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Cover Der Tagträumer

Der Tagträumer

von Ian McEwan; Übersetzt von: Hans-Christian Oeser

Erschienen 2015 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
160 Seiten; ab 10 Jahre
ISBN 978-3-257-60637-9

Kurztext / Annotation

Die gesamte Familie mittels einer Zaubercreme zum Verschwinden bringen, das wäre doch was, denkt sich Peter Glück - ein wenig aus Langeweile, ein wenig aus Trotz. Oder wie wäre es, einen Tag lang das Leben des Katers der Familie zu führen? Und was wäre erst, wenn Bewegung in die Puppen der Schwester käme und sie ihm ein Bein ausrissen?

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er für Amsterdam Abbitte

Textauszug


[9] Peter wird vorgestellt

Als Peter Glück zehn Jahre alt war, sagten ihm die Erwachsenen manchmal, er sei ein "schwieriges" Kind. Er verstand nie so recht, was sie damit meinten. Er selbst fand sich überhaupt nicht schwierig. Er warf keine Milchflaschen gegen die Gartenmauer, schüttete sich kein Tomatenketchup über den Kopf und tat, als wäre es Blut, er versuchte auch nicht, seiner Oma mit dem Schwert den Fuß abzuhacken, selbst wenn er gelegentlich mit dem Gedanken spielte. Bis auf Gemüse und Fisch, Eier und Käse aß er alles, was auf den Tisch kam. Er war weder lauter noch schmuddeliger, noch dümmer als andere Kinder, die er kannte. Sein Name war leicht auszusprechen und leicht zu buchstabieren. Er hatte ein ganz gewöhnliches Gesicht, blaß und voller Sommersprossen. Er ging jeden Tag zur Schule wie andere Kinder auch und machte nie viel Wind darum. Zu seiner Schwester war er nur so gemein wie sie zu ihm. Nie klopften Polizisten an die Haustür, um ihn zu verhaften. Nie drohten Arzte in weißen [10] Kitteln, ihn ins Irrenhaus zu schaffen. Seiner Meinung nach war Peter eigentlich ziemlich pflegeleicht. Was war an ihm schon schwierig?

Erst viele Jahre später, als er selber längst erwachsen war, ging Peter endlich ein Licht auf. Man fand ihn schwierig, weil er so still war. Das machte den Leuten offenbar zu schaffen. Ein weiteres Problem bestand darin, daß er gern allein war. Natürlich nicht die ganze Zeit. Nicht einmal jeden Tag. Aber an den meisten Tagen zog er sich gern auf ein Stündchen in sein Zimmer oder in den Park zurück. Er war eben gern ungestört, hing seinen Gedanken nach.

Erwachsene bilden sich immer ein, sie wüßten, was im Kopf eines Zehnjährigen vor sich geht. Aber wenn einer den Mund hält, weiß man ganz und gar nicht, was ihn beschäftigt. Wenn die Leute Peter sahen, wie er an Sommernachmittagen auf dem Rücken lag, an einem Grashalm kaute und zum Himmel hinaufstierte, dann riefen sie ihm zu: "Peter, Peter! Woran denkst du denn schon wieder?" Und Peter richtete sich erschrocken auf: "Ach, an nichts. An überhaupt nichts." Die Erwachsenen ahnten wohl, daß ihm etwas im Kopf herumging, aber sie konnten es nicht hören, nicht sehen oder fühlen. Sie konnten Peter auch nicht gut auffordern, damit aufzuhören, denn sie [11] wußten ja nicht, was er da im Geiste so alles anstellte. Vielleicht steckte er gerade seine Schule in Brand, warf seine Schwester einem Krokodil zum Fraße vor oder flüchtete in einem Heißluftballon; sie aber sahen nichts weiter als einen Jungen, der, ohne mit den Augen zu zwinkern, in den blauen Himmel starrte, einen Jungen, der nicht hörte, wenn man ihn bei seinem Namen rief.

Und was nun sein Alleinsein anging - das gefiel den Erwachsenen auch nicht sonderlich. Sie können es ja nicht einmal leiden, wenn andere Erwachsene allein sein wollen. Wenn man mitmacht, wissen die Leute, welche Absichten man hat. Man hat genau die gleichen Absichten wie sie auch. Man muß mitmachen, oder man verdirbt allen den Spaß. Peter sah das anders. Mitmachen - das war ja alles schön und gut, in bestimmten Fällen. Aber doch nicht ständig. Wenn die Leute weniger Zeit damit zubrächten, mitzumachen und andere zum Mitmachen zu zwingen, dachte er, wenn sie sich statt dessen jeden Tag eine Zeitlang darauf besinnen würden, wer sie sind oder wer sie sein könnten, ginge es glücklicher zu in der Welt, und es käme vielleicht gar nicht erst zu Kriegen.

In der Schule war Peter oft nur äußerlich anwesend hinter seinem Pult, während sein Geist [12] auf Wanderschaft ging. Sogar zu Hause handelte er sich mit seiner Träumerei zuweilen Arger ein. Einmal - es war Weihnachten - wollte Peters Vater, Thomas Glück, im Wohnzimmer den Weihnachtsschmuck aufhängen. Er haßte diese Arbeit, bekam dabei immer schlechte Laune. Er hatte beschlossen, oben an der Zimmerdecke

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