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Cover Der Untergrundmann

Der Untergrundmann

von Ross Macdonald; Übersetzt von: Karsten Singelmann

Erschienen 2016 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
368 Seiten
ISBN 978-3-257-60757-4

Kurztext / Annotation

Während ein Waldbrand die Küste Kaliforniens bedroht, sucht Detektiv Lew Archer verzweifelt nach dem kleinen Ronny Broadhurst. Geht es um Lösegeld oder um Erpressung in einem Ehekrieg? Erst müssen alte Leichen ausgegraben werden, bevor es Archer gelingt, das ganze Ausmaß des Familiendramas zu enthüllen. Ein Krimiklassiker in hochgelobter Neuübersetzung, mit einem Nachwort von Donna Leon.

Ross Macdonald (1915 - 1983) zählt zu den besten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Er wird in Großbritannien und Amerika und nun auch bei uns wiederentdeckt. Seine Kriminalromane gelten als Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Ross Macdonald war Präsident der Mystery Writers of America. 1964 gewann er den Silver Gold Dagger Award

Textauszug

{5} 1

Das Rauschen der Blätter weckte mich noch vor dem Morgengrauen. Ein heißer Wind blies in mein Schlafzimmer. Ich stand auf, um das Fenster zu schließen, dann lag ich im Bett und lauschte dem Wind.

Nach einer Weile legte er sich, und ich stand auf, um das Fenster wieder zu öffnen. Kühle Luft, die nach frischem Meer und leicht abgestandenem West Los Angeles roch, strömte in die Wohnung. Ich ging zurück ins Bett und schlief, bis ich am Morgen von meinen Buschhähern geweckt wurde.

Es waren immer fünf oder sechs da, die ich mittlerweile schon als "meine Buschhäher" bezeichnete. Abwechselnd setzen sie zum Sturzflug auf mein Fenstersims an, um sich dann auf den Magnolienbaum nebenan zurückzuziehen.

Ich ging in die Küche, öffnete eine Dose Erdnüsse und warf eine Handvoll davon aus dem Fenster. Die Häher schossen herab in den Innenhof des Apartmenthauses. Ich zog mir schnell etwas an und lief mit der angebrochenen Dose die Außentreppe hinunter.

Es war ein strahlender Septembermorgen. An den Rändern aber hatte der Himmel eine gelbliche Tönung, wie billiges Papier, das in der Sonne gelegen hat. Im Moment war es völlig windstill, aber ich konnte die landeinwärts liegende Wüste riechen und spürte ihre Hitze.

{6} Ich streute meinen Hähern eine weitere Handvoll Erdnüsse aus und sah ihnen dabei zu, wie sie den Rasen danach abgrasten. Ein kleiner Junge in einem blauen Baumwollanzug öffnete die Tür eines der Apartments im Erdgeschoss, das normalerweise von dem Ehepaar Waller bewohnt wurde. Der Junge war etwa fünf oder sechs Jahre alt. Er hatte dunkle kurzgeschorene Haare und sah mich aus seinen blauen Augen mit scheuem Blick an.

"Darf ich rauskommen?"

"Von mir aus gern."

Er ließ die Tür weit offen stehen und kam mit übertriebener Vorsicht, um die Vögel ja nicht zu verscheuchen, auf mich zu. Die Häher schwirrten kreischend umher und jagten sich gegenseitig das Futter ab. Sie nahmen ihn gar nicht zur Kenntnis.

"Womit füttern Sie die? Mit Erdnüssen?"

"Ja. Möchtest du auch ein paar für dich?"

"Nein danke. Mein Daddy und ich wollen gleich meine Oma besuchen. Bei ihr kriege ich immer eine Menge zu essen. Sie füttert auch Vögel." Nach einer Weile fügte er hinzu: "Aber den Hähern würde ich auch gern ein paar geben."

Ich hielt ihm die offene Dose hin. Er klaubte eine Faustvoll Erdnüsse heraus und schleuderte sie auf den Rasen. Die Häher kamen herangerauscht. Zwei von ihnen begannen zu kämpfen, hackten wild aufeinander ein.

Der Junge wurde blass. "Machen sie sich gegenseitig tot?", fragte er mit belegter Stimme.

"Nein, sie streiten sich nur."

{7} "Machen Häher andere Vögel tot?"

"Manchmal schon." Ich versuchte das Thema zu wechseln. "Wie heißt du denn?"

"Ronny Broadhurst. Was für Vögel machen sie tot?"

"Fremde Jungvögel."

Der Knabe zog die Schultern hoch und hielt die verschränkten Arme dicht vor der Brust, wie kleine Flügelstümpfe. "Machen sie auch Kinder tot?"

"Nein, dafür sind sie nicht groß genug."

Er wirkte erleichtert. "Ich probier dann doch mal eine Erdnuss. Okay?"

"Okay."

Den Kopf zurückgelegt, baute er sich vor mir auf und blinzelte ins Morgenlicht. "Werfen Sie, ich fang sie mit dem Mund auf."

Ich warf ihm eine Erdnuss zu, er erwischte sie, und danach folgten noch ein paar. Einige fing er, andere fielen ins Gras. Wie vom Himmelsgewölbe heruntergefallen, übersäten die Häher den Rasen.

Ein junger Mann in mintgrün gestreiftem Sporthemd betrat den Hof von der Straße her. Er sah wie eine erwachsene Ausgabe des Jungen aus und vermittelte den gleichen Eindruck von innerer Unruhe. Er saugte hektisch an einem dünnen braunen Zigarillo.

Als hätte sie nur auf den Mann gewartet, erschien jetzt eine junge Frau mit dunklem Pferdeschwanz in der offenen Tür der Wallerschen Wohnung. Hübsch, wie sie war, wurde

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Ross Macdonald, geboren 1915 in Los Gatos, Kalifornien, zählt zu den besten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Er wird in Großbritannien und Amerika und nun auch bei uns wiederentdeckt. Dabei verdankt er seine Karriere eher einem Zufall: Seine Frau Margaret war Schriftstellerin - und verdiente mit Schreiben bald mehr als er mit seiner Dozentur. So wurde aus dem Dozenten Kenneth Millar in Michigan der Schriftsteller Ross Macdonald in Kalifornien. Seine Bücher sind Bestseller und wurden erfolgreich verfilmt, so zum Beispiel 'Unter Wasser stirbt man nicht' (1975) mit Paul Newman und Joanne Woodward. Seine Kriminalromane gelten als Spiegel der amerikanischen Gesellschaft. Ross Macdonald starb 1983 in Santa Barbara.

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