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Cover Leinsee

Leinsee

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
368 Seiten
ISBN 978-3-257-60874-8

Kurztext / Annotation

Karl ist noch nicht einmal dreißig und hat sich schon als Künstler in Berlin einen Namen gemacht. Er ist der Sohn von August und Ada Stiegenhauer, dem Leinsee

Textauszug

{7} Kanarienvogelgelb und silbern

D ieses Gelb war unangemessen. Woher die Farbe kam, konnte Karl sich nicht erklären. Soweit er sich erinnerte, hatte er nichts Gelbes gegessen. Seit zwanzig Minuten kotzte er sich - ja, was eigentlich - aus dem Leib. Kanarienvogelgelb in silberner ICE -Kloschüssel, ganz hübsch, ein schönes Bild für - ach, auch egal.

Mara hatte ihm verboten, mit dem Auto zu fahren, weil er betrunken sei und durch den Wind.

Mara. Als der Anruf gekommen war, war sie ans Telefon gegangen. Sie hatte die Stirn gerunzelt und gesagt: "Ja. Einen Moment." Sie hatte ihm den Hörer gereicht und ihn nicht mehr aus den Augen gelassen, die Hand auf der Brust in Ahnungspose, zu allem Überfluss auch noch umleuchtet von der Sonne, die hinter ihr durchs Fenster fiel. Mara Dolorosa.

Wahrscheinlich holte sie gerade sein schwarzes Jackett aus der Reinigung. Das war eigentlich für die Vernissage gewesen. Praktischer Zufall, dachte {8} Karl und ärgerte sich sofort darüber. Andererseits: Irgendetwas musste er ja denken, er konnte ja nicht einfach aufhören damit, und dieser Gedanke war genauso gleichgültig wie jeder andere. "Soll ich mitkommen?", hatte Mara gefragt, und Karl hatte den milden Ton in ihrer Stimme nicht ertragen und gesagt: "Nein. Komm dann zur Beerdigung."

Erhängt, hatte der Mann am Telefon gesagt. Karl überlegte seitdem, wie das aussehen musste: sein Vater, erhängt. Am Lampenhaken, im Salon, in Leinsee. Aber er bekam nicht mal mehr zusammen, wie sein Vater im Leben ausgesehen hatte. Vor allem das Gesicht fehlte. Er erinnerte sich nur an den doppelköpfigen Umriss seiner Eltern, Arm in Arm in flackernden Fernsehbildern. Ada und August Stiegenhauer, das Künstlerpaar, die Ikonen des späten zwanzigsten Jahrhunderts, leuchtend und schön, abwechselnd redend und nickend. Wenn er sich anstrengte, sah Karl seine Mutter vor sich. Dunkle Augen, geschwungene Lippen, viel Stirn und scharfe Brauen in Schwarz. Das Gesicht des Vaters aber hatte er verloren. Nicht mal mehr ungefähr hatte er es vor Augen. Stattdessen die schöne, konkrete Oberfläche der Silberschüssel.

Früher hätte jemand in seiner Situation das Gleisbett durch das Kloloch sehen können, dachte Karl, das wäre vielleicht ein tröstlicher Anblick {9} gewesen, das gleichmäßige Vorbeiziehen der Schwellen, wahrscheinlich tröstlicher als die Landschaft. Er versuchte, den Gedanken festzuhalten. Aber da musste er schon wieder kotzen.

Rachen, Zunge, Nase, alles brannte. Der Schmerz tat gut. Das war wenigstens eine Wahrnehmung. Was Karl verrückt machte hier drin, war das Fehlen der Geräusche. Kein Rattern, nichts. Alles, was er hörte, kam aus ihm selbst oder von anderen Menschen an Bord, Schritte und Gemurmel im Gang.

Karl stand auf und stützte sich auf das Waschbecken. Sein Gesicht im Spiegel war nicht zu fassen, es kippte hin und her wie ein Vexierbild. Er griff sich ein paar Papierhandtücher, hielt sie unters Wasser und wischte sich den Mund ab. Im Spiegel fischte er nach seinen Augen, als er sie hatte, fixierte er sie einen Moment lang, atmete zweimal ein und aus und trat dann auf den Gang hinaus, in die besorgten Blicke der wartenden Fahrgäste.

Wahrscheinlich hatten sie die Kotzgeräusche gehört. Und alles in allem war er wohl kein besonders erbaulicher Anblick. Er schwitzte und fror. Außerdem spürte er deutlich, dass er nicht unerheblich geschrumpft war, das musste irgendwie mit der Fahrtrichtung zusammenhängen. Vielleicht irritierte die Leute auch, dass er ein Kippbild war. Also glotzten sie eben, was sollten sie machen, das {10} hatte er erwartet. So höf lich er konnte, nickte er allen der Reihe nach zu, dann hangelte er sich zurück in sein Abteil.

Dort war es etwas besser, dort waren es nur noch zwei, beide allein reisend, beide mit Buch, eine junge Frau im blauen Kleid, mit Zopf und nackten Füße

Beschreibung für Leser

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