

Die Männer hier im Dorf sagen, er sei eitel. Lillith hat es mir berichtet, sie hatte

Beschreibung für Leser

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Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Maria Elisabeth Straub wurde 1943 in Schleswig-Holstein geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Germanistik und arbeitet seit 1970 als freie Autorin. Sie lebt im äußersten Norden Deutschlands. Die Titel 'Katzenzungen', 'Kleine Schwester' und 'Im Gehege' schrieb sie gemeinsam mit Martina Borger.

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