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Cover Sommerfrauen, Winterfrauen

Sommerfrauen, Winterfrauen

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
416 Seiten
ISBN 978-3-257-60916-5

Kurztext / Annotation

Ein Film über Sex. Rauh und radikal. In New York. Das ist die Aufgabe, die Jonas gestellt bekommt. Aber wie soll der überforderte Regiestudent ausgerechnet in der düstersten Ecke der Lower East Side und umgeben von gestrandeten Künstlerexistenzen einen Film drehen? Als er auf Nele trifft, eine schillernde, eigensinnige Sommerfrau, öffnet sich sein Blick für das wahre Ziel seiner Reise: die Begegnung mit der eigenen ungeheuerlichen Familiengeschichte.

Chris Kraus, geboren 1963 in Göttingen, ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Romancier. Seine Filme (darunter Scherbentanz Poll Vier Minuten Die Blumen von gestern

Textauszug

{21} 1 . Tag

Dienstag, 17 . 9 . 1996 , 16 Uhr, London Heathrow

Mein rotes Hemd flattert unregelmäßig. Vom Herzen geschüttelt. Die Ohren brennen lichterloh. Ich bin auf dem Flughafen London Heathrow und warte auf den Anschlussflug.

Endlich nach New York.

17 . September. Vier Uhr.

Heiß.

Ich hasse Fliegenmüssen.

Gestern, während des Abschlusstreffens.

Ich fand in Lilas Wohnung ein Fax nach Amiland. Er schrieb jemandem, den er "darling" nannte, dass er sich fühle "like three pink rats running through" . Das trifft es. Wenn Lila nervös ist, hat man das Gefühl, seine Lücke zwischen den Schneidezähnen werde größer, wie ein Kanonenschlitz. Sein schöner Humor verschwindet dann auf ganz ähnliche Weise wie bei mir hinter penibler Schulmeisterei, die subtil sein will. Aber subtil ist gar nichts an ihm. Er ist ein typischer Schütze, würde Mah sagen. Besteht ganz aus Triebkraft, die er in Idealismus umdekoriert.

{22} Der ganze Tag gestern war ein einziges Chaos. Sinnstiftung durch eine neue, billige Schwarzhose, ein schlafanzugartiges Sweatshirt mit blau-gelben Längsstreifen, in dem ich aussehe wie ein Verurteilter, und eine sehr schicke dunkle Jacke, die praktisch gar nichts kostete.

Ich kauf te alles beim Lieblings-Karstadt, innerhalb von zwanzig Minuten, wie ein Scheich. Einen Anzug konnte ich mir natürlich nicht leisten.

Lila hat mir eines seiner schwulen Jacketts geliehen, eine Art napoleonischen Militärrock, elfenbeinweiß, mit doppelter Knopf leiste. Man denkt an Kavallerieattacken bei Austerlitz.

Ich soll schön aussehen.

In mein Portemonnaie habe ich ein paar Kondome gepackt, eher mechanisch. Mah stand neben mir und hat gelacht, aber nicht vor Freude.

"Du guckst drauf, als wär's Munition", sagte sie.

Dabei weiß sie, dass sie sich keine Sorgen machen muss.

Sie macht sich aber trotzdem ein paar Sorgen. Um die Liebe und auch um mich. Wir sind jetzt seit drei Jahren zusammen. Seit über drei Jahren. Wir sehen keine Risse, fangen aber an zu lauschen. Hin und wieder knackt da was.

Gestern beim Sex hielt sie mir die ganze Zeit die Hände fest. Ich fragte, ob sie weint. Aber es war nichts.

Ich glaube, Europäer und Asiaten gehen mit ihren Gesichtsausdrücken völlig unterschiedlich um. Mahs Stirnfalte zum Beispiel. Wieso tritt die nicht wie bei mir hervor, wenn es Grund zum Ärgern gibt? Sondern immer nur vorm Orgasmus? Die fundamentalen Emotionen - Freude, {23} Überraschung, Angst, Wut, ja, sogar Trauer - kann Mah jedenfalls mit dem ewig gleichen, melancholischen Lächeln ausdrücken, das ihr angeboren zu sein scheint. Sie sagt, das kenne sie von Vietnamesinnen auch nicht anders. Was man mit dem Mund macht, oder mit der Stirn, bleibt in Vietnam ohne Wirkung. Wichtig sind nur die Augen. Es gibt nichts anderes, um aus dem Gegenüber schlau zu werden, und Mah versucht immer, in meinen Augen zu lesen. Mein Mund ist ihr egal.

Vorhin in Tegel schüttelten wir uns. Sie küsst jetzt viel weicher als am Anfang (also ganz egal ist ihr mein Mund auch wieder nicht). Seit Michis Tod ist sie mein einziger wirklicher Freund und meine halbe Familie.

Sie hat mir das Leben gerettet.

Jetzt warte ich hier in London im Terminal 4 . Gerade geht eine Alarmanlage los. Ein schriller Sirenenton, kilometerweit zu hören. Ich schaue in das Gesicht eines vollendet gelassenen Inders neben mir, der sein Ticket studiert. Die Engländer (selbst die indischen Engländer) haben alle diese Ich-mache-mir-aus-Prinzip-keine-Sorgen-Gesichter.

Ist eine Maschine explodiert? Ein Feuer ausgebrochen?

Jetzt geht es schon vier Minuten.

Ich muss in den Flieger.

Beschreibung für Leser

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