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Cover Spinner

Spinner

Erschienen 2018 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
320 Seiten
ISBN 978-3-257-60928-8

Kurztext / Annotation

"Ich habe keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart." Jesper Lier, 20, weiß nur noch eines: Er muss sein Leben ändern, und zwar radikal. Er erlebt eine turbulente Woche und eine wilde Odyssee durch Berlin. Ein tragikomischer Roman über Freundschaft, das Ringen um seine Träume und über die Angst, wirklich die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur zog er nach Berlin und widmete sich dem Schreiben, seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman Vom Ende der Einsamkeit

Textauszug

{9} Montag

{11} Gelächter im Dunkeln

I ch habe diese eiskalten Hände. Menschen schrecken immer zurück, wenn sie mir die Hand geben. Und dann starren sie auf meine langen, weißen Finger, die einem gerade verstorbenen Pianisten gehören könnten, und nachdem sie auf meine Finger gestarrt haben, schauen sie mir ins Gesicht und wirken für einen Augenblick überrascht, dass ich noch lebe, bei diesen toten Händen. Deshalb bekam ich schon früh einen Komplex. Immer wieder holte ich meine Hände aus ihrem Lieblingsversteck, den Hosentaschen, hervor und betrachtete sie minutenlang. Vor allem, wenn ich nervös war. Und vor einigen Jahren, als der ganze Wahnsinn geschah, war ich oft nervös.

Ich fuhr damals mit der S 5 Richtung Ostbahnhof. Es ruckelte, doch die Frau mir gegenüber hielt die Augen geschlossen. Ich musste gähnen und legte den Kopf in den Nacken. Dann ruckelte es zum zweiten Mal, und mein Koffer fiel auf den Boden. Ich stand auf und stellte ihn wieder hin.

Ein Blick auf die Uhr: kurz nach Mitternacht, Montag früh. Es war wenig los, niemand stieg ein außer einem angetrunkenen Obdachlosen, der vergeblich versuchte, seine Zeitungen und seine Lebensgeschichte loszuwerden. "Alles Wichser!", rief er in meine Richtung, als er ausstieg.

{12} Ich sagte nichts, betrachtete nur meine Hände mit den dünnen langen Fingern. Dann ruckelte es erneut, und mein Koffer fiel wieder um. Diesmal ließ ich ihn liegen.

Wir hielten am Bahnhof. Ich dachte an meine Rückkehr nach München. Meine Mutter zog mit meinem Bruder in eine kleinere Wohnung, und ich hatte versprochen, ihnen zu helfen und meinen Kram auszumisten. Seit der Sache mit meinem Vater und meinem Umzug hatte ich mich zu Hause nicht mehr blicken lassen. Das war über ein Jahr her. Nach München zurückzukehren war das Letzte, was ich wollte. Wahrscheinlich war ich eine Woche früher aufgebrochen als geplant, um es schneller hinter mich zu bringen. Vielleicht vermisste ich aber auch nur das, was von meiner Familie übriggeblieben war. Vielleicht.

Ich betrat die Bahnhofshalle. Während ich meinen schwarzen Samsonite-Trolley hinter mir herzog, kam mir ein blondes Mädchen entgegen, das genau den gleichen Koffer im Schlepptau hatte.

"Schichtwechsel", sagte ich zu ihr, dann war sie auch schon an mir vorbeigegangen.

Ich musste lächeln, da ich mir einbildete, sie hätte mir einen intensiven Blick zugeworfen. Träumer, dachte ich. Nach ein paar Schritten drehte ich mich noch mal um, doch das Mädchen war weg.

Mein Zug traf erst in dreißig Minuten ein. Ich kauf te mir einen Kaffee, nippte daran und verbrannte mir die Zunge. Während ich zum Gleis ging, versuchte ich mir die Wohnung in München vorzustellen, den Geruch, mein altes Zimmer, {13} die gemütliche Küche. Dort hatten wir, als mein Bruder und ich noch Kinder gewesen waren, oft Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Ich hatte es geliebt, wenn es draußen regnete und wir drinnen im Warmen saßen und würfelten. Lange her. Jetzt kam es mir so vor, als seien es die Erinnerungen eines anderen.

Es war kalt am Bahnhof, ich knöpfte meinen Mantel zu und setzte mich. Eine Familie kam an mir vorbei. Der Vater schob einen Gepäckwagen, auf dem ein kleiner Junge saß. Die Mutter strich ihm liebevoll über den Kopf. Der Kleine murmelte etwas, und dann lachten alle. Deprimierend, wie glücklich die waren. Das passierte mir immer. Wenn ich schlecht drauf war, tauchten auf einmal von irgendwoher so scheißfröhliche Menschen auf. Ich schmiss den Kaffeebecher weg.

Plötzlich fuhr ich hoch. Die Kerze! Ich hatte beim Verlassen der Wohnung bestimmt wieder vergessen, die Kerze auf meinem Schreibtisch auszublasen. Vielleicht brannte schon das ganze Zimmer! Sicher war ich mir zwar nicht, aber besser kein Risiko eingehen. Ich stand auf und umklammerte den Griff des

Beschreibung für Leser

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