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Cover Caliban Berlin

Caliban Berlin

Kolumnen 1980-1984

Erschienen 2019 bei Diogenes
Sprache: Deutsch
368 Seiten
ISBN 978-3-257-60977-6

Kurztext / Annotation

Box-Abende, ein Papstbesuch, die Demokratie, der Kulturbetrieb und der ganze wunderbare Zeitgeist - der vorliegende Band versammelt 55 entlarvende Kolumnen, die der unkorrumpier-, aber nicht unbeeindruckbare Fauser unter anderem unter dem Namen Caliban tip

Textauszug

Calibans Kolumne

Blick in die Zukunft

Die Gegend wurde immer trostloser. Hochhauswaben, Ausfallstraßen, Autobahnzubringer, dazwischen in ergrautem Grün Mietskasernen, Reihenhäuser, Einkaufszentren, der TÜV , die Großtankstelle, die Bowlingbahn, die Pizzabude, der ganze Plunder, den die Stadt aufs Land kippt, um es sich einzuverleiben - aber Stadt wird diese Gegend nie. Sie bleibt Zwischenzone. Niemandsland.

Als das Taxi hielt, hätte ich am liebsten gesagt: Warten Sie hier, aber dann fiel mir ein, dass der Mann, den ich aufsuchte, Telefon hatte, also zahlte ich, und das Taxi fuhr weg. Der Himmel zwischen den TV -Antennen war wie eine dunkle Ahnung.

Das Haus war Teil eines Blocks im Stil des sozialen Wohnungsbaus der frühen 50 er Jahre - flache Dächer, Treppenhausfenster wie Schießscharten, Anstrich von der Farbe verdünnter Hühnersuppe. Es fehlten nur die Roller vor der Haustür, der Adenauer an der Litfaßsäule und die Capri-Fischer im Radio. Von ihrem Hochsitz im dritten Stock beobachtete mich eine Frau mit blauen Lockenwicklern im Haar. Ein seltsames Lächeln zog an ihren Mundwinkeln. Wusste sie, zu wem ich ging? Ich starrte zurück. Sie zog die Gardinen zu. Ich klingelte.

Der Mann, der mich an der Wohnungstür empfing, war mittelgroß, ziemlich massig, mit einem weißblonden Haarkranz und dicken Brillengläsern. Ich schätzte ihn auf etwa sechzig. Seine Kleidung und die Einrichtung des fensterlosen Zimmers, in das er mich führte, erinnerten auch an alte Zeiten, als die Leute noch mit simplen Gebrauchsgegenständen ausgekommen waren. Der altmodische Bücherschrank enthielt Lexika und Klassik, darunter der ganze Goethe. In einer Ecke stand ein Koffer, als sei der Mann erst gestern eingezogen und erwarte keinen langen Aufenthalt. Wir setzten uns. Mir fiel auf, dass er asthmatisch keuchte. Seine Hände zitterten. Er sah mich an.

"Sind Sie zum ersten Mal bei einem Astrologen?"

Ich steckte mir gerade eine Zigarette an und blies den Rauch weg, um seinem Asthma das Gröbste zu ersparen. Meine Antwort fiel wohl etwas undeutlich aus, denn er sagte mit unnötig lauter Stimme: "Ich bin schwerhörig, ich trage zwar ein Hörgerät, lese aber von den Lippen ab, bitte sprechen Sie deutlich."

"Sind Sie Astrologe im Hauptberuf?", fragte ich. Ich ertappte mich dabei, dass ich auf seine Lippen starrte.

"Ja", sagte er und breitete Papiere aus, "ich mache das, seit ich 18 bin. Vor 30 Jahren hab ich fünf Mark für ein Horoskop bekommen, heute bin ich natürlich teurer. Und nun sagen Sie mir Ihren Geburtstag, Ihre Geburtsstunde und Ihren Geburtsort."

Ich sagte sie ihm. Dann begann er, mein Horoskop zu erstellen. Bei den Berechnungen benutzte er keinen Taschenrechner. Alte Schule. Seine Hände zitterten zwar, aber er konnte mit dem Zittern umgehen. Ich drückte die Zigarette aus und rauchte dann nicht mehr. Während er berechnete und die Zeichen eintrug, stellte er mir Fragen. Ich hatte nicht vorgehabt, ihm meinen Beruf zu sagen, aber er bekam ihn auch so heraus. Dass ich nicht verheiratet war, machte ihm zunächst zu schaffen, bis er schließlich sagte: "Sie sollten überhaupt nicht heiraten, auf keinen Fall vor Oktober 1981 , und nur eine Frau, die geistig zu Ihnen passt. Bei Ihrem Leben kommt nichts andres in Frage."

Das war mir natürlich schon seit längerem klar, aber gerade weil mir eigentlich fast alles, was er mir sagte, irgendwie schon klar war, hatte ich allmählich das Gefühl, dass er mich ganz schön einkreiste. "Jemand wie Sie kann kein Angestellter sein. Ich wollte auch immer selbständig sein, aber das Leben ist dann schon schwerer, nicht wahr?" Seine Brille funkelte. Ich trug auch eine Brille, aber ich glaube nicht, dass sie funkelte. Ich bekam allmählich einen heftigen Durst und hörte zu, wie er mich auseinandernahm.

"Millionär werden Sie

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