Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Das Genie

Das Genie

Erschienen 2017 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
656 Seiten
ISBN 978-3-257-60824-3

Kurztext / Annotation

Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wird von der Presse als "Wunderjunge von Harvard" gefeiert. Sein Vater triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit und weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird.

Klaus Cäsar Zehrer, geboren 1969 in Schwabach, ist promovierter Kulturwissenschaftler und lebt als freier Autor, Herausgeber und Übersetzer in Berlin. Er veröffentlichte u.a. zusammen mit Robert Gernhardt die Anthologie Hell und Schnell Das Genie

Textauszug

{9} Erster Teil

{11} 1

D as Erste, was Boris Sidis tat, nachdem er amerikanischen Boden betreten hatte, war, seinen beiden Reisebegleitern die Freundschaft zu kündigen. Sie hatten zwei Monate ihres Lebens miteinander geteilt, waren nachts im peitschenden Regen zwischen Radywyliw und Brody durch den Wald geirrt, um unbemerkt auf galizischen Boden zu gelangen, hatten sich erst nach Lemberg und von dort aus nach Wien durchgeschlagen, waren mit dem Zug nach Hamburg gereist, hatten eine Passage über Le Havre nach New York gekauft und drei Wochen unter Deck des Segeldampfers SS Lessing verbracht. Und nun standen Alexij und Wladimir morgens um halb acht, erschöpft von den Reisestrapazen und steinmüde, an der Südspitze Manhattans, im Rücken den gewaltigen Rundbau von Castle Garden, zwei von Millionen Einwanderern, die in den letzten Jahrzehnten dieses Tor zur Neuen Welt durchschritten hatten, und mussten sich von Boris zurechtweisen lassen wie Schuljungen.

Er habe bis jetzt geschwiegen, um das Ziel ihrer gemeinsamen Unternehmung nicht zu gefährden, sagte er. Aber nun, da es erreicht und die Stunde der Trennung gekommen sei, gebe es keinen Grund mehr zur Zurückhaltung. Trotz seiner Probleme mit dem linken Bein und {12} gelegentlicher Atemnot habe er während der gesamten Reise nicht ein einziges Mal über die widrigen Umstände geklagt, ganz im Gegensatz zu ihnen. Anstatt sich zu freuen, nach einem langen Tagesmarsch ein Bett in einer preiswerten Herberge vorzufinden, hätten sie sich fortwährend nur beschwert, über das knarrende Bettgestell, die klammen Decken, die Wanzen in den Matratzen. Anstatt dankbar zu sein, dass sie nicht einen einzigen Tag ohne Essen auskommen mussten, sei ihnen das, was sie von den Bauern bekommen hatten, nicht gut genug gewesen, das Brot zu hart, die Milch zu sauer, die Kartoffeln zu faulig. Anstatt sich mit jeder Werst, die sie zwischen sich und die Ukraine brachten, freier zu fühlen, hätten sie unaufhörlich gemurrt, über die Blasen an ihren Füßen, das schwere Gepäck, die Hitze, die Kälte, die Nässe, die Trockenheit, an allem hätten sie etwas zu mäkeln gefunden.

Kurzzeitig habe er gehoff t, dass wenigstens an Bord damit Schluss wäre. Von vereinter Wind- und Motorkraft wurden sie in kürzester Zeit über den Ozean geschoben, bei Vollverpflegung und mit einem Maß an Sicherheit und Komfort, von dem die Seefahrer aller Zeiten bloß hätten träumen können. Aber natürlich hätten sie sich gleich wieder an etwas gestört, an der abgestandenen Luft in den Kabinen, der Enge, der Dunkelheit und der Langeweile, die sie von früh bis spät mit Kartenspielen zu überwinden versuchten, freilich ohne Erfolg, weil derlei nichtiger Zeitvertreib die Langeweile nun einmal nicht besiege, sondern überhaupt erst erzeuge. Aber um das Offensichtliche zu sehen, dafür reiche es bei ihnen augenscheinlich nicht hier oben.

{13} Boris tippte sich an die Stirn und wartete einen Moment, um ihnen Gelegenheit zur Erwiderung zu geben, doch da sie ihn nur stumpf anglotzten wie zwei Karpfen, fuhr er fort.

Die Entscheidung, sein amerikanisches Leben ohne sie zu beginnen, habe er vorhin getroffen, bei der Einfahrt in den Hafen, als das Schiff an dem gigantischen Monument vorüberglitt, das sich im Dämmerlicht gegen den Morgenhimmel abzeichnete. Ein ergreifender Anblick, für ihn ebenso wie für alle anderen Passagiere, die in andächtiger Stille auf dem Deck standen. Alle waren tiefbewegt, viele weinten vor Rührung. Nur Wladimir fiel nichts Besseres ein, als Spekulationen darüber anzustellen, was dieses Trumm wohl gekostet hatte, und daraus auf die Reichtümer zu schließen, die ihn in Amerika erwarteten. Schlimmer noch Alexij, der in der Gestalt lediglich ein dralles Riesenweib im Nachthemd erkennen konnte und an diese ohnehin reichlich geistverlassene Bemerkung einige Phantasien von unaussprechlic

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Klaus C. Zehrer, geb. 1969 in Schwabach (Mittelfranken), studierte Angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Titanic. Er lebt als freier Autor in Berlin.

Drucken

Kundenbewertungen

11,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!