Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.
Cover Requiem für einen spanischen Landmann

Requiem für einen spanischen Landmann

von Ramon J. Sender; Übersetzt von: Thomas Brovot

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
128 Seiten
ISBN 978-3-257-60878-6

Kurztext / Annotation

In einem kleinen aragonesischen Dorf will der Priester Mosén Millán die Totenmesse für Paco el del Molino halten. Während er auf die Gemeinde wartet, zieht das Leben des jungen Mannes an ihm vorbei. Weltgeschichtliche Umwälzungen bahnten sich an, als die Schergen des Todes Paco im Vorjahr holten. Auch sich selbst kann der Priester nicht freisprechen von einer Mitschuld. Ein moderner Klassiker über Gewissenskonflikte, Mut und Macht.

Ramón José Sender, geboren 1901 in Aragonien, war Journalist und Autor. Er nahm auf der Seite der Republikaner am Bürgerkrieg teil. Über die Hälfte seines Lebens hat er im Exil verbracht: in Frankreich, Mexiko und seit 1942 in Amerika, wo er Literatur unterrichtete und 1982 in San Diego, Kalifornien, starb.

Textauszug

{7} D en Kopf gesenkt, das Kinn über dem Gewand für die Seelenmesse, saß der Pfarrer auf seinem Stuhl in der Sakristei und wartete. Es roch nach Weihrauch. In einer Ecke lag noch ein Bündel Olivenzweige von Palmsonntag. Die Blätter waren vertrocknet, wie aus Metall. Wenn Mosén Millán in die Nähe kam, passte er auf, dass er sie nicht berührte, weil sie sich gleich lösten und zu Boden fielen.

Ab und zu zeigte sich der Messdiener in seinem weißen Chorhemd und verschwand wieder. Durch die beiden Fenster, die auf den kleinen Pfarrgarten hinausgingen, drangen belanglose Geräusche herein.

Irgendwer fegte wie toll, der trockene Besen fuhr über die Steine, eine Stimme rief: "María ... Marieta ..."

Nahe dem einen Fenster, das halb offen stand, hatte sich eine Heuschrecke in den Zweigen eines Strauchs verfangen und zappelte verzweifelt. Ein {8} Stück weiter, beim Dorfplatz, wieherte ein Fohlen. 'Ja', dachte Mosén Millán, 'das muss das Fohlen von Paco del Molino sein, das wie immer durch die Straßen läuft.' Und dann dachte er, dass dieses Fohlen eine ständige Erinnerung an Paco war, an sein unglückliches Ende.

Die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt, die Hände gefaltet über dem schwarzen, goldbestickten Gewand, betete er weiter. Schon seit einundfünfzig Jahren sprach er diese Gebete, und so hatte sich eine Routine eingestellt, die es ihm erlaubte, seine Gedanken woandershin zu lenken, ohne das Gebet zu unterbrechen. Und in Gedanken schweif te er durch den Ort. Er wartete auf die Angehörigen des Verstorbenen. Bestimmt würden sie kommen - sie mussten einfach kommen -, schließlich war es ein Gedenkgottesdienst, auch wenn er die Messe las, ohne dass jemand sie bestellt hätte. Die Freunde des Verstorbenen hoffte Mosén Millán ebenfalls zu sehen. Aber wer konnte das schon wissen. Fast das ganze Dorf war mit Paco befreundet gewesen, alle außer den beiden wohlhabendsten Familien: den Familien von Don Valeriano und Don Gumersindo. Die dritte reiche Familie, die des Herrn Cástulo Pérez, war weder Freund noch Feind.

Der Messdiener kam herein und nahm eine Altarglocke, die dort in der Ecke stand. Den Klöppel {9} hielt er fest, damit sie nicht läutete. Als er wieder hinausgehen wollte, fragte Mosén Millán: "Sind die Angehörigen schon da?"

"Welche Angehörigen?", fragte der Messdiener zurück.

"Tu nicht so. Erinnerst du dich nicht an Paco del Molino?"

"Ach, der, natürlich, Herr Pfarrer. Aber bisher ist niemand in der Kirche."

Der Junge ging zurück in den Altarraum, in Gedanken bei Paco del Molino. Wie sollte er sich nicht an ihn erinnern? Er hatte ihn sterben sehen, und nach seinem Tod hatte im Dorf ein Lied die Runde gemacht. Ein paar Verse fielen ihm wieder ein:

Da geht er hin, verurteilt schon,

der gute Paco del Molino,

der bitter um sein Leben weint

auf dem langen Weg zum Friedhof.

Aber das mit dem Weinen stimmte nicht. Der Messdiener hatte Paco mit eigenen Augen gesehen, und er hatte nicht geweint. 'Aus dem Wagen des Herrn Cástulo heraus habe ich ihn gesehen, ihn und die anderen, ich hatte den Beutel für die Letzte Ölung dabei, damit Mosén Millán den Toten die Füße salben konnte.' Das Lied über Paco ging dem {10} Messdiener nicht aus dem Kopf, und wie von selbst nahmen seine Schritte den Rhythmus auf:

... und als sie bei der Mauer sind,

gebietet der Zenturio: Halt!

Das mit dem Zenturio schien dem Messdiener eher zur Semana Santa zu passen, zu den Figuren beim Gebet im Garten Gethsemane. Durch die Fenster der Sakristei wehte nun ein Duft von verbrannten Kräutern, und in Mosén Millán weckte dieser Duft - ohne dass er im Beten innehielt - wehmütige Erinnerungen an seine eigene Jugend. Jetzt war er alt, sagte er sich, bald schon in diesem Alter, in dem das Salz seinen Ges

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Drucken

Kundenbewertungen

16,99 €
(inkl. MwSt.)
EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!
Maximaler Downloadzeitraum: 24 Monate