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Cover Mein Wildgarten

Mein Wildgarten

von Meir Shalev; Übersetzt von Ruth Achlama; Illustriert von Refaella Shir

Erschienen 2017 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
288 Seiten
ISBN 978-3-257-60788-8

Kurztext / Annotation

Um sein Haus im Norden Israels hat Meir Shalev einen Garten angelegt - mit lauter wilden Blumen, Sträuchern und Bäumen, die er liebevoll hegt und pflegt. Jede Pflanze, die heranwächst, jedes Tier, das ihm im Garten begegnet, löst Gedanken, Erinnerungen, Geschichten über Natur und Kulinarik, Geschichte und Gegenwart, Mensch und Kreatur, Liebe und Literatur aus. Ein Selbstporträt des Künstlers als Gärtner, voller Lebensweisheit und Humor.

Meir Shalev, geboren 1948 in Nahalal in der Jesreel-Ebene, studierte Psychologie und arbeitete viele Jahre als Journalist, Radio- und Fernsehmoderator. Er ist einer der bekanntesten und beliebtesten israelischen Romanciers und erhielt 2006 den Brenner Prize, die höchste literarische Auszeichnung in Israel. Zuletzt erschien sein Roman Zwei Bärinnen Yedioth Ahronoth

Textauszug

{12} Ein neues Zuhause

I nmitten des Gartens steht das Haus, in dem ich wohne. Ich erinnere mich gut an den Tag, als ich es zum ersten Mal sah. Auf der Suche nach einem Eigenheim außerhalb der Stadt reiste ich damals zwischen Moschawot und Moschawim umher, guckte, klopf te an Türen, fragte Lebensmittelhändler und traf Bauernverbandssekretäre, sprach mit Vätern und Müttern und tuschelte mit Söhnen und Töchtern. Ich sah so einige Häuser, die in Frage kamen, aber dieses liebte ich auf den ersten Blick: ein einfaches, kleines Haus von der Sorte, wie man sie früher für Neueinwanderer baute. Ein sieches Rasenstückchen davor, Dornen und dürre Gräser ringsum und ein paar Zier- und Obstbäume, teils halb verdurstet.

Das Haus stand an einem Hang, der von der Straße nach hinten abfiel. Ich ging hinunter und um das Haus herum - und siehe da, eine Überraschung: weites Land bis zum westlichen Horizont. Im Vordergrund zwei bebaute Felder mit einigen schlanken Zypressen am Rand, dahinter zwei bewaldete Höhenzüge, impressionistisch dicht gesprenkelt mit allerlei Grünschattierungen: das Hellgrün der Tabor-Eiche, das Dunkelgrün der Kermes-Eiche, hier und da das glitzernde Grün eines Johannisbrotbaums und dazu das Grün der Terebinthen - das leicht verblichene der {13} Palästina-Terebinthe und das kräftigere der Mastix-Terebinthe. Und hinter alledem, im Sommerglast des Emek, der vertraute, bläuliche Höhenzug von einem Ende des Horizonts zum anderen - der Karmel. Von welchem Emek, welchem Tal, hier die Rede ist? Ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen, aber wer "das Emek", mit bestimmtem Artikel, sagt, meint stets das Emek Israel, die Jesreelebene.

Ich drehte mich um und betrachtete das Haus nun auch aus dieser Perspektive. Wegen seiner Hanglage ruhte es hinten auf schlanken Betonpfeilern, die einen Zwischenraum zwischen Haus und Erdboden schufen. Jemand hatte dort einen Hühnerkäfig aus Draht aufgestellt. Ich lugte hinein und sah vier kleine, gefiederte Kadaver, so trocken wie der Blechtrog daneben. Als dieser Jemand weggezogen war, hatte er die Hühner im Käfig einfach verhungern und verdursten lassen. Doch das Haus erfüllte mich mit der Freude aufkeimender Liebe, und nicht einmal diese Bosheit tat ihr Abbruch.

Ich musterte die Bäume und Sträucher ringsum: ein alter Birnbaum, ein siecher Zitronenbaum, ein schattenspendender Pekannussbaum, ein Paternosterbaum und eine Jakaranda, zwei Eichen und drei Terebinthen. Auch ein zäher, hoher Feigenkaktus wuchs dort sowie eine saftige Hanfpflanze, deren frisches Grün von der braunen und gelben Umgebung abstach. Ich fragte mich: Wer pflegt und gießt sie so hingebungsvoll? Vor dem Haus standen zwei Feigenbäume, die bereits Früchte angesetzt hatten, aber im Näherkommen sah ich die unheilverkündenden Häuf lein frischen Sägemehls am Boden. Bei eingehenderer Untersuchung der Stämme entdeckte ich auch die Öffnungen der Gänge, die {14} die Larven der Bockkäferart Batocera rufomaculata gegraben hatten, Anzeichen für den lauernden Tod in ihrem Mark, der die Feigenbäume dereinst zu Boden zwingen würde.

Der ganze Garten würde sichtlich viel Planung und Arbeit erfordern. Doch ich hatte, bei aller Liebe zur Natur, sehr wenig Erfahrung im Gärtnern - eigentlich nur die Erfahrung des Beobachters: bei meinem Großvater in Nahalal und bei meiner Mutter, seiner Tochter, in Jerusalem.

Mein Großvater war ein passionierter Gärtner und hatte auf seinem Land Reben, Obstbäume und einen Zitrushain gepflanzt. Ich beobachtete ihn gern, wenn er seine Weinstöcke ausdünnte und beschnitt. Seine Gesten faszinierten mich. Ich war ein kleiner Junge und konnte es nicht in Worte fassen, spürte jedoch, dass die Handgriffe eines guten Handwerkers die schönsten Bewegungen des menschlichen Körpers sind. Noch heute sehe ich einem Schreiner, Schlosser, Hufschmied, Steinmetz oder Bäcker gern bei

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