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Cover Nussschale

Nussschale

von Ian McEwan; Übersetzt von: Bernhard Robben

Erschienen 2016 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
288 Seiten
ISBN 978-3-257-60777-2

Kurztext / Annotation

Eine klassische Konstellation: der Vater, die Mutter und der Liebhaber. Und das Kind, vor dessen Augen sich das Drama entfaltet. Aber so, wie Ian McEwan sie erzählt, hat man diese elementare Geschichte noch nie gehört. Verblüffend, verstörend, fesselnd, philosophisch - eine literarische Tour de Force von einem der größten Erzähler englischer Sprache.

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg Abbitte Maschinen wie ich

Textauszug

{9} 1

S o, hier bin ich, kopfüber in einer Frau. Ich warte, die Arme geduldig gekreuzt, warte und frage mich, in wem ich bin und worauf ich mich eingelassen habe. Sehnsüchtig schließe ich die Augen, denke ich daran zurück, wie ich einst im durchsichtigen Fruchtsack trieb, verträumt in der Blase meiner Gedanken schwebte, in Zeitlupe Purzelbäume durch meinen privaten Ozean schlug und dann und wann sanf t an die transparenten Grenzen meiner Umfassung stieß, dieser mitteilsamen Membran, die vibrierte vom Widerhall der leicht gedämpf ten Stimmen der Verschwörer und ihrer schändlichen Pläne. Das war in meiner sorglosen Jugend. Nun - längst gedreht und ohne einen Zentimeter freien Raum, Knie eng an den Bauch gezogen, Kopf ins Becken gesenkt - laufen meine Gedanken auf Hochtouren. Das Ohr Tag und Nacht an die blutdurchströmten Wände gepresst, bleibt mir auch keine andere Wahl. Ich lausche, merke mir alles und mache mir Sorgen, denn ich {10} höre Bettgeflüster, das von einer tödlichen Intrige kündet, und zittere bei dem Gedanken an das, was mich erwartet. Wo werde ich da hineingezogen?

Ich schwimme in Abstraktionen, und allein die sich ständig mehrenden Beziehungen zwischen ihnen schaf fen die Illusion einer bekannten Welt. Wenn ich 'blau' höre, eine Farbe, die ich nie gesehen habe, stelle ich mir ein mentales Ereignis vor, das jenem von 'grün' ähnlich ist, einer Farbe, die ich gleichfalls noch nie sah. Ich zähle mich zu den Unschuldigen, bin von Bündnissen und Verpf lichtungen unbeschwert, ein freier Geist trotz meines beschränkten Lebensraumes. Es gibt niemanden, der mir widerspräche, der mich ermahnte, ich habe keinen Namen, keine Adresse, keine Religion, keine Schulden und keine Feinde. Mein Terminkalender, wenn es ihn denn gäbe, vermerkte höchstens den baldigen Tag meiner Geburt. Ich bin - oder war -, trotz allem, was die Genetiker heute behaupten, ein unbeschriebenes Blatt, eine leere Schiefertafel. Wenn auch eine aus glitschigem, porösem Schiefer, wie er in keinem Klassenzimmer, keinem Häuserdach Verwendung fände, eine Schiefertafel, die wächst und sich dabei selbst beschreibt und deren leere Fläche stetig abnimmt. Ich zähle mich zu den Unschuldigen, und doch spiele ich offenbar eine Rolle in einem Komplott. Meine Mutter, gesegnet {11} sei ihr unablässig laut mahlendes Herz, scheint darin verwickelt zu sein.

Scheint, Mutter? Nein, ist . Du bist. Du bist verwickelt. Ich habe es von meinem Anfang an gewusst. Lasst mich ihn heraufbeschwören, jenen Moment der Schöpfung, der übereinfällt mit meinem ersten Gedanken. Vor langer Zeit, vor mehreren Wochen, wölbten sich die Neuralwülste auf, um mein Rückgrat zu bilden, und viele Millionen junger Neuronen, wuselig wie Seidenwürmer, spannen und webten mit Hilfe ihrer Axonschweife das herrliche goldene Gewebe meiner ersten Idee - ein so simpler Begriff, dass er sich mir heute wieder entzieht. War es ich ? Zu selbstverliebt. War es jetzt ? Zu dramatisch. Dann etwas, das beidem vorausgeht und beides enthält, ein einzelnes Wort, Ausdruck eines stillen Seufzers, eines Schwindelgefühls der Hinnahme, des reinen Seins, etwas wie - dies ? Zu gewählt. Meine Idee, ganz nahe dran, hieß sein . Und wenn nicht sein , dann die grammatische Variante ist . Das war mein Urbegriff, der springende Punkt - ist . Nur das. Im Geiste von: Es muss sein . Der Beginn des bewussten Lebens war das Ende der Illusion - der Illusion des Nichtseins - und zugleich die Eruption des Realen. Der Triumph des Realismus über die Magie, von ist über scheint . Meine Mutter ist in eine Verschwörung verwickelt, {12} und folglich bin ich es auch, selbst wenn es mir zufiele, ihre Pläne zu durchkreuzen. Oder mich zu rächen, falls ich - zaudernder Narr, der ich bin - zu spät zur We

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